Die EGC muss besser wahrgenommen werden

0

Tina Reiche, Geschäftsführerin der Entwicklungsgesellschaft Cottbus mbH, im großen Hermann-Interview

Seit  1. September 2017 ist Tina Reiche Geschäftsführerin der  Entwicklungsgesellschaft Cottbus mbH. Wir sprachen mit ihr über ihre Aufgaben, das Potenzial der Region, das Image der EGC und das Zusammenspiel der Akteure im Wirtschaftsraum Lausitz.

Seit wann sind Sie in Cottbus?
Ich bin gebürtige Cottbuserin. Bis auf eine 10-jährige Unterbrechung, in der ich nie den Kontakt in die Region verloren habe, lebe ich seit meiner Geburt hier. Und das ist gut so!

Wie finden Sie die Stadt?
Cottbus ist meine Heimat. Ich kenne die Mentalität der Menschen vor Ort, ihren Charme, den direkten, ehrlichen und herzlichen Umgang der Menschen untereinander. Wir haben viele Bürger vor Ort, die sich mit Unternehmergeist, Herzblut und aus Überzeugung für unsere Stadt engagieren. Schauen Sie sich Cottbus vor der Wende und im Jahr 29 danach an. Wir haben in der Region viel erreicht und können selbstbewusst nach außen strahlen. Allerdings haben wir auch einige Chancen ungenutzt verstreichen lassen.

Worin steckt hier Ihrer Meinung nach das Potenzial? Wird es ausgeschöpft?
Ich reihe mich mit meiner Antwort sicher in den Reigen derjenigen ein, die wiederholt die engere Verzahnung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und die Ansiedlung von Forschungseinrichtungen fordern. Auch in meinen Augen zwei der Schlüssel für wirtschaftliches Wachstum. Die Region ist vorrangig geprägt von einer kleinteiligen Unternehmensstruktur und dem Fehlen von großen und bekannten Firmen. Letztere werden, realistisch gesehen, kaum zu erwarten sein, jedoch lassen wir auch hier nichts unversucht. Der Schwerpunkt unserer Tätigkeit wird darin liegen, die Kleinteiligkeit der Unternehmensstrukturen und die fehlende Wachstumsgeschwindigkeit von innen heraus zu beheben. Die Einbindung der BTU als einen Motor für die Region und in unsere Arbeit ist demnach ein wichtiges Element. Zügig und gesund wachsende Unternehmen sind ein Garant für die Schaffung von Arbeitsplätzen. Es ist unbestritten, dass Unternehmen, die sich verstärkt zukunftsträchtigen F&E Vorhaben widmen, höhere Wachstumschancen attestiert werden. Forschungskooperationen können an dieser Stelle beschleunigend wirken. Weitere Potenziale liegen in der Internationalisierung von Unternehmen. Die Regulierung der Stromnetze durch den zunehmenden Ausbau der erneuerbaren Energien, die erforderliche Prozessoptimierung durch die Einbindung anderer Energieträger und das Wissen hierüber lassen uns über die Bundesgrenzen hinweg zum Vorreiter eines gelungenen Transformationsprozesses im Bereich der Energiewirtschaft werden. Wir haben eine lange Industrietradition und -erfahrung, die damit einhergehende Akzeptanz in der Bevölkerung sowie eine große Anzahl an Industrie- und Gewerbeflächen. Und das nicht nur in Cottbus, sondern auch im Umland. Insofern ist es falsch, unsere Stadt als Insel zu betrachten, wenn es darum geht, Potenziale zu generieren. Wir arbeiten bereits jetzt eng auf interkommunaler Ebene zusammen, wenn es beispielsweise darum geht, einen Korridor zwischen Cottbus als Wissenschaftsstandort und dem Industriestandort Schwarze Pumpe / Spremberg zu schaffen. Das setzt langfristige regionalplanerische Überlegungen voraus.
Auch bietet uns der Bereich der Digitalisierung enorme Entwicklungsmöglichkeiten, um im Standortwettbewerb erfolgreich zu sein. Das beginnt beim Umbau der städtischen Verwaltung in eine dienstleistungsorientierte, bürgernahe Verwaltung und zieht sich durch alle Bereiche unseres Lebens. Die digitale Agenda der Stadt Cottbus wird und muss an Fahrt aufnehmen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Weitere Potentiale liegen in der Kreislauf- bzw. Recyclingwirtschaft. Diese nimmt in Zeiten knapper werdender Ressourcen klar an Bedeutung zu. Auch das Gesundheitswesen ist unter Beachtung demographischer Entwicklungen ein weiterer Wachstumsmarkt. Die Stadt Cottbus, als eines der wichtigsten medizinischen Versorgungszentren im Land Brandenburg, stellt sich nicht nur im Bereich der Medizintechnik, sondern auch in der Forschung darauf ein. Eine gemeinsame gesundheitliche Fakultät der Uni Potsdam, der BTU und der medizinischen Hochschule Brandenburg in Neuruppin, wie sie derzeit angedacht ist, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Vorgenannte Beispiele sind nur einige, deren Potentiale wir derzeit sondieren und mit konkreten Projekten sukzessive umsetzen werden.

Sie sind seit Herbst vergangenen Jahres Geschäftsführerin der EGC. Was sind Ihre Vorhaben, haben Sie als Geschäftsführerin Ziele abgesteckt, die Sie gern erreichen möchten?
Die EGC muss sich von ihrem teilweise negativen Image befreien und als das wahrgenommen werden, was sie ist: als Wirtschaftsförderung der Stadt Cottbus und erster Ansprechpartner für die wirtschaftlichen Belange der Stadt. Wir arbeiten derzeit eine nicht unerhebliche Anzahl von Projektanfragen, die an uns herangetragen werden, ab. Wir können mittlerweile auf eine sehr gute und auf einem hohen Niveau stattfindende Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung des Landes Brandenburg blicken. Ich setze mich als Geschäftsführerin bewusst nicht dem Druck aus, der mit meinem Amtsantritt verbunden war. Wir werden eine stabile, strukturierte und nachhaltige Wirtschaftsförderung aufbauen. Es hilft keinem, wenn die EGC mit Phrasen und Aktionen daherkommt, die gehaltlos sind und die Menschen in letzter Konsequenz nur enttäuschen. Eine solide Wirtschaftsförderung braucht einen langen Atem. Das bedingt Vertrauen in meine Person und die Arbeit der EGC. Die Herausforderungen, denen die EGC ausgesetzt ist, sind nicht von heute auf morgen lösbar. Interne Prozessoptimierungen und erfolgreiche Projektarbeit benötigen Zeit. Die derzeitigen Konjunkturdaten stimmen uns positiv. Jeder Konjunkturzyklus beinhaltet jedoch auch rezessive Phasen, auf die wir uns vorbereiten müssen. Erschwerend kommen an dieser Stelle noch bundes- und landespolitische Weichenstellungen hinzu, deren Sinnhaftigkeit sich auch nach dem ersten Hinsehen nicht komplett erschließen. Das macht es für uns als Standort Cottbus, aber auch für die Lausitz, ungleich schwerer, erfolgreich zu agieren. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass wir diese Herausforderungen meistern werden.

Wie takten Sie sich ein in den Chor der verschiedenen Akteure in der Region wie WIL, Zusammenschluss der Bürgermeister der Lausitz oder Universität Cottbus/Senftenberg?
In der Tat eine große Herausforderung, nicht nur in zeitlicher Hinsicht. Wir haben derzeit größere regionale Plattformen, die sich dem Transformationsprozess der Lausitzer Wirtschaft verschrieben haben, unabhängig von der ohnehin sehr vielfältigen Akteurslandschaft vor Ort. Im Grunde genommen brauchen wir keine weiteren Runden, Initiativen und Verbände. Die Lausitz und Cottbus sind gut damit bestückt. Wir müssen die Aufgaben nur klarer abgrenzen und strukturieren. Was ist Aufgabe der Kammern, der lokalen Verwaltung, der Wirtschaftsregion, der zahlreichen Vereinigungen? Das bedingt möglicherweise, dass jeder ein Stück weit von seinem eigenen Selbstverständnis abrückt bzw. es neu definiert. Für Cottbus kann dies beispielsweise nur heißen, dass sich Investorenanfragen, kritische Belange von Cottbuser Unternehmen und der Transfer von Wissenschaft in die Cottbuser Wirtschaft bei der EGC bündeln müssen, um sie koordiniert bearbeiten zu können. Andernfalls drohen uns immer wieder Schnittstellenverluste, die uns Zeit und Ansehen kosten.
Außenstehende sind zuweilen verwirrt über die Akteursvielfalt, die sich der „Wirtschaft“ verschrieben haben. Unternehmen behelfen sich dann selbst und knüpfen ihre eigenen Netzwerke, weil sie vor der Vielzahl an Institutionen kapitulieren. Das kann nicht der richtige Weg sein. Die EGC ist jedoch mit den maßgeblichen Stellen in einem konstruktiven Austausch, um Missstände abzustellen und enger zusammenzuarbeiten.

Neu ist ja auch die Veränderung in der Struktur der EGC, die Begrenzung des Projektes wurde in dauerhaft umgestellt, ist nun ein ganz anderes Arbeiten möglich?
Das war ein notwendiger und wichtiger Schritt. Für eine Stadt in der Größenordnung von Cottbus ist eine Wirtschaftsförderung unabdingbarer Bestandteil wirtschaftlichen Lebens. Es stellt sich demnach nicht die Frage, ob eine Wirtschaftsförderung innerhalb einer Kommune sinnvoll ist, sondern wie viel Unterstützung diese Gesellschaft auch aus Politik und Verwaltung erhält, um erfolgreich zu agieren.

Wie stehen Sie zur Braunkohle – in Hinsicht auf den Beschluss, ein Gaskraftwerk in Cottbus zu bauen, obwohl Cottbus von der Kohle lebt und Teil eines Reviers ist?
Ich denke, der Geschäftsführer der Stadtwerke, Vlatko Knezevic, hat in den vergangenen Wochen und Monaten viel Zeit investiert, um den Bürgern bzw. politischen Entscheidungsträgern die Notwendigkeit der Gaskraftwerkserrichtung zu erläutern und auch zu verdeutlichen, dass Investitionen aufgrund bundespolitischer, aber auch von EU-Vorgaben, notwendig werden. Die kommunale Ebene ist meist das letzte Glied der Kette, auf die ein sehr dynamisches Umfeld wirkt. Ein nicht zu unterschätzender Konflikt, wenn es sich um langfristige Investitionsvorhaben handelt, die auf politische Entscheidungen stoßen, die in der nächsten Legislaturperiode verworfen werden. Die einzelnen Energieformen gegeneinander auszuspielen, halte ich zudem für wenig zielführend. Antworten auf komplexe energiepolitische Fragestellungen können nicht mit einem ausschließlich lokalen Blick beantwortet werden kann. Dafür ist das Energieversorgungssystem zu kompliziert und verflochten.“ Die Kohle ist schlecht“, „Gas macht uns abhängig“ und „Den Erneuerbaren fehlt es ohne Speicher an Nachhaltigkeit“ sind als Antworten zu plakativ und zielen an einer inhaltlich wertvollen Debatte vorbei. Die abschließende Beantwortung energiepolitischer Fragen ist oftmals schwierig, als dass man sie mit einer fettgedruckten Überschrift wie „Cottbus steigt aus der Kohle aus“ einleiten kann. Auch wenn ich manchmal den Wunsch vieler Menschen nach einfachen Antworten nachvollziehen kann. Wir haben nicht darüber zu urteilen, was gut oder schlecht ist, sondern, was uns dauerhaft und möglichst klimaschonend eine verlässliche Energieversorgung sichert. Die Diskussionen zu diesem Thema sind immer auch subjektiv geprägt und abhängig von politischen Entwicklungen, die wir nur bedingt beeinflussen können. Umso wichtiger ist es, dass sich die Politik in ihren außen- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen ihrer immensen Verantwortung bewusst wird.

Was müsste in Hinsicht auf den Ausbau des Ostsees geschehen, damit er die Stadt erfolgreich voranbringt?
Wir befinden uns in enger Abstimmung mit dem Ostseemanagement und dem Fachbereich Stadtentwicklung und Bauen zur gesamtstrategischen Ausrichtung des Ostsees. Die Einbindung in das städtische Standortmarketing ist ein Teil dessen. Eine ausschließliche Priorisierung des Ostsees als Tourismusmagnet greift zu kurz und lässt uns aus meiner Sicht unsere Chancen verspielen. Es gibt eine Vielzahl von Städten, die am Wasser liegen. Es ist dann auch völlig unerheblich, wie groß das Areal ist und ob der See künstlich oder natürlich entstanden ist. Das schafft uns noch nicht das Alleinstellungsmerkmal, was uns in der Vermarktung punkten lässt. Menschen, die am Wasser wohnen, ist sicher auch daran gelegen, ihr Auskommen zu sichern, möglichst in der Nähe und nicht in Berlin oder Dresden. Viel entscheidender ist die Verknüpfung des Sees mit innovativen Forschungsansätzen für das postfossile Zeitalter, nachhaltiger Quartiersentwicklung im Rahmen unserer Digitalisierungsoffensive, sicher auch, aber nicht ausschließlich mit der Bereitstellung einer für den Tourismus notwendigen Infrastruktur und von Gewerbestandorten.

Wo sehen Sie Cottbus in zehn Jahren?
Cottbus muss sich der schnelllebigen Zeit anpassen, um im bundesweiten Wettbewerb klare Standortvorteile zu generieren. Das setzt zügiges, gleichwohl überlegtes Denken voraus und das Engagement aller Bevölkerungsschichten. Im besten Fall haben wir dem Trend zur Globalisierung, zur Digitalisierung und dem zunehmenden Fachkräftemangel auch in Cottbus insoweit getrotzt, als dass wir mit eigenen Pilotprojekten vorangeschritten sind und uns Entwicklungstendenzen rechtzeitig zunutze gemacht haben. Es existieren eine breit gefächerte Bildungs- und Forschungslandschaft, Energieerzeugung aus konventionellen und erneuerbaren Energien, deren komplexes Zusammenspiel gelungen ist und als Wissensexporteur im energiewirtschaftlichen Bereich mit innovativen Konzepten weltweit angesehen ist. Darüber hinaus gibt es ein breit aufgestelltes Versorgungsnetz mit einem spezialisierten medizinischen Bereich, der mit internationalen Partnern agiert. Hehre Ziele, für die auch die EGC mit ihren Möglichkeiten einstehen wird.

Interview: Heiko Portale
Titelfoto: Tina Reiche. Foto: Privat.

Teilen.

Hinterlasse eine Antwort