„Jeder muss einen Traum haben”

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Staatstheaterjugendklub übt Stück nach E.T.A.Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann” ein

 Dieser Schriftzug hat Millionen vor die Fernsehempfänger gezogen: „Gleich kommt unser Sandmännchen.” Der kleine Alleskönner hat ganze Generationen mit seinem feinen Traumsand in den Schlaf gleiten lassen. Da er nicht totzukriegen ist, kommt er heute noch bei einigen Fernsehstationen. Dabei kennt kaum einer den Urahn des Sandmännchens. Der Jugendklub des Staatstheaters bereitet sich darauf vor, seine Geschichte zu erzählen. Vor etwa 200 Jahren hat sie der Dichter E. T. A. Hoffmann ersonnen: „Der Sandmann”. Eine Schauergeschichte, in der der Sandmann den Kindern, die nicht schlafen wollen, Sand in die Augen streut, bis diese blutig aus dem Kopf herausspringen. Nathanael, ein Student, hat den Grusel aus der Kindheit in sein jetziges Leben mitgenommen. In einem Fremden glaubt er einen Alchemisten zu erkennen, der mit seinem Vater geforscht hat und schuld an dessen Tode war. Diese Eingebung verbindet sich für ihn mit der Sandmanngeschichte.  Die Fantasie geht mit ihm durch; er fühlt sich verfolgt („Doch dienen wir den dunklen Mächten zum Spiel.”). Da begegnet er der „himmlischen Schönheit” Olimpia. . .

Die 13 Spieler*Innen haben ihrerseits ihre Fantasie angestrengt und die Geschichte in ihre Vorstellungskraft geholt. Noch nie waren die Fiktionen des Bösen und Dämonischen so nachhaltig zu  erleben wie heute. Es kann abschrecken oder verführen. Es kann die Gestaltungskraft lähmen oder anfeuern. Der Mensch kann Spielball oder Akteur werden.  „Jeder muss einen Traum haben, einen realistischen Traum”, sagt eine der Figuren, und da sind die jungen Leute im eigenen Leben angekommen.

Die Spielleitung hat Theaterpädagogin Nadine Tiedge inne. Sie setzte von Anfang an auf Selbstständigkeit. Nadine Tiedge hat Jugendtheater in vielen Ländern inszeniert und in dem Russen Jurij Alschitz, der seit einem Vierteljahrhundert in Berlin wirkt, einen hervorragenden Schauspiellehrer gefunden, der sie geprägt hat. Die Gruppe hat ihre eigene Textversion  erarbeitet und ist zu Gedanken über die Umsetzung aufgefordert. Ich erlebte eine Durchlaufprobe, in der die Darsteller*innen  nur spielten. Von Text war nichts zu hören, er lief in den Köpfen mit. Zweck der Übung: den Gang der Dinge verinnerlichen und jeden Schritt, jede Geste, alle Mimik klar zu definieren. Texte sollen nicht aufgesagt, sondern gespielt werden.

Es herrschte Spielfreude bei großer Aufmerksamkeit und in einer kreativen Atmosphäre, die von der immerwährenden Frage beherrscht wurde: Was kann man noch anders, besser machen?

Klaus Wilke

Info
Premiere: 12. Mai, 19.30 Uhr, Kammerbühne
Weitere Vorstellungen: 24. und 26. Mai, 19.30 Uhr, und 3. Juni, 19 Uhr.

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