Spot on: Gott des Atheisten

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Dass ein Atheist einen Gott hat, ist nur eine von scheinbaren Merkwürdigkeiten im Leben des Michael Becker. „Mein Gott heißt Bertolt Brecht“, sagt er. Theaterbesucher kennen ihn seit über 30 Jahren. 213 Rollen und vier Bücher umfasst seine Laufbahn. Derzeit ist er in jeweils mehreren Rollen bei „Pippi Langstrumpf“, „Deutschland – Wunder und Wunden“ sowie „Wolokolamsker Chaussee (I bis V) zu sehen. Sein Spiel ist allemal ein Erlebnis; denn der ganze Kerl spielt, und wenn möglich, spielt er seine ganze Weltanschauung mit. Als ich ihn vor Jahren im „Danton“ sah und er einen kleinen Teil in den Zuschauertraversen spielen konnte, fühlte ich mich, einen guten Meter von ihm entfernt, wie in einem Revolutionskonvent. Becker frohlockt noch heute: „Der Büchner, wiewohl über 180 Jahre tot, schrieb und sprach mir aus dem Herzen. Was mich sonst noch bewegte, konnte ich in meine Rede reinpacken. Danton und Büchner wären meiner Meinung gewesen.“ Das ist Beckers Theaterspiel, authentisch, politisch, einmischend.

Interessant die „Schnittmengen“ von Christoph Schroth, dem schon legendären Intendanten von 1992 bis 2003, und dem Schauspieler. Schroths „Wo ich bin, ist keine Provinz“ ist zum geflügelten Wort geworden. Becker, der nach seinem Leipziger Studium über Zittau und Bautzen nach Cottbus kam, sagt: „Wo ich bin, ist Provinz, und das ist gut.“ Der in Lieberose Geborene liebt Cottbus, das Theater, das er als sein Traumhaus bezeichnet, das große Kunstmuseum, die Parks, vor allem Pücklers Schöpfung, das Schloss. Schroths und seine Worte ergänzen einander. Michael Becker liebt die Menschen, für die er spielt und von denen er sich angenommen fühlt. Für sie ist nur das qualitativ Beste gut genug.

Er bezeichnet sich als glücklichen Menschen, der nur in Zorn gerät über den Zustand der Welt heute. Er fühlte immer mit den Gejagten. Er hasst Mauern, Zäune, Stacheldraht und Schießbefehle. „Die Angst kriecht immer da drunter durch“, sagt er. „Die zu uns kommen, fliehen aus Angst. Sie kommen aus Ländern, von denen wir, die Europäer, jahrhundertelang profitiert haben. Erst wenn Bananen, Kaffee, Kakao bei uns so viel kosten, dass die Menschen dort davon leben können, wird keiner mehr über das Mittelmeer kommen oder sich in die Luft sprengen.“ Dialektik. Ein Denken, das Becker von seinem Gott hat, vom großen Brecht. Strittmatter liebt er auch. Weil, der ein Mann der kleinen Leute in der Lausitz war.

Am 14. Mai wird Michael Becker 65. An Ruhestand ist nicht zu denken. Spielend und schreibend will er weiter in die Maschinerie der Welt eingreifen.

Klaus Wilke

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