Schillerndes Erwachen

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Es sind die Frühlingsgefühle die mich derzeit umtreiben. Oder sollte ich sagen, raus treiben? Frühling, dass ist wenn die ersten Sonnstrahlen die Finsternis der letzten Monate beenden und die Übergangsjacken aufplatzen wie zu heiß gekochte Würstchen. Wenn sich die kreidebleichen Kellerkinder der Großstadt den letzten Winterschlafsand aus den Augen reiben um wacklige Schritte vor die Tür zu wagen. Wer nun eine Lobeshymne auf die wärmer werdenden Monate erwarten, den muss ich enttäuschen. Ganz ehrlich, ich verstehe diese ganze Euphorie nicht. Im Gegenteil, ich mache mich freiwillig unbeliebt und sage: Der Frühling ist gar nicht so toll. Früh morgens reißen uns schreiende Vögel aus dem Schlaf (sofern man überhaupt dazu gekommen ist und nicht gerade vor Hormonen überkochende Katzen die ganze Nacht vor dem Fenster kopuliert haben), Tagsüber kommt man gar nicht dazu das Blühen und den Duft der erwachenden Natur zu genießen, weil pollenbedingte Allergien sämtliche Gesichtsöffnungen verschließen. Und das Wetter spielt auch verrückt. Ich kann gar nicht genau sagen wer derzeit verwirrter ist, ich oder mein Kleiderschrank. Zugegeben, seltsamer Vergleich. Aber es ist doch tatsächlich ein beinahe täglich auszutragender Kampf, die zum Wetter passenden Kleidung zu finden. Oben Anorak, unten Minirock? Habe ich eigentlich noch genug weiße Socken für die Sandalen?

Für die folgende Weisheit werfe ich freiwillig fünf Euro ins Phrasenschwein: Es ist natürlich nicht alles schlecht. Beispielsweise freue ich mich jedes Jahr über die Erkenntnis doch nicht farbenblind zu sein. Ich liebe Cottbus im Winter, aber oft hat man das Gefühl in einem schwarz-weiß Film gefangen zu sein. „Fifty Shades of Grey“, leider ohne die Schweinereien. Was danach noch bleibt ist die Vorfreude auf den nahenden Sommer. Grillen im Garten, Bier auf dem Balkon und ältere Männer in Shirts mit der Aufschrift „Bier formte diesen schönen Körper“ auf dem Altmarkt. Mögliche Zusammenhänge sind nicht auszuschließen. Gleichzeitig wird es eng in den Straßen dieser Stadt, die eine der höchsten Kneipendichten des Landes vorzuweisen hat. Jeder möchte im Freien sitzen, völlig egal ob die Sonne mittlerweile die kahle Stelle am Kopf in ein seidiges rot getaucht hat oder die Großstadtmücken zum Großangriff blasen. Im Sommer lässt sich einfach so vieles so viel leichter ertragen. Betrachten wir den Frühling also lieber als den Countdown bis zum Sommer, ähnlich wie man beim Besuch der nervigen Verwandtschaft die Stunden bis zur Abreise der Selbigen zählt. Immerhin dürfte die dicke Miene zum bösen Spiel nicht allzu schwerfallen. Gesichtslähmenden Pollen sei Dank.

Sebastian Schiller

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