Akapelle do Brasil: Pop in Rio

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Keine Olympischen Spiele ohne Soundtrack

Rio3 Rio2Die Liveübertragung eines Marathonlaufs gehört wohl zu den undankbarsten Aufgaben eines Fernsehreporters. Aber was soll der Kollege am Radiomikrofon sagen?! Dem Zuhörer die Schönheit der Monotonie nahe zu bringen, ist mindestens so eine Leistung wie das Rennen der Marathonisten. Bei den Olympischen Spielen 1936 gab es den Versuch, den in einer Marathonlauf-Reportage kulminierenden Widerspruch zwischen Langeweile und Dramatik aufzulösen. Der aus Senftenberg stammende Filmkomponist Herbert Windt, der auch die Musik für den Olympia-Film von Leni Riefenstahl schrieb, hatte eine Orchester-Suite komponiert, die der gesamten Rundfunkübertragung unterlegt wurde. Ein einzigartiges wie skurriles Experiment, einen dramatischen Sportwettkampf im Moment seines Stattfindens mit musikalischen Mitteln darzustellen.

Es ist nicht bekannt, ob ARD, ZDF oder das brasilianische Fernsehen ähnliches bei den Olympischen Spielen in Rio planen. Gleichwohl werden auch diese Spiele nicht ohne musikalische Begleitung über die Bühne gehen – gern auch als tönende Unterlage für die Bilder des Tages.
Die Verknüpfung von Sport und Musikkultur unter dem Symbol der Ringe – das wäre ganz im Sinne von Pierre de Coubertin gewesen. Als der IOC-Chef die Olympischen Spiele 1896 neu belebte, versuchte er nach dem Vorbild der antiken Spiele eine harmonische Verbindung von kraftvollem Sport und künstlerischem Ausdruck zu organisieren. Von 1912 bis 1948 gab es gleichrangige Kunstwettbewerbe bei den Olympischen Spielen in den Disziplinen Architektur, Bildhauerei, Malerei,  Literatur und Musik.

Olympia ParadeWährend sich die elitäre Kunst aus dem Programm der Olympischen Spiele vollends verabschiedet hatte, zog es die Populärkultur umso stärker in den Bann des Massenereignisses. Richtig poppig wurde es vor den Sommerspielen in München 1972.  Eineinhalb Jahre arbeitete ein Autorenteam, unter anderem mit Peter Herbolzheimer, an einem Superpotpourri für die Eröffnungsfeier, das vom Orchester Kurt Edelhagen vorgetragen wurden.
Wie man eine richtige Show abzieht, wusste freilich niemand besser als die Amerikaner: Bei den Sommerspielen in Los Angeles 1984 reichte das Showfeuerwerk von der Eröffnungs- bis zur Abschlussfeier, bei der Lionel Richie im Kreise von 300 Tänzern „All Night Long“ sang. Daneben flankierten diverse Olympia-Hits die Spiele, wie „Reach Out“ (Giorgio Moroder 1984) oder „One Moment in Time“ (Whitney Houston 1988). London 2012 bot wiederum die ultimative Sportpopshow bei der Schlussfeier, u.a. mit Take That, George Michael und The Who.
Mal sehen, ob Rio da eins draufsetzt und mehr zu bieten hat, als Samba und Mücken.

Thomas Lietz

Repros: ThL

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