Stranddilemma

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Sollte der Sommer nicht eigentlich die Zeit des Jahres sein, in der alles viel leichter von der Hand geht? In der man sich in den ausgiebigen Erholungspausen an kalten Getränken laben und die Seele baumeln lassen kann, ganz so wie es Jürgen Tonkel seit Jahren im Fernsehbiergarten vormacht? Ein Rückblick: Statt den eben beschriebenen Szenarien starrten wir Daheimgebliebenen wochenlang auf die leeren Schreibtische der urlaubenden Kollegen, während es sich die feinen Herren Pauschaltouristen im Beach Club Robinson, Sansibar oder Honecker gut gehen ließen. An eben jenen Orten, wo alles zusammen kommt: Sonne, Strand und die Glückseligkeit der Dummen, weil man sich sicher sein kann, keinen der umliegenden Mehlsäcke zu kennen. Und weil die Welt innerhalb der eingezäunten Urlaubsanlage so wunderbar in Ordnung ist – solange das Personal deutsch spricht, versteht sich. Wenn sich dann so langsam die ersten Blätter von den Bäumen dröseln und die bis dato in alle Welt verstreuten Kollegen wieder eintrudeln, beginnen die ewig gleichen Gespräche über die wunderbar authentischen Erfahrungen – zwischen dem voll klimatisierten Reisebus und dem amerikanischen Burgerladen in der ägyptischen Hotelanlage. Ich glaube ja, für diese Art von Pauschaltouristen gibt es einen besonderen Platz in der Hölle. Den Club Lucifer, wenn Sie so wollen.
Sollen sie doch schmoren, ich habe in dieser Zeit meine ganz eigenen Probleme. Halt, hatte! Denn: Endlich ist es vorbei. Diese ewige Verleumdung der eigenen Gelüste, dieses ständige schlechte Gewissen beim Anblick der Objekte, die das eigene Blut in Wallung bringen. Schluss mit der Heimlichkeit unter der Decke oder in der Küche, wenn keiner hinguckt. Ich sage es offen: Der Sommer ist vorbei, nieder mit der Strandfigur. Was waren das für quälende Tage, damals im September. Sie erinnern sich? Auf dem Weg zu den anderen Sardinen am Badestrand noch ein kurzer Abstecher in den Supermarkt, Selleriestangen zum Knabbern und ein Grünkohl-Dinkel-Smoothie für den hohlen Zahn besorgt. Und dann steht er da, plötzlich, völlig unerwartet: Der Spekulatius. Tütenweise stapeln sich die Gewürzkekse an den Rändern der Gänge, flankiert von Zimtsternen und Lebkuchenherzen mit Schokoüberzug. Zeit, sich vom alljährlichen Waschbretttraum zu emanzipieren und die Waschtrommel mit Stolz und einer Prise Scham vor sich her zu tragen. Was bleibt einem denn auch anderes übrig? Der späte Sommer in Verbindung mit dem immer eher einsetzenden Verkauf der Weihnachtssünden hat in diesem Jahr schrecklich Früchte getragen. Oder sollte ich sagen, Lebkuchen? Knackige Bräune oder Schokoladenschlieren auf der Wampe, der Übergang ist fließend. Über die Strandfigur 2017 denken wir dann erst im nächsten Jahr wieder ausgiebig nach, wozu gibt es denn gute Vorsätze?

Sebastian Schiller

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