Ach hermann, du alte Prinzessin

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Alles Gute zum 20. Geburtstag! Interessante Themen, finanzielle Gesundheit, bla bla bla. Fügen Sie, liebe Leser, an dieser Stelle einfach all das ein, was Sie selbst bei jedem dieser Anlässe herunterrasseln, die Schablone der deplatzierten Lobhudelei passt schließlich fast immer. Beim Menschen ist das Feiern des Geburtstages eine sonderbare Tradition. Wir feiern uns für etwas, zu dem wir selbst gar nichts beigetragen haben.
Auch ich hatte kürzlich Geburtstag, haben Sie mich aber deswegen irgendwo in der Stadt auf den Tischen tanzen und mit Konfettikanonen um mich schießen sehen? Wenn überhaupt, sollten wir unseren Eltern, insbesondere den Müttern, alljährlich eine wilde Sause ausrichten, die Kopfschmerzen am nächsten Morgen ließen sich prima als Hommage an die Schmerzen der Geburt verkaufen. Und davon mal ganz abgesehen, jedes Jahr aufs Neue? Man stelle sich vor, Herren über 50 würden ihre Prostatauntersuchung in regelmäßigen Abständen mit einem rauschenden Fest, Freunden und Alkohol zelebrieren, Jugendliche jeden neuen Sexualkontakt mit Sekt statt Selters im Kreis der Liebsten begrüßen. Manch einer käme aus dem Feiern gar nicht mehr raus. Die Welt wäre zwar keine bessere, uns wäre es dafür aber völlig egal.
Mit einem aufgesetzten Lächeln im Gesicht sage ich: 20 Jahre, lieber Hermann, ein magisches Alter! Es gibt, abgesehen von den glücklichen Geburtstagskindern, genau zwei Kategorien von Menschen. Die einen, nennen wir sie prä-20er, wollen einmal so alt werden, freuen sich auf den vermeintlich entgegengebrachten Respekt und das erste Mal mehr als 100 Euro auf dem Sparbuch. Die anderen, nennen wir sie alt, wollen noch einmal 20 sein. Ein Jungbrunnen auf dem Papier, der manch einen dazu verleitet, einfach nicht älter zu werden. So feierte eine Freundin von mir kürzlich erneut ihren 20. Mittlerweile zum 10. Mal in Folge. Man stelle sich vor, lieber hermann, wir wären von Anfang an gemeinsame Wege gegangen. Du, das frische neue Monatsmagazin, ich, der runde Junge mit dem Pony, der gerade versucht, sich die Reihenfolge der Buchstaben seines Namens zu merken. Meine erste Geschichte wäre eine knallharte Enthüllungsstory gewesen: Ein Jahr Grundschule – im Spannungsfeld zwischen 1×1 und Mittagsschlafentzug. Klappentext:

„Vor einem Jahr riss man mich aus der wohligen Umarmung des Kindergartens und konfrontierte mich mit einer Art Besserungsanstalt für die Dummen und Zahnlosen, in der Mittagsschlaf nichts als ein Götze ist, ABC und 1×1 hingegen die einzig wahren Religionen. Grundschule: Von 0 auf Burnout in 6 Klassen?“

Ach hermann, weißt du was? Ich geb’ einen aus. Was gibt es Schöneres als einen beschwipsten 20-Jährigen an der Seite, finanziell gesund und inhaltlich voller Tatendrang. Und in ein paar Jahren dann lädst du mich ein, zu Ehren meines ersten Nierensteins.

Sebastian Schiller

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