2016 – Das musikalische Jahr im Rückblick

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Das Jahr 2016 nahm uns viele große Künstler, andererseits bescherte es uns auch einige Leute, die den Glauben an die Sonderbarkeit der Popmusikwelt bewahren.

Sofern man die Güte eines Jahres nicht vor allem danach bewertet, wie viele Brückentage es bereitstellt, kommt man nicht umhin zu sagen, dass 2016 ziemlich bescheiden war. Vor allem für die Musikwelt, die viele prägende Herrschaften an Gevatter Tod verlor. Was nicht heißt, dass es nicht auch herrlich amüsante Momente gab. Für einen sorgte der gebürtige Cottbuser Christoph Harting bei den Olympischen Spielen in Rio, als er nach seinem sensationellen Goldgewinn auf dem Siegertreppchen zur deutschen Hymne einen komischen Tanz aufführte und sich obendrein eins pfiff. Seine etwas ungelenke Performance erklärte er anschließend mit den Worten: „Ich mag gute Musik und guten Rhythmus, und auf die deutsche Nationalhymne kann man ja nicht so gut tanzen.“
Mit seiner kleinen Jubelshow hat er – unbeabsichtigt – ein paar Dinge zusammengefasst, die diesem Jahr eine gewisse Prägung gaben: Musik, Nationalstolz und Empörung. Während die Popmusik mit dem Literaturnobelpreis für Bob Dylan quasi die offiziellen Großkulturweihen bekam und der Nationalstolz vieler Orten neue bunte Blüten trieb, etablierte sich die Empörung über alles und jedes endgültig als Megatrend. Stichwort Donald Trump.
Neben einem halbüberraschenden Ergebnis brachte die US-Wahl auch seltsame Verknüpfungen mit der Popmusikwelt. Dass Wahlversprechungen und ihre Realisierungschancen oft keine harmonische Beziehung eingehen, ist ja normal. Aber auf so eine Idee wie die seines Mitkonkurrenten als republikanischer Präsidentschaftsanwärter war nicht mal der Allesversprecher Trump gekommen. John Kasich hatte im Vorwahlkampf getönt: „Wenn ich Präsident bin, werde ich versuchen, Pink Floyd für immer und ewig zu vereinen, damit sie wieder ein paar Songs spielen.“ Nun, es kam anders, weil Trump dagegenhielt mit einer Art Neuauflage von Pink Floyds  „The Wall“ – als echte Mauer zwischen Mexiko und USA. Was vor allem Trump-Gegner mit einem Wort bewerten: Shit.

Feel Festival © TSPV

Sandow © Marek Kucera

Sandow © Marek Kucera

Womit wir bei einem bemerkenswerten Preis wären, der auf dem Hamburger Reeperbahnfestival vergeben wurde. Zu diversen „Helga!“-Awards, mit denen hiesige Festivals ausgezeichnet wurden, gehörte einer in der Kategorie „Wundervollstes Entleerungserlebnis“. Gemeint sind die Toiletten. Der Preis ging an das brandenburgische Feel Festival. Juroren waren Veranstalter, Besucher, Security-Leute und Imbissbetreiber, die ja bekanntlich die Voraussetzungen für die wundervollen Entleerungserlebnisse schaffen.
Shit, dachten sich auch die Herren von Sandow, wir müssen uns was einfallen lassen, um unsere nächsten Vorhaben zu finanzieren. Also starteten sie ein  Crowdfunding-Projekt für die Produktion eines neuen, ambitionierten Albums und lobten für die Supporter unter anderem ein gepflegtes Diner mit ihnen aus. An solche Finanzierungsmodelle hätte die Band bei ihrer Gründung 1982 wohl auch noch nicht gedacht.

Soul Rippers © PR

Stefan Friedrich © TSPV

Auch schon wieder 20 Jahre im Geschäft: die Soulrippers. Was die Zehn-Mann-Band samt Gästen nicht mit einem Diner feierte, sondern mit einer großen Konzertsause am zweiten Weihnachtsfeiertag im Bebel.Eine Art Dauergrund zum Feiern hat auch ihr Musikerkollege Stefan Friedrich. Der Schlagzeuger aus Cottbus kann sich eigentlich permanent beglückwünschen, dass er vor Jahren mit dem Drum&Breakbeat-Duo Johnny Cräsh im Chekov als Support der New Yorker Band Aluminium Babe spielte und von deren Mitgliedern sofort  engagiert wurde, was ihn letztlich in die Reihen der formidablen New Yorker Punk-Band The Noise führte. Mit der gastierte er dieses Jahr auch im Club Scandale, wobei Frontmann Arthur „Googy“ King das Konzert ziemlich abrupt mit einem zünftigen „Motherfucker“ beendete.
Ging also einiges ab im Cottbuser Konzertwesen, und das wird auch 2017 so ein, wenn unter anderem Sonnbrand bei der Umsetzung ihres Zehnjahrplans einen weiteren Schritt voranschreiten. Sie wollen ja jedes Jahr eine EP veröffentlichen. Im April kommt die dritte.

Lemmy Kilmister war 2002 mit seinen Motörhead das letzte Mal 2004 in der Lausitz und spielte beim Berlinova in Luckau eine furiose Show. © TSPV

Keine Platte mehr geben wird es derweil von Achim Mentzel, der sich – ein letzter Wink als einstiger Rock’n’Roller – fast zeitgleich mit David Bowie und Lemmy Kilmister verabschiedete. Auch wenn er sich musikalisch sehr von ihnen unterschied, gab es doch bis zum Schluss ein einigendes Band zwischen ihnen: Allesamt waren für manchen Normalbürger nur komische Elemente im großen Unterhaltungsuniversum und doch extrem beliebt bei ihren Fans. Die des Motörhead-Sängers haben deshalb 2016 etwas ganz Spezielles angeregt: Nachdem bis zu ihnen durchgesickert war, dass vier neue superschwere Elemente ins Periodensystem der Elemente aufgenommen worden sind, wollten Zehnttausende Musikfans eines unbedingt nach Lemmy Kilmister benennen. In ihrer Petition für das „Lemmium“-Element führten sie als Begründung an, dass der Verehrte eine Naturgewalt gewesen sein und „das Wesen des Heavy Metal“ verkörpert habe. Keine schlechte Idee, die man theoretisch ja – leider – arg ausweiten könnte. Verdient hätten es viele Musiker, auch als offizielles Element weiterzuleben, ob nun als „Bowieum“, „Cohenium“ oder „Mentzelium“.

Thomas Lietz

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