Mein Bücherbord: Der Tyrann braucht sein Spielzeug

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Ein tolles, nicht herkömmliches Indianerbuch hat die amerikanische Autorin Louise Erdrich geschrieben: „Ein Lied für die Geister“ (Aufbau, 21,95 EUR). Es geht nicht um Fährtensuche, Stammeskämpfe und Überlebensstrategien, sondern um den ganz gewöhnlichen Alltag der Ureinwohner in einer zugespitzten Situation. Diese ist ein Jagdunfall, bei dem Landreaux Iron anstatt eines bereits lange beobachteten Hirsches versehentlich den Sohn des Nachbarn erschießt. Nach reiflichen Überlegungen und einem alten Brauch folgend lassen er und seine Frau ein eigenes Kind in der betroffenen Familie aufwachsen. Welche Konflikte und Komplikationen sich daraus ergeben, hat Louise Erdrich mit viel Empathie und Sympathie erzählt. Zugleich lotet sie in einer Parallelhandlung, die in die Vergangenheit ihrer Protagonisten führt, indianische Geschichte und Brauchtum aus.

Dem Österreicher Christoph Ransmayr verdanke ich mein eindrucksvollstes Leseerlebnis 2016. In seinem  Roman „Cox oder Der Lauf der Zeit“ (S. Fischer, 22 EUR) erzählt er, semi-authentisch auf historische Personen und Ereignisse zurückgreifend, von englischen Uhrmachern, die im 18. Jahrhundert  an den kaiserlichen Hof in Beijing (Peking) gerufen werden. Dort sollen sie dem mächtigsten Herrscher der Welt eine Uhr bauen, die das Universum und die Menschheit intakt überdauert – im Grunde ein Perpetuum mobile. Kaiser Qianlong ist das blutrünstige Urbild eines Tyrannen. Aber er braucht sein Spielzeug. Die Abenteuer, die zu dessen Entstehen führen, hat Ransmayr  mit hochintelligenten Betrachtungen zum Phänomen Zeit verknüpft. Ob vom Autor gewollt oder nicht, entwickeln auch die Bilder der despotischen Politik suggestive Kraft, die in die Gegenwart reicht. Auch Menschen werden zu Spielzeug.

Thomas Melles Text „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt Berlin, 19,95 EUR) hat  es bis auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 geschafft. Ich hätte ihn dort als Preisträger herausgepickt. So etwas habe ich noch nicht gelesen! Ob es das ähnlich schon gab? Was für eine brillante, stilsichere Prosa. Da seziert sich einer ohne Scheu. Melle leidet an einer manisch-depressiven Erkrankung, die auch als bipolare Störung bekannt ist. Alle manischen Abenteuer und Entgleisungen und depressiven Zusammenbrüche, drei Leben zwischen Polizeirevier, Psychiatrie und vermeintlichem Geheiltsein hat Melle atemlos zu Papier gebracht. Entstanden ist dabei aber keine Art von Klinikprotokoll, sondern hohe Literatur mit bizarren Begebenheiten. Klingt ausgedacht, ist aber wahr. Er hat sich für den Messias gehalten, glaubte, mit Madonna geschlafen und (dem längst gestorbenen) Picasso begegnet zu sein.

„Die besondere Reihe aus der Bahnhofstraße“, seit Jahren als „Das Fenster“ publiziert,  wartet mit „Peter Müller – Sagenhaftes“ (Regia Verlag, zwei Bände, je 12 EUR). Peter Müller (1935 – 2013) hat viele Jahre in der Lausitz als Pressezeichner gewirkt. Seine Zeichnungen zu Pücklers Sprüchen und Brehms Tierleben lebten ebenso von ihrer humorvollen Note und dem sicheren, sparsamen Strich wie die nun neu herausgegebenen Arbeiten, die die Texte von Sagen aus der Region begleiten. Er ist ein sehr sensibler, einfühlsamer, fantasievoller Leser gewesen. Davon zeugen seine Illustrationen, die den jahrhundertelang vor allem von Mund zu Mund überlieferten Sagen eine überraschende neue, eigene Sicht abgewinnen.

Klaus Wilke

Foto: Lesen in allen Situationen mit Klaus Wilke. © TSPV

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