Die Schonzeit ist vorbei

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Wir sind so leicht zu begeistern. Am Ende jeden Jahres böllern wir das alte ins Nirvana, wünschen uns gegenseitig ein frohes neues und fabulieren davon, dass in diesem Jahr alles anders wird. Als würde der Angestellte im Supermarkt abgelaufenen Joghurt umetikettieren, den grünen Pelz abkratzen und den Becher mit dem Zusatz „Jetzt neu: Mit lebendigen Kulturen“ zurück ins Regal stellen. Ganz im Sinne postfaktischer Tradition bin ich der festen Überzeugung, der Jahreswechsel ist in Wahrheit eine Verschwörung der Papierindustrie. Überlegen Sie doch mal, wer in den ersten Wochen jeden Jahres horrende Gewinne erzielt, weil eine durchgestrichene 2016 am Anfang des offiziellen Briefes blöd aussieht. Und weil es wenig Sinn macht, sich den Kalender vom Vorjahr noch einmal in die Küche zu hängen. Zufall? Wo wir doch gerade gesellschaftlich wieder so schön auf dem Weg ins Mittelalter sind, bietet sich für den Blick in die Zukunft stattdessen die Nutzung altbewährter Herangehensweisen an. Exklusiv für Sie, liebe Leser, werfe ich nun einen Blick in die aktuelle Glaskugel: Im Frühsommer scheitert die geplante Kreisgebietsreform in Potsdam und offenbart unüberbrückbare Zerwürfnisse in der Koalition. Die Stadt wird daraufhin zur politischen No-Go-Area erklärt, und Cottbus als nächstgrößere Niederlassung übernimmt den Job. Auf der Fläche eines ehemals geplanten Einkaufscenters in der Innenstadt wird nun ein neuer Landtag errichtet. Die Eröffnung ist für 2019 geplant, wurde aber vorsorglich auf 2027 verschoben. Im Sommer dann bahnt sich so langsam die braune Spree ihren Weg durch die Stadt. Pfiffige Marketingstrategen wollen das nutzen und tauschen das Wort „Universitätsstadt“ auf den Ortseingangsschildern gegen „Brauner Sumpf“. Das klingt so schön vertraut und vermittelt gleichzeitig etwas Mystisches. Wo wir gerade dabei sind, im August marschieren zum mittlerweile 7. Mal vermummte Neonazis durch die Stadt und brüllen dabei die zehn einzigen Wörter, die sie halbwegs fehlerfrei aussprechen können. Herr, lass Geschichtsbücher regnen. Natürlich weiß die Polizei auch dieses Mal wieder von nichts. Nach dem Sauerkraut-Desaster beim Stadtfest 2017 entscheiden sich die Stadtoberen im Herbst überraschend dazu, die Namen Stadtfest und Weihnachtsmarkt zu streichen. Da sich beide Feste eh nur noch durch Weihnachtsbäume und Glühwein im Winter sowie die anrollende C-Prominenz im Sommer unterscheiden, wird nun einheitlich der Name Markt genutzt. Das kommt auch den Wochenmarktbetreibenden entgegen. Diese bewerben ab sofort ihr Selbstgebrautes: Zwischen Gurke und Filz passt immer ein Pils.
Und so wird auch 2017 wieder in gefühlter Höchstgeschwindigkeit an uns vorbeirauschen. Macht aber nichts, im nächsten Jahr wird schließlich alles anders.

Sebastian Schiller

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