Mein Bücherbord – Eine bedeutende sächsische Sehenswürdigkeit

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Eine bedeutende sächsische Sehenswürdigkeit

Heute möchte ich Ihnen als Erstes etwas für das Zwerchfell und die Lachmuskeln empfehlen. Die Kabarettistin Katrin Weber holt in Veranstaltungen mit ihren Einfällen wohl fast jeden aus dem Koma der Betrübnis. Nun hat sie – mit Ko-Autor Stefan Schwarz – Erinnerungen aufgeschrieben: „Sie werden lachen” (Aufbau, 18,95 EUR). Sie reichen zurück bis in das Kindergartenalter und lassen die Entwicklung vom kleinen Pummelchen bis zur attraktiven und dabei klugen Frau miterleben, die durch Urkomik besticht. Was das Buch zudem so sympathisch macht, ist die abgrundtiefe Ehrlichkeit. Keine von den Pleiten, Pech und Pannen, von denen die Kabarettistin offensichtlich  viele erlebt hat, ist ausgelassen.  Für Stefan Schwarz gehört sie zu den bedeutenden sächsischen Sehenswürdigkeiten.

Christoph Hein setzt mit dem Roman „Trutz” (Suhrkamp, 25 EUR) seinen atemberaubenden Parkour-Ritt durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts fort. Im Schicksal der deutschen Familie Trutz, die vor den Nazis in die Sowjetunion flieht, und der russischen Gejm widerspiegeln sich unmenschliche Zeiterscheinungen, Wesenszüge zweier Diktaturen. Wieder benutzt Hein ein Wissenschaftsthema, um uns die Familien nahezurücken und besondere Ausrufezeichen für seinen Erzählanlass zu setzen. Beschäftigt sich  doch Prof. Gejm mit einer neuen Wissenschaftsdisziplin, der Mnemotechnik, die die Erinnerung erforscht. Aber sind Erinnerungen genehm, oder können sie tödlich sein? Ein Buch, das mir schier in den Händen kleben blieb, bis ich die letzte Seite erreicht hatte.

Wer sich einmal lesend vergegenwärtigen will, welchen Problemen sich die westliche Welt heute gegenüber sieht, sollte zu dem Roman „Zeit der Ruhelosen” (Ullstein, 24 EUR) greifen. Die französische Autorin Karine Tuil eröffnet, indem sie eine Handvoll Protagonisten in den Strudel ihres Erzählstroms wirft und darin wilde Turbolenzen erleben lässt, einen Panoramablick auf die Zeitereignisse einer globalisierten Welt. Romain, ein neurotischer entfremdeter Afghanistan-Rückkehrer, seine Geliebte, die Journalistin Marion Decker, die sich als Ehefrau eines großen Firmenchefs herausstellt, ebendieser Boss Francois, der als Rassist verleumdet wird und der Vorzeigemigrant Osman, der Aufstieg und Fall in der Politik erlebt. Alle sind von Hoffnungen, Wünschen, Wut und Verzweiflung getrieben, ehe es – natürlich im Nahen Osten – zum grusligen Countdown kommt. Es liest sich wie ein Thriller, ist aber mehr.

Klaus Wilke

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