„Die Lausitz steht vor ihrer größten Herausforderung seit der Wende“

0

Dr.-Ing. E. h. Michael von Bronk ist im Vorstand der Lausitz Energie Bergbau AG und Lausitz Energie Kraftwerke AG für das Ressort Personal zuständig. Daneben ist er der Vorsitzende des Unternehmernetzwerkes Wirtschaftsinitiative Lausitz e.V. Hermann sprach mit ihm über regionale Wirtschaftskraft, die Einzigartigkeit der Lausitz, die WiL und Selbstständigkeit als Chance.

Herr von Bronk, wie sind Sie nach Cottbus gekommen?
Vor gut 15 Jahren hat das schwedische Energieunternehmen Vattenfall unter anderem die beiden Unternehmen VEAG und LAUBAG übernommen und die Hauptverwaltung der neuen Business Unit Mining und Generation nach Cottbus verlegt. Zu diesem Zeitpunkt war ich bei der VEAG für die Bereiche Aus- und Fortbildung sowie Arbeitsmedizin in Berlin verantwortlich. Mit der Fertigstellung der Hauptverwaltung in Cottbus hatte ich die Leitung des gesamten Personalmanagements für die neue Business Unit Mining und Generation übernommen.

Was haben Sie vorher gemacht?
Nach meinem Bergbaustudium habe ich zunächst im Untertagebereich im Abbau und in der Aus- und Vorrichtung als Aufsichtsperson gearbeitet. Im Rahmen eines Führungsnachwuchsprogrammes übernahm ich vier Jahre später eine Ausbildungsstätte mit über 700 Auszubildenden und einem eigenen untertägigen Revier – damit erfolgte letztendlich mein persönlicher Einstieg in die Personalarbeit. Nach der Wende ging ich dann zu den Vereinigten Energiewerken nach Berlin und leitete dort den Bildungsbereich.

Was mögen Sie an der Stadt, leben Sie gern hier?
Cottbus und die Region haben in der Tat viel zu bieten. Nicht nur das umfangreiche kulturelle Angebot, sondern auch die vielen Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung in der einzigartigen Landschaft des Spreewalds sowie die Menschen machen die Stadt für mich absolut lebenswert. Ich fühle mich hier zu Hause! Ich meine, das ist das größte Kompliment, das man einer Stadt und der Region machen kann.

Sie sind, neben Ihrem Hauptjob bei der LEAG, Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative Lausitz e. V., der WiL. Warum engagieren Sie sich in diesem Unternehmernetzwerk?
Ich glaube an das Potenzial der Lausitz. Und ich glaube, dass sich jeder nach seinen Möglichkeiten für das Wohlergehen der Gesellschaft einbringen sollte. Das kann z. B. im Sportverein sein, bei der Freiwilligen Feuerwehr oder wie bei mir in Initiativen wie der WiL. Die WiL hat sich 2009 aus zahlreichen brandenburgischen und sächsischen Unternehmen gegründet, mit dem Ziel, die Wirtschaftsregion Lausitz nachhaltig zu stärken. Die Bündelung und Vermarktung der regionalen Wirtschaftskraft, die strategische Nachwuchs- und Fachkräftesicherung sowie die Vernetzung von Forschung und Wirtschaft sind enorm wichtig, um von Synergieeffekten zu profitieren und Expertisen effizient zu nutzen.

Michael von Bronk

Michael von Bronk © PR

Wie neulich bei der Auftaktpressekonferenz zum Start des „Lausitzer Existenzgründer Wettbewerbes 2017“ (LEX) werden Sie immer noch darauf angesprochen, was denn die WiL eigentlich ist. Ärgert Sie das?
Zugegeben, solche Fragen verwundern mich zuweilen etwas, da wir ja seit vielen Jahren in der Region etabliert sind und mittlerweile zahlreiche Partner an unserer Seite haben. Es zeigt aber auch, dass wir mit unseren Wettbewerben auf großes Interesse in der Öffentlichkeit stoßen und wir auf diese Weise auch die Zielsetzungen der WiL kontinuierlich verankern. Allerdings sind in den vergangenen Jahren viele neue Initiativen und Vereinigungen in unserer Region entstanden, sodass es gerade für Außenstehende sicherlich zunehmend schwieriger wird, die einzelnen Akteure und deren Zielstellungen auseinander zu halten.

Die Lausitz ist ja eigentlich recht überschaubar als Wirtschaftsgebiet, bekommen wir hier genug Aufmerksamkeit?
Die Wahrnehmung der Lausitz als Wirtschaftsregion wandelt sich langsam, aber doch zunehmend. Solche Prozesse brauchen immer eine gewisse Zeit, und die Umsetzung einzelner Maßnahmen ist oft langwierig. Die WiL hat in den vergangenen Jahren bereits einige wichtige Beiträge geleistet. Gleichzeitig sehen wir hier noch ein großes Potenzial, das der Unterstützung weiterer Stakeholder bedarf, um die Lausitz als attraktiven Wirtschaftsstandort zu vermarkten.

Was ist Ihrer Meinung nach verbesserungswürdig?
In den letzten Jahren wurde die Vernetzung und Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Wirtschaft kontinuierlich ausgebaut. Um die Region aber perspektivisch wettbewerbsfähig aufzustellen und attraktiv zu gestalten, ist es wichtig, dass vor allem die Verkehrs- und Telekommunikationsinfrastruktur weiter ausgebaut werden und dadurch eine Grundlage für die Ansiedlung von Unternehmen und Fachkräften geschaffen wird.

Sie sagten auf eben jener Pressekonferenz auch, dass das Gründungsverhalten in Cottbus nicht zufriedenstellend sei. Woran liegt das? Müsste sich an den Voraussetzungen etwas ändern?
Ich sehe hier einfach noch ein großes ungenutztes Potenzial. Die qualitativ sehr gute und breit gefächerte Ausbildung an unseren Lausitzer Hochschulen, gepaart mit reizvollen Rahmenbedingungen und zahlreichen Unterstützungsmöglichkeiten für Gründerinnen und Gründer, bietet meines Erachtens beste Voraussetzungen für Unternehmensgründungen. Ich bin allerdings optimistisch, dass eine strategische Strukturentwicklung, die unter anderem genau diese Zielgruppe nicht außer Acht lässt, das Gründungsverhalten in der Region positiv beeinflussen wird.

Warum sollten sich, Ihrer Meinung nach, junge Leute für das Wagnis Selbstständigkeit und Firmenneugründung entscheiden?
Eine Selbstständigkeit bietet wie kein anderer Job die Möglichkeit, frei zu denken, Dinge auszuprobieren und das zu tun, wofür man wirklich brennt. Als Selbstständiger erlangt man in der Regel in kurzer Zeit einen umfassenden Einblick in alle relevanten betriebswirtschaftlichen Vorgänge eines Unternehmens. Natürlich ist das Risiko des Scheiterns am Anfang besonders hoch, aber mit einer fundierten Beratung, einem durchdachten Business Plan und dem Austausch mit erfahrenen Gründern kann man sich auf viele Unwägbarkeiten vorbereiten. Und genau diese Angebote finden Gründungswillige in der Lausitz.

Ebenso wie sich die Lausitz über zwei Bundesländer erstreckt, wirkt auch die WiL in Brandenburg und Sachsen. Sie waren mit dieser Ansicht einer der ersten Verbände, die so arbeiteten. Inzwischen gibt es viele, die so denken. Freut es Sie, dass sich Ihre Idee durchgesetzt hat?
Natürlich freut es uns, dass auch andere die Notwendigkeit und die Vorteile erkannt haben, länderübergreifend zu arbeiten. Gerade in einer eher strukturschwachen Region, wie der Lausitz, können wir vor Ländergrenzen nicht Halt machen, sondern müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen.

Fühlen Sie sich ausreichend unterstützt, reicht es aus, was die Bundesregierung macht, um den Strukturwandel in der Lausitz voranzubringen?
Der letzte Strukturwandel in der Lausitz war in erster Linie ein Strukturbruch und mit dem Wegfall tausender Arbeitsplätze verbunden. Dies darf uns nicht noch einmal passieren, deshalb brauchen wir eine Strukturentwicklung, die langfristige Perspektiven für die Region und die hier lebenden und arbeitenden Menschen schafft.
Betrachtet man die Entscheidungen der Bundesministerien der Wirtschaft und der Umwelt der letzten Jahre, ist man sich manchmal nicht sicher, wo die einzelnen Kompetenzen liegen und welche Strategie dabei verfolgt wird. Die energiepolitischen Rahmenbedingungen bieten derzeit keine Verlässlichkeit für Unternehmen wie der LEAG. Auf Landesebene sehen aber glücklicherweise die politische Unterstützung sowie die strategische Weitsicht deutlich erfreulicher aus.

Wo steht die Lausitz derzeit überhaupt?
Die Lausitz steht vor ihrer größten Herausforderung seit der Wende. Mit der Außerbetriebnahme der zwei Kraftwerksblöcke in Jänschwalde in anderthalb Jahren und dem kürzlich veröffentlichten Revierkonzept der LEAG sind zwei deutliche Einschnitte in die traditionelle Energiewirtschaft der Region entschieden. Sie treffen die Region innerhalb der nächsten 15 Jahre unvermeidlich.
Das heißt, die betroffenen Unternehmen sollten jetzt mit allen Kräften an der Entwicklung neuer Produkte und Geschäftsfelder arbeiten. Sie müssen dabei insbesondere von ihren Mitarbeitern, aber auch von den Hochschulen und ihren Partnern unterstützt werden.
Aber auch die Lausitzer Gesellschaft muss sich anpassen, indem sie Unternehmergeist und Eigenverantwortung fördert sowie den Willen zur Kooperation, besonders zwischen den Unternehmen, stärkt.

Wohin wird sich die Region entwickeln? Wird hier in der Zukunft überhaupt noch etwas produziert, oder wird in der Lausitz in 20 bis 30 Jahren nur noch Tourismus stattfinden?
Wohin die Region sich entwickeln wird, hängt zunächst von den Unternehmerinnen und Unternehmern ab. Sie sind es, die jetzt die Weichen stellen – ob als Geschäftsführung eines bestehenden Unternehmens oder als Gründer. Dabei ist natürlich auch wichtig, dass nicht nur die Unternehmer, sondern auch die Kommunen und Gemeinden attraktive Voraussetzungen schaffen, damit Fachkräfte und ihre Familien überhaupt in unserer Wirtschaftsregion bleiben wollen.
Unabhängig von den einzelnen Unternehmen lassen sich jedoch schon jetzt Stärken der Lausitz benennen, die Marktchancen eröffnen. Die Lausitz ist stark in Industrieprozessen und kann diese Fähigkeit in den verbesserten Einsatz der Erneuerbaren Energien einbringen.
Zudem liegt die Lausitz im wachsenden Metropoldreieck Leipzig, Dresden und Berlin und kann für diese Dienstleistungen erbringen.
Und nicht zuletzt hat die Lausitz mit ihren Unternehmern, der BTU und der Hochschule Zittau/Görlitz eine besondere Kompetenz in Industrieautomatisierung und hat damit eine sehr gute Ausgangsposition in dem Wachstumsmarkt Industrie 4.0.
Ich bin überzeugt, wenn wir jetzt anpacken, wenn wir intensiver zusammenarbeiten und wenn wir uns in der Lausitz gut organisieren, dann haben wir auch sehr gute Chancen, neue Geschäftsfelder zu entwickeln und die Strukturentwicklung der Lausitz gemeinsam erfolgreich zu gestalten.

Die WiL hat die Gründung eines An-Instituts an der BTU Cottbus-Senftenberg vorgeschlagen, das Lausitzer Unternehmer mit Innovations- und Projekt-Know-How bei der Ausrichtung auf die Zukunftsmärkte unterstützt. Wie ist da der Stand der Dinge?
An-Institute sind wissenschaftliche Forschungseinrichtungen, die an eine Hochschule angebunden sind und von Professoren geleitet werden. Wir haben festgestellt, dass wir mit der Einbindung weiterer Stakeholder, wie beispielsweise der IHK, der HWK und den Gewerkschaften, noch viel zielgerichteter in die Strukturentwicklung der Lausitz investieren können. Aus diesem Ansatz heraus ist die Innovationsregion Lausitz entstanden, die Ideen und Strategien für den Strukturwandel entwickelt. Damit helfen wir betroffenen Betrieben bei der Erarbeitung neuer Geschäftsfelder und entwickeln Wachstumsprojekte für die Lausitz.

Warum sollten junge Leute, die hier an der Universität studieren oder studiert haben, in der Lausitz bleiben?
Wesentliche Voraussetzungen, um qualifizierte Fachkräfte in der Region zu halten bzw. in die Region zu locken, sind die Schaffung attraktiver Arbeitsplätze im Industrie- und Dienstleistungssektor sowie optimaler Rahmenbedingungen, um die Ansiedlung neuer Unternehmen voranzutreiben. Die Entwicklung neuer Geschäftsfelder ist hierbei ein wichtiger Erfolgsfaktor. Die Strukturentwicklung ist keine leichte Aufgabe, aber die Lausitz hat ein großes Potenzial. Junge Leute haben hier die Chance, die Region und ihre Heimat mitzugestalten und zukunftsfähig aufzustellen.

Interview: Heiko Portale


Hintergrund
Die Wirtschaftsinitiative Lausitz e.V. (WiL) ist eine regionale Aktions- und Netzwerkplattform von und für Unternehmen in der Lausitz. 2009 von Lausitzer Unternehmen gegründet, engagieren sich heute Unternehmen, Institutionen, Kammern und Kommunen von Lübbenau bis Zittau in der WiL. Im Juli 2009 hat der Verein seinen Geschäftssitz in Cottbus am Altmarkt eröffnet, im September 2012 eine zweite Geschäftsstelle in Sachsen, in Hoyerswerda. Die WiL arbeitet branchen- und länderübergreifend in der brandenburgischen und sächsischen Lausitz. Hauptanliegen der WiL und ihrer Mitglieder ist es, den Wirtschaftsstandort Lausitz nachhaltig zu stärken. Grundlage der Arbeit ist das 2013 beschlossene Strategiepapier „Zukunftspakt Lausitz“.

Im Internet: www.wil-ev.de

Teilen.

Kommentarfunktion ist deaktiviert.