Leben im Funkloch

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Wir gehen die Sache völlig falsch an. Brandenburg hat kein Problem mit der mobilen Netzabdeckung, wie es in den vergangenen Wochen wieder in allen Medien hoch und runter diskutiert wurde. Wer so etwas behauptet, ist Teil eines verschwörerischen Netzwerkes, neoliberal und skrupellos, ein Jünger des unheiligen Dogmas der ewigen Erreichbarkeit.
Vor allem aber sind die Personen im höchsten Maße unfair und verkennen die hehren Ziele der Verantwortlichen. Hinter dem vermeintlichen Unwillen zur Veränderung seitens der Netzbetreiber und der Landesregierung steht eigentlich die Sorge um die Bevölkerung. Natürlich! Wer nicht ständig erreichbar ist, kann keine Termine wahrnehmen, hat mehr Freizeit und ist generell gelassener. Und die vielerorts allgegenwärtige Sorge um Funklöcher braucht in Brandenburg niemand zu teilen, denn wo im Allgemeinen kein Netz ist, ist im Speziellen auch kein Funkloch.
Und diese Push-Up-Benachrichtigungen erst! Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen täglich einen Herzinfarkt erleiden, weil der letzte Push-Up sie so in Aufregung versetzt hat? Ich auch nicht, aber ich wette, es gibt da welche. Alles andere wäre, frei nach dem orangefarbenen Mann in der Tagesschau, Fake-News. Auch da zeigt sich wieder die teuflische Seite der mobilen Endgeräte im mobilen Netz, oder was glauben Sie, wodurch die Verbreitung von Fake-News rasant an Fahrt aufgenommen hat? Es ist doch so: Wir hängen alle viel zu oft am Smartphone.
Das war früher anders. Zum einen gab es nämlich gar keine Smartphones. Zum anderen hat man sich in der guten alten Zeit noch die Finger an bleihaltiger Zeitungsfarbe schmutzig gemacht. Das hatte zwei wesentliche Vorteile: Während heute das wenige Zoll große Display einen verschwindend geringen Teil des Gegenübers verdeckt, sind früher ganze Menschen hinter Zeitungen verschwunden. Außerdem ließen sich nach der Lektüre des analogen Internets prima Hüte aus dem Selbigen falten, versuchen Sie das mal mit einem Smartphone (die vorliegende Kolumne ist interaktiv, fügen Sie an dieser Stelle einen beliebigen iPhone-Witz ein). In vielen, vielen Jahren, wenn der krumme Smartphone-Daumen und der steife Display-Nacken uns das Leben schwermachen, werden wir an diese unbeschwerte Zeit zurück denken und uns nach der wohligen Umarmung des Funklochs sehnen.
Genießen wir diesen Zustand, so lange wir noch können, und seien wir dankbar dafür, in puncto Netzausbau ein infrastrukturelles Entwicklungsbundesland zu sein. Ein Denkmal wäre doch das mindeste. Vielleicht in Form eines, ich weiß nicht, Funkmastes?

Sebastian Schiller

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