Straßentheater in Weltkulisse – 23. ViaThea in Görlitz

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Das 23. ViaThea zeigt vom 6. bis 8. Juli Görlitz als Eldorado für Artisten, Gaukler und Straßenkünstler aus elf Ländern   

Wenn eines Samstags um Mitternacht ein riesiger, aber gelassener Autocorso die Görlitzer Altstadt verlässt, kann es nicht viele Gründe dafür geben. Der wahrscheinlichste heißt  „ViaThea“ und mauserte sich seit 1995 zum größten Straßentheaterfestival des Ostens Region, welches nun in der 23. Auflage mit 80 (offiziellen) Auftritten an drei Tagen und vielen prägnanten Orten zum Nulltarif lockt.

Zuvor scharren sich Trauben von bis zu hunderten Leuten um die Künstler – die Kinder ganz vorn, schwatzende Jugendliche ganz hinten – um die meist kurzen, aber konzentrierten und originellen Auftritte zu bewundern, und so herzlich wie gerecht zu feiern.
ViaThea-Cheforganisatorin Christiane Hoffmann, die beim einstigen Veranstalter-wechsel-Dich-Spiel von der Stadt erst in den Kulturservice und hernach ans Theater wechselte, kündigt nun für den 23. Jahrgang 2017 genau 108 Auftritte von 22 Gruppen aus elf Ländern an. Darunter sind Stammgäste wie Grotest Maru, Theater Gajes oder Theater Pikante.
Zum Vergleich: 2012 gaben 15 Theaterensembles oder Einzelkünstler aus zehn Ländern über 80 Vorstellungen (Programmheft: drei Euro), fünf Jahre zuvor, zur 13. Auflage 2007, gab es 64 Auftritte mit 16 Gruppen aus elf Ländern (Programmheft: ein Euro).

ViaThea1Die Holländer von Theater Gajes erinnern an die 16. Auflage von 2010. Da sollte deren „Don Quixote“ Görlitz befreien, drei beeindruckende fahrbare Gestelle und eine Art Riesenpuppenbühne standen an den vier Seiten des Görlitzer Obermarktes bereit, „Start 22 Uhr“ verhieß eine Kreidetafel, die Künstler hatten die Stelzen bereits angeschnallt, der Regen war nur leichter Niesel und es ward eigentlich Zeit für die große Abschlussshow, die das Publikum gewöhnlich in jenem Rauschzustand ins Wochenendende schickt wie es nur ungewöhnliche Kunst vermag.
Doch der Obermarkt blieb leer, das internationale Straßentheaterfestival, das größte seiner Art in Sachsen, erfuhr seinen allerersten Abbruch. Betroffen war – neben der Abschlussdarbietung, um die Organisatoren lange und finanziell hart gerungen hatten – auch der sonntägliche Ausflug ins benachbarte Zawidów (Seidenberg). Wer dann am Sonntag gebannt vor der Röhre saß und Sintflut-TV guckte, wusste warum: Unten an der Altstadtbrücke – dort, wo als Auftragsproduktion „Hotel Europa“ die große Parade der schlesischen Künstlergruppe Klinika Lalek durch Ost- und Westteil der Stadt zelebriert werden sollte – war keine Kunst, sondern pures Flussgucken angesagt. Die Neiße, nachmittags 60 Kubikmeter Wasser führend, hatte vier Stunden später plötzlich 700 im Bett.
Wer sich über sich noch rasch über die Grenze gen Zgorzelec wagte, erlebte ein Gewusel, welches fatal an Dresden 2002 erinnerte: Hunderte Jugendliche füllten Sandhaufen in Säcke und dichteten Straßen und die Ufergebäude emsig ab. Doch wer wußte, wie schnell das Wasser kam und wie es in Zittau aussah, der war schnell bei Cervantes und schritt zurück zur Heimatseite. Dort tobte rings um den Untermarkt immer noch Straßentheater – bis zum ersten und einzigen Abbruch.

ViaThea2Zurück zur Zukunft, dem 23. Jahrgang: Dort sind auch neue Tendenzen der Branche wie Walk Act oder Installationen vom 6. bis 8. Juli am Start, wobei der Start am Donnerstag immer im Stadtpark zum Picknick wird. Noch recht neu ist eine Sparte für Laienkünstler der Region, die das große Label nutzen dürfen, um für den Hut zu  spielen. Dieses Jahr gibt es einen Aufruf für Kinder- und Jugendgruppen sich unter dem Namen „Wenn das meine Straße wäre …“ an einem Wettbewerb beteiligen dürfen.
Generell startet der Vorstellungsreigen 17 Uhr, am Freitag und Sonnabend in der gesamten Altstadt. Kleine Ausflüge gibt es am Freitag ins Klinikum und am Sonnabend ins City-Center (je 15 bis 18 Uhr). Einzige fixe Unkosten fürs Publikum: Der Kauf eines Programmheftes, ohne das Nixverpassen schwer fiele. Das geht vor Ort per Papier oder als PDF im Netz. Das kostet mittlerweile fünf Euro. Dennoch sind die Einnahmen daraus Peanuts und messen eher die Verbundenheit: Denn vergleichbare Festivals im Westen oder in Frankreich belächeln den Etat und bewundern das Ergebnis – welches auch die Künstler, sonst manchmal eher unter sich oder nur Begleitmusik, sichtlich genießen.

Andreas Herrmann
Fotos: Die beste Zeit, Görlitz zu entdecken: Das Straßentheaterfestival ViaThea erlebt vom 6. bis 8. Juli seine 23. Auflage. Traditionell gibt es viel Spaß und das Publikum wird einbezogen.©
Andreas Herrmann

Netzinfos & Programmheft: www.viathea.de 

 

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