Anja Caspary: „Für Musikgeschmack sorgen“

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Mehr als 25 Jahre war Anja Caspary eine unverwechselbare Moderatorin auf den Wellen von SFB, Rockradio B und radioeins vom rbb. Als der langjährige Musikchef, Peter Radszuhn, 2014 starb, übernahm sie den Job. Nun prägt sie den Klang des Senders, ebenso unverwechselbar, wie zu ihren Moderationszeiten. Hermann traf Anja Caspary in Potsdam-Babelsberg und sprach mit ihr über  20 Jahre radioeins, Veränderungen, Lieblingsbands, Playlists und Erwachsene.

Was macht eine Musikchefin?
Eine Musikchefin ist dafür verantwortlich, wie die Welle klingt. Ich bin also dafür verantwortlich, wie radioeins klingt. Bei uns liegt das Verhältnis zwischen Musik und Wort etwa bei 50 zu 50. Ich kümmere mich mit meinem Team um das Tagesprogramm. Ab 21 Uhr haben wir täglich Musik-Specials – insgesamt 18. Am Wochenende laufen die Specials auch schon ab 19 Uhr, bei denen die Moderatoren ihre Musik spielen. Sie sind dann ihre eigenen Redakteure und legen auf, was sie möchten. Aber auch dabei habe ich mich um die Musik-Special-Reform gekümmert. Wir haben ja seit Mai unser Programm ein wenig verändert. Ich kümmere mich weiterhin um die Präsentationen. Radioeins ist kein kleiner Sender und bekannt dafür, dass wir keinen Mainstream spielen, sondern gute Musik – auch Hits natürlich, daran kommt keiner vorbei und die lieben wir auch, aber wir spielen eben viel Neues, was zum Teil noch nicht in den Charts ist oder vielleicht dort nie hingelangt. Wir suchen nach guten Songs… Deshalb bekommen wir wahnsinnig viele Anfragen, ob wir Konzerte präsentieren wollen. Eine Unterstützung von radioeins ist quasi pures Gold. Dann wird die Hütte voll. Egal, ob kleine oder große Konzerthallen…

…sogar in Cottbus…
…ja. Auch in Cottbus. Dabei muss jemand aussieben und auswählen. Das mache ich mit meinem Team. Wir entscheiden gemeinsam, ob wir jemanden präsentieren. Im Gegenzug bekommen wir Freikarten für die Konzerte, die wir dann immer an unsere Hörer verlosen. Vor kurzen hatten wir die Depeche-Mode-Aktion, wo wir im „Schönen Morgen“ Tickets für das Konzert mit Hotelübernachtung und Shuttle zum Veranstaltungsort verlosten. Im Juli haben wir die Kings-of-Leon-Aktion. Das wird auch toll. Diese Aktionen ziehen Trailer nach sich, dabei sorge ich dafür, dass die richtigen Songs benutzt werden. Und ich kümmere mich natürlich auch um meine Mitarbeiter.

Anja_Caspary

Da steckt Musike drin: 4 von vielen – die radioeins-Musikredaktion. © TSPV

Wie viele Mitarbeiter hast Du?
Acht Festangestellte und viele freie Mitarbeiter.

Als wie schwer empfandest Du es, den Job als Musikchefin zu übernehmen? Schließlich prägte Peter Radszuhn das musikalische Geschehen im Sender von Anfang an.
Die Frage ist interessant. Ich habe oft etwas von „große Schuhe“ gehört. Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, war es gar nicht schwer. Ich war 18 Jahre lang Moderatorin bei radioeins im Tagesprogramm, hatte mein eigenes Musik-Special und eben auch meine Vorstellung, wie radioeins klingt. In all den Jahren habe ich eine beobachtende Position gehabt und konnte so auch einiges von Peter Radszuhn lernen. Es macht Spaß, meine Vorstellungen jetzt umzusetzen.

Wie fühlt es sich an, Musikchefin zu sein?
Für mich ist es fast wie ein Geschenk. Ich weiß nicht, wie es anderen Leuten geht, aber ich habe in der Berliner Radiolandschaft 25 Jahre moderiert. Ich habe es immer gerne gemacht, aber irgendwann ist das auch Routine. Ich bin ein neugieriger Mensch. Und jetzt noch mal etwas ganz anderes zu machen, ein Team zu führen, mich mit Leuten ganz anders auseinanderzusetzen. Das ist natürlich toll, wenn man das in meinem Alter noch mal machen kann. Ich habe jetzt ein völlig neuen Job. Um zu zeigen, dass ich jetzt Backstage stehe und zugucke, wie meine Leute glänzen und ich sie zu tollen Ergebnissen führe, moderiere ich selber nicht mehr. Damit es auch nicht so aussieht, dass ich mir die großen Superstars rauspicke, um zu glänzen…

…ist das nicht aber auch der Vorteil eines solchen Jobs, sich die Stars herauspicken zu können?
Nein. Ich finde, das ist zu kurz gedacht. Ich will ja auch, dass gute Leute nachwachsen. Dass radioeins auch in den nächsten 20 Jahren tolle Moderatoren hat. Da muss man auch irgendwann mal zurücktreten, um die Jungen, Neuen vorzulassen. Jetzt bin ich Trainer, der Coach und führe meine Mannschaft zu Höchstleistungen. Es wäre doch quatsch, wenn der Trainer mitspielt und die Tore schießen will. Das würde das Team demotivieren. Das alles ist für mich eine spannende Aufgabe, die meinem Naturell entspricht.

Hast Du eine Lieblingsband? Kannst Du Dir diesen Luxus überhaupt leisten?
Natürlich habe ich mit dem neuen Job nicht meine Vorlieben an den Nagel gehängt. Ich habe viele Bands, die ich liebe. Es gibt Sachen, die höre ich mir zuhause an, die kommen auf radioeins gar nicht vor. Die würden auch nicht in unser Profil passen. Auch, wenn wir sehr breit gefächert sind…

…zum Beispiel?
(längere Pause)…nehmen wir zum Beispiel meine „All-time Favourites“ Black Sabbath. Von denen läuft derzeit kein Song in der Rotation im Tagesprogramm. Was in den Musik-Specials passiert – da laufen die garantiert, bei Christiane Falk zum Beispiel in „Laut & Kantig“ am Montag, 21 bis 23 Uhr. Ich lege mir gerne mal die erste Black Sabbath zuhause auf. Auch früh am Morgen. Ich könnte das auch schon früh um Sieben ertragen. Aber das können andere nicht.

Wohin geht die musikalische Reise bei radioeins?
Wir sind eine Radiowelle. Wir sind immer „on Air“. Wir verändern uns mit den Zeiten. Vor 20 Jahren klangen wir anders als heute. Aber nur partiell, weil die neue Musik damals auch anders klang. Heute spielen wir Drake, weil der auch zu uns passt. Früher waren andere Künstler angesagt. Shania Twain zum Beispiel, die würden wir heute nur noch mit der Kneifzange anfassen. Ich finde, wir schaffen gut den Spagat zwischen „bekannte Lieder spielen“, also coole Klassiker oder Songs, die man gerne mal wieder hört – wir sind sicher einer der wenigen Sender, der auch mal Iggy and the Stooges spielt – und „neuen Sachen“ – derzeit sind poppige Sachen und HipHop angesagt. Wir müssen immer auch ein wenig mit dem Strom schwimmen. Wir können nicht nur das elitäre Radio sein, das sagt: Wir spielen nur Indie. Das wäre ja auch langweilig.

Wieso?
Das wäre eine Art Geschmacksdiktatur. Als würde man den Leuten sagen wollen. Worauf ihr alle, also die Masse, steht, ist per se schlecht. Und das finde ich nicht gut…

… das macht ihr doch aber. Euer Slogan „Nur für Erwachsene“ ist schon elitär..?
Nein!  „Nur für Erwachsene“ bedeutet, wir müssen nicht um den heißen Brei herumreden, weil eventuell Kinder verdorben werden könnten. Wir können immer sagen, was wir denken. Wir müssen uns da keine Selbstzensur auferlegen, weil es nicht jugendfrei wäre. Aber elitär wollen wir eben nicht sein. Ich weiß nicht, ob wir es jemals waren. Wir gucken uns natürlich auch die Charts an. Wenn da was Gutes drin ist, dann spielen wir das auch. Das ist vielleicht auch die kleine Veränderung, die ich reingebracht habe. Es gibt aber auch Mainstream-Genres, die sehr „in“ sind und die wir „nur über unsere Leichen“ nicht spielen würden, wie Schlager und Plastik-Pop.

Wie oft am Tag melden sich bei Dir Leute, die eine Sendung machen wollen?
Ich würde nicht von Tagen sprechen, sondern etwa drei Mal in der Woche. Interessanterweise kommen weniger Newcomer, die vielleicht denken: Ach, ich will Moderator werden – die müssten dann erst einmal ein Praktikum machen und dabei erklären wir ihnen, wie es läuft. Es kommen eher  gestandene Moderatoren aus ganz Deutschland zu uns. Der Trend geht zunehmend dahin, dass viele öffentlich-rechtliche Sender mainstreamiger werden, sich an den privaten orientieren und dann suchen plötzlich deren Moderatoren, die einen Indie-Geschmack haben, nach neuen Arbeitgebern. Es gibt kaum mehr Öffentlich-Rechtliche, wie radioeins.

In jüngster Zeit gab es mehrere Veränderungen im Programm von radioeins. Warum?
Am Tage musste ja mit meinem Aufhören jemand Neues gefunden werden. Jetzt wechselt sich Fanny Tank mit Steen Lorenzen ab. Bei den Musik-Specials war es nach 20 Jahren einfach an der Zeit, etwas zu ändern. Manche Kollegen, wie Wolfgang Kraesze alias Freddy Dreamer waren inzwischen jenseits des Rentenalters. Wir wollen natürlich unsere Stammhörer behalten, aber auch Junge für unser Programm interessieren. Gerade die. Schließlich haben wir als Öffentlich-Rechtlicher auch einen Bildungsauftrag. Wir müssen Menschen, die mit Mainstream-Dudelfunk aufgewachsen sind, beibringen, dass es auch andere Musik gibt. Dass die vielleicht sogar besser ist und man mit ihr über die Jahre hinweg viel mehr verbindet als ein Plastik-Hit. Dass es Künstler gibt, die sich etwas dabei denken, wenn sie ein Album erstellen. Das müssen wir auch jüngeren, noch ahnungslosen Mitmenschen beibringen. Es ist auch wichtig, dass wir nach 20 Jahren Moderatoren haben, die anders sprechen, die einer anderen, jüngeren Generation angehören, denn die können das dann auch besser vermitteln. Wir dürfen nicht nur die alten Daddys im Radio erzählen lassen, wie es früher war. Das würde dann viele abschrecken. Wir müssen auch immer dafür sorgen, dass junge Menschen Musikgeschmack bekommen.

Am Tage läuft andere Musik als am Abend bei den Musik-Specials. Warum? Sind die Leute am Tage überfordert?
Nein, das hat damit nichts zu tun. Ab 21 Uhr sind die Moderatoren ihre eigenen Redakteure. Da geht es dann nur noch um Musik. Jeder Moderator präsentiert seinen eigenen Musikgeschmack. Am Tage haben wir viele Interviews zu politischen, kulturellen und gesellschaftsrelevanten Themen. Moderatoren, die das können, sind nicht unbedingt die selben, die zuhause 10.000 Platten zu stehen und einen wahnsinnig breiten Musikgeschmack  haben. Deshalb wird tagsüber die Musik von unserer Musik-Redaktion zusammengestellt. Natürlich können die Moderatoren auch sagen: Ach, ich hätte gern den und den Song gespielt. Wenn dazu eine gute Story erzählt wird, dann kann bei uns jeder spielen, was er will. Unsere Musik-Specials sind, wie der Name schon sagt, sehr speziell. Da gibt es Sendungen für Urban-Beats-Fans oder auch welche für Neo-Classic-Fans. Wer jeweils diese Musik nicht leiden kann, schaltet weg. Am Tag wollen wir niemanden verprellen und wir müssen darauf achten, dass wir zwischen den ganzen wortlastigen Themen Musik finden, die eben nicht so speziell ist.

Wer sind die Erwachsenen, die ihr immer ansprecht? Gibt es die überhaupt?
Natürlich! Die ganze Welt ist doch voller erwachsener Menschen. Erwachsene sind alle Menschen ab 18. Deshalb spielen wir auch nicht Rolf Zuckowski, sondern Musik für Menschen, die Erwachsen sind.

In Berlin und Brandenburg gibt es verschiedenen Hörgeschmäcker. Wie gehst Du damit um?
Ist das so? Wer behauptet das denn?

Wenn ich in Cottbus zu einer Band gehe, die ich gut finde, zum Beispiel neulich Vizediktator im Bebel, dann kommen 80 Leute hin.
Vizediktator haben wir rauf und runter gespielt. Vielleicht haben die Leute in Cottbus so viel zu tun, dass sie weniger Zeit haben, weg zu gehen? Vielleicht sind 80 Cottbuser schon viel für eine Berliner Punkband mit einem Schlagzeuger aus Cottbus.

Spielt Cottbus eine Rolle bei euren musikalischen Überlegungen?
Wenn in Cottbus etwas passiert, was musikalisch zu uns passt, wird bei uns im Programm auf jeden Fall darauf hingewiesen. Wir verlosen Freikarten. Dafür haben wir eine Trennung in der Welle, damit die Tipps auch extra für Cottbus sind. Dafür werden regionalisierte Trailer produziert. Eure Region liegt mir schon am Herzen. Ich habe das Gefühl, jeder Mitarbeiter macht andauernd Urlaub im Spreewald. Ich weiß auch, wenn es hier in Potsdam oder Berlin regnet, dann habt ihr Sonnenschein. Temperaturen im Sendegebiet zwischen 20 und 25 Grad, dann sind bei euch 25 Grad. Wir stellen uns nicht die Menschen persönlich vor, für die wir die Musik aussuchen. Das ist schon eher eine Bauchsache der Musikredaktion. Wir hoffen, dass das, was uns gefällt, dem Hörer draußen gefällt. Aber, ob der Hörer nun aus Cottbus, Senftenberg oder Spandau kommt, ist uns egal. Wir haben auch daran kein Interesse, unsere Hörer zu scannen, wie das private Sender teilweise machen, um genau deren Geschmack zu treffen. Dann wäre ich auch den ganzen Tag damit beschäftigt, mich in den Musik-Tools rumzutreiben. Das machen nämlich die anderen Wellen, um zu sehen, was spielen die anderen gerade, wer hat wie viele Einsätze, wie ist die Rotation. Im Endeffekt machen sich dann alle gegenseitig nach und klingen gleich. Unser Sender ist so etwas, wie eine Oase. Für die Rundfunk-Beiträge, die erhoben werden, wollen wir unseren Bildungsauftrag wahrnehmen, Neues oder gute Altes spielen. Sachen, die für andere Wellen zum Teil als unspielbar gelten würden.

Was habt ihr noch vor, um den Geburtstag von radioeins zu feiern?
Ab 1. Juli werden wir im 14. Stock des rbb-Fernsehhauses am Theodor-Heuss-Platz in Berlin die radioeins Dachlounge eröffnen. Das ist etwas Besonderes. Selbst wir als Mitarbeiter waren da vorher noch nie, denn da sitzt die Intendanz. Es gibt einen sehr schönen großen Raum, an den sich eine Terrasse anschließt. Wenn radioeins schon mal 20 wird, dann wollen wir auch hoch hinaus, dachten wir uns. Deshalb wird das Ganze „rbb ganz oben“ – Die radioeins Dachlounge heißen. Die ist frei für alle Hörer und Hörerinnen. Man gelangt dort mit dem Aufzug hinauf und kann jeden Tag ab 19 Uhr bis zum 31. Dezember mit Getränken und Snacks Moderatoren und Künstler bei der Arbeit zuschauen. Wir machen da Radio, das man live oder im Videostream verfolgen kann. Am 1. Juli zum Beispiel kommt Element of Crime.  Besonders interessant könnte auch „Die lange Amiga Nacht“ werden, die läuft am 29. Juli, unter anderem mit Thomas Natschinski, André Herzberg, Lutz Schramm (PaRocktikum), Kai Uwe Kohlschmidt und vielen anderen Leuten, die auf Amiga veröffentlichten oder Probleme hatten, veröffentlicht zu werden. Am 30. September feiern wir dann noch einmal unsere richtige Birthday-Party mit vielen tollen Bands im Berliner Tempodrom.

Das Interview führte: Heiko Portale
Titelfoto: Anja Caspary, Musikchefin von radioeins (rbb). © TSPV

„rbb ganz oben“ – Die radioeins Dachlounge
01. Juli bis 31. Dezember, jeweils ab 19 Uhr, Fernsehzentrum des rbb am TheodorHeussPlatz, Berlin

Highlights
1. Juli, Element of Crime
3. Juli, Lars Eidinger
6. Juli, Rainald Grebe
13. Juli, Helge Schneider
2. August, Thomas Dybdahl
16. August, Pentatones

Spezial
29. Juli, 21-05 Uhr, Die Lange Amiga Nacht
mit u.a.: Anja Caspary, Marion Brasch, Holger Lukas, Knut Elstermann, Olaf Zimmermann
Gäste: Dieter Birr, Angelika Mann, Thomas Natschinski, André Herzberg, Jan Kummer (AG Geige), Lutz Schramm, Kai Uwe Kohlschmidt, Tibor Nagy (Omega), Monokel, P.O.N.D.

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