Laut gegen Nazis – Campus Open Air

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Musik zum Abgehen und Texte zum Nachdenken
Mit vier Acts anti Nazis, aber pro Stimmung

Als Jan Böhmermann vor einigen Wochen über das gefühlsduselige Plattitüdeneinerlei in einem Großteil des Deutschpops herzog, dürften sich viele sehr erfolgreiche Musiker angesprochen gefühlt haben. Das Quartett, das am 4. Juli auf dem Zentralcampus der  BTU Cottbus-Senftenberg beim „Laut gegen Nazis“-Campus Open Air auftritt, gehört allerdings nicht dazu: Milliarden, Faber, Fatoni und Vizediktator.

Beim LGN-COA am 4. Juli mit dabei: Milliarden. © PR

Beim LGN-COA am 4. Juli mit dabei: Milliarden. © PR

Ein bunter Haufen, der das Publikum mit einem Strauß noch bunterer Melodien für (nicht nur) junge Menschen erfreuen dürfte, ohne darüber das Banner über der Bühne zu ignorieren. Laut gegen Nazis heißt ja nicht nur gegen Nazis, sondern eben auch laut. Und da sind der Müncher Rapper Fatoni, die Berliner „Straßenpop“-Band Vizediktator, die zweiten Hauptstadt-Delegierten Milliarden sowie der Schweizer Singer/Songwriter Faber richtig gut dabei. Letztgenannter hat uns im Gespräch Näheres über sich erzählt, was gerade in seinem Falle auch nötig sein dürfte, da der 23-Jährige aus Zürich sich gerade erst anschickt, die deutschen Lande musikalisch zu erobern.     Faber heißt richtig Julian Pollina, ist der Sohn des bekannten italienischen Liedermachers Pippo Pollina.

Faber nennt er sich seit Dezember 2013, was weniger durchdacht war, als es für alle die klingt, die dabei sofort an den berühmten Roman „Homo Faber“ des Schweizer Schriftstellers Max Frisch denken. Eigentlich habe er sich gar nix dabei überlegt, sondern sich nur einen guten Namen gesucht, zu dem er sich später irgendeine Geschichte überlegen wollte. Was er dann auch gemacht hat, genau genommen hat er den Journalisten sogar schon mehrere Geschichten dazu erzählt. Unter anderem, dass er sich vor Faber schon Homo nannte.

Na gut. Was aber wirklich stimmt, ist, dass er einfach seine berühmte Schweizer Musikerkollegin Sophie Hunger vor Jahren gefragt hatte, ob er ihr nicht mal was vorsingen dürfe, um ihre Meinung zu erbitten. Klar, hat Frau Hunger gesagt, komm einfach mal bei mir zu Hause vorbei, was Faber dann auch tat. Und als er vorgesungen hatte und seine für ihre Musikkunst überall hochgeschätzte Landsfrau das richtig gut fand, hat sie ihn auch irgendwann als Support mit auf Tour genommen. Die Geschichte ist so romantisch und pressetextausgedacht schön, dass Faber sagt: „Ich hätte sie glattweg erfinden wollen, wenn sie nicht stimmen würde.“

Ein Ergebnis der wahren Geschichte ist, dass von Faber dieser Tage nun das Debütalbum erscheint. „Sei ein Faber im Wind“, mit vielen Geschichten, die er beobachtet hat oder die ihm durch den Kopf gehen, und mit einer ordentlichen Prise nicht nur Liedermacherpop, sondern plus Folk, Chanson und einem Hauch Polka. Und alles auf Hochdeutsch, was bei den Schweizern übrigens gar nicht so gut ankäme, wie er sagt. „Die empfinden das als Verrat an der Schweiz.“ Wenn er wollte, könnte er sicher auch in seiner Elternsprache Italienisch singen, so wie er es auf Hochzeitsfeiern, für die er gebucht wurde, schon oft getan hat. Aber das Tiefergehende für seine Texte traut er sich eher auf Deutsch zu. Wobei Tiefe nicht Trübsal heißt, sondern Melancholie und Offenheit und Bissigkeit in einem. Er singt genauso von den Wonnen dicker Titten wie vom Flüchtlingselend dieser Tage – weil das Leben nun mal so ist, dass beides zwar nicht zusammengehört, aber auch nicht zu trennen ist.  „Ich finde, dass sich das nicht ausschließt. Im Gegenteil, nur weil man ein aufgeschlossener, politisch interessierter Mensch ist, verzichtet man doch nichts aufs Feiern oder Ausgehen. Das wäre ja Quatsch. Auch wenn du manchmal ein Rüpel bist, kannst du sehr sentimentale Momente haben.“ Über das Flüchtlingsthema kann er sich sogar in Rage reden, so sehr berührt es ihn. „Als würden die Flüchtlinge bei uns Urlaub machen wollen. Die können einfach nicht in Aleppo bleiben! Natürlich kommen viele, und das kann auch zu Spannungen führen, aber ich finde es total verantwortungslos von Politikern, die das Thema schamlos ausnutzen, um die Gesellschaft zu spalten. Die erzählen den Leuten zum Beispiel, die Ausländer würden Arbeitsplätze wegnehmen. So ein Quatsch, aber bei uniformierten Leuten kommt das eben an. Die sagen nicht, dass wir eine Mitschuld haben, wenn wir unser Geld auf eine Bank geben, die damit miese Geschäfte macht.“

Da könnten die klugen Jungs von Milliarden – Gitarrist Ben Hartmann und Tastenmann Johannes Aue – direkt anschließen und zum Beispiel über ihren Song „Freiheit ist ’ne Hure“ reden. Ben, der den Song geschrieben hat, sagt: „Heute ist der Kapitalismus in einem schwammigeren System verankert als früher. Der Feind ist dadurch schwer zu verorten und lauert eben oft in dir selbst.“ Mit ihrem angerauten, punkigen und gern auch melancholischen Ruck-Zuck-Rock werden die Berliner nicht nur regelmäßig in eine Art Traditionslinie mit Rio Reiser gesetzt (als Support von Ton Steine Scherben waren sie denn auch schon unterwegs), sie zählen auch schon zu den Favoriten der aktuellen Saison im deutschsprachigen Musikwesen. Deutsch singen, aber kein Trallala und doch viel Spaß dabei – so kann man die „Milliarden“-Linie beschreiben. Und die der anderen Acts bei „Laut gegen Nazis“ gleich mit.

Thomas Lietz
Titelfoto: Faber © PR

4. Juli „Laut gegen Nazis“-Campus Open Air mit Fatoni, Faber, Vizediktator und Milliarden, Zentralcampus der BTU Cottbus-Senftenberg

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