„Mit dem neuen Landesmuseum spielen wir in einer anderen Liga“

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Am 1. Juli ging das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst (BLmK) an seinen beiden Standorten Cottbus und Frankfurt (Oder) an den Start. Mit einem festlichen Akt und vielseitigem Kulturprogramm wurde an jenem Tag die Fusion des dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und des Museums Junge Kunst Frankfurt (Oder) sowie die gemeinsame Zukunft der beiden Häuser als Landesmuseum mit seinem einmaligen Sammlungsbestand gefeiert. Großen Anteil an dieser Fusion hat die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, Dr. Martina Münch. Hermann sprach mit ihr über Potential, Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Aufgaben und finanzielle Ausstattung der beiden Häuser.

Frau Dr. Münch, warum war die Fusion des dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und des Museums Junge Kunst Frankfurt (Oder) notwendig?
Wir wollen mittel- und langfristig beiden Häusern eine bessere Perspektive bieten. Es gehört zur kulturpolitischen Strategie des Landes, dass wir die Kunst in Brandenburg für die Zukunft sichern und entwickeln wollen. Frankfurt (Oder) wäre auf Dauer wahrscheinlich überfordert gewesen, das Museum auch weiterhin so zu finanzieren, dass es eine sichere Zukunft hat. Wir gehen natürlich davon aus, dass es erhebliche Synergieeffekte zwischen beiden Standorten gibt. Beide Häuser haben Kunst aus Ostdeutschland bis heute gesammelt und ergänzen sich sehr gut. Wenn man unter einer neuen Führung eine einheitliche Strategie entwickelt, wie man diese Kunst präsentiert und mit anderen Kunstformen oder Bildern in Beziehung setzt, bietet der jetzt viel größere Fundus einer gemeinsamen Sammlung – es gibt rund 35.000 Einzelwerke – viel mehr Möglichkeiten, als wenn beide Häuser allein weiterarbeiten.

Das MJK gehörte der Stadt Frankfurt (Oder), das dkw. war Teil einer Landesstiftung. Spielte bei der Fusion auch der drohende/mögliche Verlust der Kreisfreiheit von Frankfurt (Oder) eine Rolle?
Die Stärkung der kulturellen Leuchttürme erfolgt natürlich auch im Kontext der Kreisgebietsreform. Mich freut es sehr, dass sich das Land dazu bekennt, die Bildende und Darstellende Kunst deutlich zu stärken und damit eben auch die großen Kultureinrichtungen. Das betrifft neben dem Landesmuseum unter anderem auch die Finanzierung des Staatstheaters in Cottbus und des Staatsorchesters in Frankfurt (Oder). Ich halte das für ein ganz wichtiges Zeichen. Kultur ist ja als so genannte ‘freiwillige Aufgabe‘ sonst immer etwas, das an letzter Stelle kommt, wenn es knapp wird im Haushalt.

Was ist Ihr Anteil an der Fusion?
Ich habe den Prozess stark mit begleitet. Es handelt sich dabei um ein Vorhaben, das nicht erst gestern entstanden ist. Die Fusion hatte eine längere Vorplanung. Wir hatten 2004 bereits einen ähnlichen Prozess in Cottbus, in dem es darum ging, das dkw. zu behalten und zu stabilisieren. Dazu wurde die Brandenburgische Kulturstiftung Cottbus als großes Dach gegründet, unter dem das Kunstmuseum Dieselkraftwerk erhalten werden konnte. Es war damals schon sehr schwierig, eine kommunale Kultureinrichtung mit dieser Wertigkeit vernünftig zu finanzieren und dauerhaft zu sichern. Zu dem Staatstheater und dem dkw. kommt nun das Museum Junge Kunst hinzu. Die beiden Kunstmuseen sind nun als Brandenburgisches Landesmuseum für moderne Kunst, kurz BLmK, Partner des Staatstheaters. Beide für das Land wichtigen Kultureinrichtungen sind nun als Teil einer Landesstiftung über ein Landesgesetz abgesichert. Darin kommt zum Ausdruck, dass hier etwas auf Dauer angelegt werden soll. Ich habe das damals schon als Landtagsabgeordnete und als Stadtverordnete hier vor Ort mit unterstützt und freue mich darüber sehr, dass ich den Prozess in den vergangenen  Jahren auch aktiv mitgestalten konnte.

BLmK

Berndt Weiße, Leiter des Geschäftsbereichs für Jugend, Kultur, Soziales der Stadt Cottbus, Dr. Martina Münch, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, und Dr. Martin Wilke, Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt (Oder), unterzeichnen die Gründungsurkunde des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst. © TSPV

Was war für Sie ausschlaggebend, das Projekt zu unterstützen? Was genau ist das Unterstützenswerte an dieser Fusion?
Ausschlaggebend war für mich, dass wir die Bildende Kunst im Land Brandenburg stärker fördern müssen. In unseren großen Museen für zeitgenössische Kunst haben wir viele Ressourcen, die wegen mangelnder Finanzierung bislang nicht genutzt werden konnten. Die Kunstsammlungen der Museen sollen künftig überregional und auch international stärker wahrgenommen werden. Es soll größere Ausstellungen geben, die auch einen internationalen Bezug, zum Beispiel nach Polen, bekommen sollen. Das Potsdamer Kunstmuseum Barberini macht im Herbst eine Ausstellung zum Thema „Kunst aus der DDR“, da wird das BLmK mit Leihgaben auch eine Rolle spielen. Mit dem neuen Museum werden wir in die Lage versetzt, in einer anderen Liga spielen zu können.

Wie finden Sie das Projekt?
Ich fand es von Anfang an eine gute Idee und ein spannendes Projekt. Deshalb war es mir auch wichtig, dass wir Stück für Stück die Hürden aus dem Weg geräumt haben. Es war ein langer Prozess: wir haben gemeinsam mit beiden Städten verhandelt, die Kulturstiftung an Bord geholt, die Stadtverordneten in den Kulturausschüssen mit einbezogen und schließlich auch die Landtagsabgeordneten überzeugt. Letztlich ist es gelungen, einen sehr intensiven und guten konstruktiven Prozess zu führen. Das Spannende ist die Herausforderung, dass wir zwei Einrichtungen unter einem Dach zusammengeführt haben. BLmK-Gründungsdirektorin Ulrike Kremeier hat uns ein Konzept für das neue Landesmuseum zugearbeitet –und ich bin schon  gespannt auf die Umsetzung. Die Ausstellung „Schlaglichter“ Anfang des Jahres hat uns schon mal einen kleinen Vorgeschmack gegeben. Da waren Werke aus Cottbus in Frankfurt (Oder) zu sehen und in Cottbus Werke aus Frankfurt (Oder). So etwas macht die Leute auch ein Stück weit neugierig. Das, was man in der eigenen Stadt hat, schätzt man manchmal nicht so sehr. Wenn aber Werke aus einer anderen Sammlung zu sehen sind, bekommt so eine Ausstellung und so ein Projekt eine neue Aufmerksamkeit.

BLmK

Das dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus und das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) fusionierten am 1. Juli 2017 zum Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst. © Montage: dkw. (Archiv)

Was war reizvoll, zwei Häuser zu belassen? Man hätte ja auch alles zu einem Haus zusammenführen können.
Wir haben zwei Städte – Frankfurt und Cottbus – die kann man schlecht zusammenlegen. Das BLmK mit einer zusammengeführten Sammlung an zwei Standorten war die Lösung. Wir haben aus beiden das Beste vereint, eine Win-win-Situation erreicht. Für die Frankfurter wird das neue Konstrukt eine Entlastung sein, weil sie in der Finanzierung unterstützt werden und das Museum beispielsweise eine zusätzliche Stelle für Museumspädagogik bekommt. Die Stadt wird auch im Stiftungsrat vertreten sein und hat so die Möglichkeit, dort mitzuentscheiden. Und Cottbus kann mit seiner Sammlung unter dem Dach des Landesmuseums und den zusätzlichen Ressourcen neue Projekte in den Blick nehmen, die vorher so nicht möglich waren.

Wie schwierig war es, die unterschiedlichen Positionen  der beiden Häuser zu vereinen?
Fusionsprozesse sind nie leicht. Man kommt aus unterschiedlichen Ecken, hat verschiedene Vorstellungen und andere Erfahrungen gemacht. Sich dann auf einander einzulassen und das Positive zu sehen, dass man die Stärken miteinander verbinden kann und durch die Bündelung noch mehr Leuchtkraft entsteht, ist ein weiter Weg. Dass man dabei Konzepte erstellen und übereinander legen muss und unterschiedliche Ansichten ausdiskutieren muss, ist klar. Man muss auch sehen, dass sich der Weg hier über Jahre hingezogen hat. Aber am Ende ist es gelungen, und das mit einer breiten Zustimmung. Im Landtag ist der Gesetzentwurf zum neuen Landesmuseum einstimmig durchgegangen – das ist die absolute Ausnahme.

Was ist das Besondere der beiden Häuser, schließlich beschäftigen sich beide Museen mit DDR-Kunst?
Die Häuser hatten unterschiedliche Schwerpunkte. Das dkw. hat eine große Sammlung von Fotografien aus der DDR, eine große Plakatsammlung, die in der Form auch einmalig ist. Im MJK hat man sich auf bildende Kunst aus der DDR und viele Skulpturen konzentriert. In beiden Häusern sind zum Teil unterschiedliche Epochen gesammelt worden. Die beiden Häuser ergänzen sich wunderbar.

Wie ist das neue Museum ausgestattet? Gibt es mehr Geld für mehr Stellen, mehr Aktionen? Wenn ja, wie viel mehr Geld?
Es gibt deutlich mehr Geld: Ab dem kommenden Jahr erhöht das Land seine bisherige Finanzierung der beiden Museumsstandorte um rund 450.000 Euro auf künftig 1,3 Millionen Euro jährlich für die neue gemeinsame Einrichtung. Für 2017 gibt es 225.000 Euro zusätzlich, weil wir erste in der zweiten Jahreshälfte starten. Damit gehen mehr Stellen und auch die Erhöhung des Ausstellungsetats einher. Frau Kremeier bekommt eine/n persönliche Assistent/in und eine/n Marketingbeauftragte/n. Die Stellen in Frankfurt bleiben erhalten, und es wird ein Museumspädagoge eingestellt. Dass für Bildende Kunst rund eine halbe Million Euro zusätzlich jährlich in den Landeshaushalt eingestellt wird, ist ein wichtiges Zeichen, dass es dem Land Ernst ist, das Landeskunstmuseum nicht nur zu sichern, sondern auch weiter zu entwickeln.

Warum ist das Archiv in Beeskow, wie noch im vergangenen Jahr angekündigt, doch nicht mitfusioniert?
Das Archiv in Beeskow hat eine Sonderstellung. Die Sammlung aus Beeskow eignet sich nicht sehr gut für eine museale Präsentation. Sie muss in einen anderen Kontext gestellt werden. Die Werke des Archivs gehören drei Ländern: Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Die Sammlung ist zudem sehr heterogen. Da sind zwar auch einige Kunstwerke dabei, aber auch Gebrauchskunst, in Serie Hergestelltes, Alltagsgegenstände, Orden, Medaillen und ähnliches. Derzeit wird der Bestand inventarisiert. Dieser Prozess läuft mit Sicherheit noch zwei Jahre. Zudem hat der Landkreis Oder-Spree Interesse gezeigt, das Archiv mit der gesamten Sammlung zu übernehmen und damit auch Synergieeffekte mit dem Dokumentationszentrum Alltagskultur in Eisenhüttenstadt zu nutzen, das ebenfalls in Trägerschaft des Kreises ist. Wir werden dazu intensive Gespräche mit dem Landkreis führen. Unabhängig davon wird es aber künftig eine enge Kooperation des Kunstarchivs mit dem Landesmuseum geben.

Wie kann man an zwei Orten ein Museum gestalten? Man muss ja auch vor Ort sein und dort ein Gespür für die jeweiligen Leute entwickeln.
Das kann natürlich nicht durch eine einzige Person passieren – deswegen gibt es ja auch einen deutlichen Stellenaufwuchs. Es wird ein Team von Kuratoren geben, das mit jeweiligen Spezialisierungen für die gesamte Sammlung und beide Standorte zuständig ist. Um zum Beispiel die jungen Leute vor Ort mit den Angeboten zu erreichen, spielt Museumspädagogik eine wichtige Rolle. Schon vom Kindergarten an sollten Kinder ins Museum gehen und gezielt an Kunst herangeführt werden. Später könnte beispielsweise auch Kunstunterricht im Museum stattfinden. Museumspädagogische Angebote können sich aber genauso an ältere Menschen richten. In Zukunft können und sollen Ideen auch gemeinsam entwickelt werden, es muss jetzt nicht mehr jedes Haus für sich agieren und alles neu erfinden, sondern kann sich nun gemeinsam bestimmte Themen vornehmen. Da bieten sich viele neue Möglichkeiten.

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Dr. Martina Münch in ihrem Wahlkreisbüro in Cottbus. © TSPV

Wie schätzen Sie das Besucherpotential ein? Gibt es da Vorgaben?
Nein. Wir haben keine bestimmte Zahl vorgegeben. Wir wünschen uns natürlich, dass es mehr werden. Letztlich machen wir das alles dafür, dass die Menschen die Häuser annehmen, dort hingehen und sich von der Kunst inspirieren lassen. Frau Kremeier hat ja bereits ihr Haus für neue Veranstaltungsformen geöffnet. Es gibt Abendveranstaltungen, Sonntags-Brunch, Musik, Tanz oder Familienführungen. Wir wünschen uns, dass es auch in Frankfurt künftig neue Formate gibt und durch diesen Neuanfang noch mehr Menschen neugierig werden und in das Landesmuseum gehen.

Wo liegt das Potential des neuen Museums auf Landesebene?
Wir haben in Brandenburg zwar eine Filmuniversität, aber keine Kunsthochschule. Wir wollen Bildende Kunst im Lande stärker profilieren. In diesem Sinne haben wir verschiedene Maßnahmen wie die Atelierförderung oder Stipendien für Bildende Künstlerinnen und Künstler gestartet. Dazu gehört aber auch, dass es einen Ort für die Bildende Kunst gibt, der ausstrahlt – dass soll künftig das Landesmuseum für moderne Kunst sein.

Bisher waren Straßenbau und Infrastruktur die wichtigen Themen. Woher kommt auf einmal das Interesse, wieder Kunst und Kultur mehr zu fördern?
Wir haben schon immer versucht, Kunst und Kultur im Rahmen unserer Möglichkeiten zu fördern. Aber wenn man als Land begrenzte Mittel hat und in wichtige Bereiche wie den Straßenbau, die inneren Sicherheit und die Bildung investieren will, muss man Prioritäten setzen. Ich freue mich, dass mittlerweile viele erkannt haben, dass ein Leben ohne Kultur kein lebenswertes Leben ist und dass sie zum Zusammenhalt der Gesellschaft beiträgt. Wir waren aufgrund begrenzter Mittel schon immer gezwungen, besondere Modelle zu entwickeln. Ich denke da auch an den Theater- und Konzertverbund, wo sich mehrere Einrichtungen zusammengefunden und beschlossen haben: Wir bespielen das Land in einem festgelegten Turnus. Wir planen darüber hinaus derzeit die Errichtung von Landesbühnen, bei dem die Neue Bühne Senftenberg die Aufgabe bekommen wird, den Süden des Landes verstärkt zu bespielen, wo es sonst kaum noch Theaterangebote gibt. Dasselbe gilt für die Uckermärkischen Bühnen in Schwedt, die im nördlichen Teil des Landes verstärkt auftreten werden. Wir wollen mit unseren Mitteln die Menschen auf einem möglichst qualitativ hohen Niveau in allen Landesteilen erreichen und ihnen attraktive und qualitativ hochwertige kulturelle Angebote bieten. Wir wollen auch nicht, dass Künstler dauerhaft in prekären Arbeitsverhältnissen leben müssen. Der Landeshaushalt ist wegen der Steuereinnahmen und der niedrigen Zinssätze seit einigen Jahren ausgeglichen und somit haben wir auch für die Kultur mehr Spielräume und steigende Etats in den vergangenen Jahren. Das ist eine große Chance.

Interview: Heiko Portale (Recherche: Sabrina Kotzian)

Sämtliche Infos zu Fördermöglichkeiten im Kulturbereich:
www.mwfk.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.250118.de

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