HoyWoy auf Aufholkurs

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Straßentheater ist Kunst für Alle – wie Musiker, Artisten und Gauckler vom Huckepackverfahren leben

Das Straßentheaterfest in Hoyerswerda zeigt, dass man auch ohne grandiose Altstadtkulisse wie jener von Görlitz zu einem Eldorado für Artisten, Gaukler und anderer Straßenkünstler werden kann. „Hermann“ bietet einen Vergleich zwischen der 9. Ausgabe des Braugassentheaters und dem 23. ViaThea als Görlitzer Mutter – unter Beachtung der polnischen Großmutter.

In Görlitz beginnt am Donnerstagabend mit einem Picknick im Stadtpark. Tausende Einwohner treffen sich, es gibt verstreut vier Bühnen und viel Wandelkunst. Wichtiger ist aber: Gesehen und gesehen werden, was schnell schwerfällt, wenn es dunkel wird. Es zählt das Ambiente – und es ist das Wochenende, wo viele Ausgewanderte zurück in die Heimat kommen und die Touristen strömen und vermehrt auch bleiben. Wer das Neue erfahren will, wer mit wem neuerdings wo zugange ist, muss Sonnabend nach der letzten Show nur im Café am Flüsterbogen („FlüBo“) geduldig ausharren. Statt Baguette und Soljanka gibt es dann Klatsch und Tratsch – zum Nulltarif (jenseits der Spesen).

Das 23. ViaThea bot 21 Gruppen und Künstler mit 108 Auftritten aus 28 verschiedenen Inszenierungen und zog laut Gerhart-Hauptmann-Theater als Veranstalter 40 000 Besucher. Eindeutiger Höhepunkt dieses Jahr: Die Holländer vom Theater Gajes, die mit „When Thomas met Julie“ eine moderne Romanze im Sauna-/Klempnermilieu, wie immer auf Stelzen und urst komisch, bieten – und zum Schluss, gemeinsam mit dem Görlitzer Publikum, „Galinka“ singen und steppen.

Anders in Hoyerswerda. Dort ist am Sonntagnachmittag, quasi als Görlitzer Nachspiel oder kompakter kleiner ViaThea-Bruder, das Internationale Straßentheaterfest mit dem Nachnamen „Braugassentheater“ zugange. Das Programm ist an vier Punkten von 14 bis 19 Uhr im Abstand von rund 300 Metern auf dem Marktplatz gebündelt, in rund zwei Stunden könnte man alles erlebt haben. Einzig die Kinderoase, direkt im Park der KuFa und auch vom Bautzner Bühnenvolk mit der schönen Nummer „Schule der Clowns“ bespielt, liegt bei Sonne im Schatten. Der Rest brütet in der Sonne, so dass eine Ecke zur Freude der lieben Kleinen und albernen Mittleren besprengelt wurde.

Fast alle Beteiligten kommen direkt aus Görlitz: das Theater Rue Pietonne mit Origami-Kunst aus Frankreich, das verrückte Orchestre du Vetex mit 14 Musikern aus Belgien und Frankreich als einmalige Auftaktshow, Jay Toor aus Israel mit ihrer Mitmachshow „Holyday on Delay“ oder der Berliner Jongleur Stefan Sing, der in Görlitz vier Shows mit Tanzpartnerin Cristiana Casadio absolvierte. Er kam allerdings allein (vermutlich, weil hier keine Bühne mit Tanzboden wartete) und für Omnivolant alias Nils Wollschläger, sprang wegen Kreuzbandriss ganz plötzlich Kammann aus Hamburg ein, während sich der bunte brasilianische Samba-Stelzenlauf vom Skaramouche Stelzentheater, welches nicht in Görlitz gastierte, sich recht schnell erschöpfte, wurde der Jongleur und Einradfahrer mit großem Talent für improvisierte Komik und rasch zum Publikumsliebling.

„Kammann macht Spaß!“ heißt sein Programm und ist eigentlich – dreimal eine halbe Stunde in zweieinhalb Stunden – rein physisch in sengender Hitze und auf Kopfsteinpflaster kein solcher. Es sei denn fürs Publikum, denn er steht zu Bäuchlein und Brusthaar und bot als Höhepunkt immer mal wieder, gekonnt taumelnd, aber nicht-strauchelnd, gehobene deutsche Lyrik: Von Robert Gernhardt über sich selbst („Der Walfisch“) bis Bertolt Brecht: Mit „Anmut sparet nicht noch Mühe“ begann er seinen Schlussmonolog – in Erinnerung an Stefan Heym und dessen Antritt als zweiter Alterspräsident im Bundestag der vierten deutschen Republik – und brachte plötzlich den ganzen Tag in ein großes, gesamtdeutsches Lot. Denn die Kinderhymne, passend auf beide deutsche Nationalmelodien, aber wesentlich gelungener als deren Texte, schließt mit: „Und weil wir dies Land verbessern / Lieben und beschirmen wir’s / Und das liebste mag’s uns scheinen / So wie andern Völkern ihrs.“ Das, sonntags um 18.19 Uhr in HoyWoy vor dreihundert Leuten auf dem sonst schon recht leeren Marktplatz von einem vom Fest begeisterten Einradfahrer, der es sich leisten kann, über Sachsen zu spotten – da blieb keine Haut ohne Gans: Kammann ward zur Entdeckung des ganzen Wochenendes!

So wie einst Görlitz im Huckepack auf das zwölf Jahre ältere Partnerfestival in Jelenia Góra aufsprang (also offiziell: kooperierte), tut es nun Hoyerswerda seit acht Jahren nach. Dabei gibt es die polnische Großmutter, das Internationale Straßentheaterfestival im einstige Hirschberg, welches sich auf Polnisch MFTU nennt und dessen 35. Edition zwei Wochen nach dem Lausitzer Doppelpack stattfand, durchaus noch – angekoppelt an das städtische Norwid-Theater, aber inzwischen losgelöst mit Görlitzer Termin, was natürlich Synergien verhindert. Dort warteten 2017 zehn Truppen aus fünf Ländern (darunter vier aus Polen und drei aus Italien) mit zwölf Programmen auf dem herrlichen Arkaden-Marktplatz rings ums Rathaus – und zwar ohne Wiederholung im Stundentakt.

So gibt also für echte Straßenkunstfans noch eine dritte Alternative, direkt unterhalb der Schneekoppe,  durchaus mit Zug erreichbar. Dort gab es dieses Jahr – jenseits der deutschen Beteiligung von Grotest Maru aus Berlin, die auch in Görlitz waren – ganz andere Truppen und auch eine große Abschlussshow.

Fotos und Text: Andreas Herrmann

 

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