Verbindlicher Inselkult an Friedensgrenze

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Verbindlicher Inselkult an Friedensgrenze

Die Kulturinsel Einsiedel wird mittels EU-Mitteln aufgepeppt und feiert 24. Folklorum als Turisedische Festspiele  

Jaja, die Turiseden. Sie sind fleißige Menschen mit urigen Bräuchen und beherrschten einst mit völkerverbindenden, also sich schön wild kreuzendem Verhalten die ganze Zentrallausitz. Vor tausend Jahren verschwanden sie plötzlich aus den Neißeauen – keiner weiß, warum und wohin. Angeblich. Noch.

„Bis zum heutigen Tag ist seine Existenz nur einem kleinen Kreis von Experten bekannt. Unglückliche Umstände und schicksalhafte historische Prozesse haben dieses Volk der Vergessenheit anheim fallen lassen.“ Schuld daran – so steht es im allwissenden Netz – sind nur der Mediävist Jurusch Gorlik und der Holzgestalter Jürgen Bergmann, denn sie hätten „sich der Aufgabe verschrieben, diesem Unwissen entgegen zu treten.“ Eine Ausstellung im „Historum“ sei das Ergebnis ihrer inzwischen jahrzehntelangen Ausgrabungen.

Soweit die Legende, die so schön ist, dass es leicht fällt, sie glauben und ihre Tradition fortleben lassen zu wollen. Hier am Ursprungsort, im Reservat der Kulturinsel Einsiedel, zugehörig der Gemeinde Zentendorf, gelegen an der Neiße, also der deutsch-polnischen Friedensgrenze, die seit 2004 keine EU-Außengrenze mehr darstellt. Also eigentlich am Arsch der Welt, der – wie fast jeder seiner Sorte – in purer Natur gelegen urst romantisch wirkt.

Dazu kommt das andere Werk des Jürgen Bergmann: Holzkunst in brachialer und oft farbiger Urwüchsigkeit, die sich allen möglichen Formen ergießt, aber vor allem in jener von Bauten aller Art, oft hoch über den festen Boden – auch als komplettes Wipfelhotel – einen konkreten Nutzen bieten. Schlafen in Affenhöhen und Nacktduschen mit Kaltwasser zum Beispiel. So kann man Touristen mit Turiseden locken – deren Bräuche zu synchronisieren, ist sicher keine üble Idee zugunsten des Weltfriedens.

Insgesamt 250 regulär buchbare Übernachtungsplätze bietet die Kulturinsel inzwischen – alle werden am Weltfriedensfreitag und dem folgenden Wochenende bis 3. September belegt sein, wenn das 24. Folklorum, ausgewiesen als viertes Festival der Turisedischen Festspiele, die perfekte Alternative zu den parallel steigenden Löbauer Tagen der Altsachsen bietet. Dazu lagert ein Heer voller Fußvolk in Zelten auf der großen Wiese bis zur Neiße – vermutlich weit über zehntausend Menschen. „Ich schätze, dass 80 Prozent der Festivaldauerbesucher hier schläft“, erklärt Manuela Claus, die im Auftrag des Vereins Kulturinsel Einsiedel, der bereits seit 1992 für die Festivitäten im Gelände zuständig ist, das Kulturprogramm für das Folklorum federführend organisiert.

Jürgen Bergmann ist jener Einsiedel-Kopf, der die Inselholzkunst verzapft und heute damit rund einhundert Leute beschäftigt. Als 2004 Schengen über die Neiße schwappte, bauten sie einfach einen eigenen Grenzübergang.

Jürgen Bergmann ist jener Einsiedel-Kopf, der die Inselholzkunst verzapft und heute damit rund einhundert Leute beschäftigt. Als 2004 Schengen über die Neiße schwappte, bauten sie einfach einen eigenen Grenzübergang.

Besucherrekord angepeilt

Für die gebürtige Dresdnerin, die an der Berufsakademie Riesa (mit der Kulturinsel als dualem Ausbildungsbetrieb) Veranstaltungs- & Marketingmanagement studierte und sich darob seit neun Jahren Diplombetriebswirtin nennen darf, ist es bereits die 13. Ausgabe, die sie vorbereitet und erlebt. „Es ist einfach schön, die Entwicklung zu sehen.“ Zu ihrem Start anno 2005 kamen noch rund 10 000 Besucher, mittlerweile sind es regelmäßig bis zu 17 500, die dazu beitragen, dass sich das Festival – als eines der wenigen in der Lausitz – selbst trägt. „Platz haben wir genug, es gibt dieses Jahr sogar auf polnischer Seite einen echten Zeltplatz mit kompletter Logistik“, erläutert sie und verweist gleichzeitig darauf, dass auch der Nahverkehr gen Görlitz verstärkt wird: „Es fahren Sonder- und größere Busse, das organisieren die Verkehrsbetriebe“, so dass sich auf dem Görlitzer Bahnhof die abfahrende Spreu (gen Löbau) vom ankommenden Weizen trifft und trennt.

Für die 24. Edition sind 13 Bühnen für rund 400 Künstler in 90 Kollektiven geplant – Claus hofft, bei wettergöttlichem Gusto, gar auf über 18 000 Besucher – und damit auf einen neuen Zuschauerrekord. Damit würde die unsubventionierte Veranstaltung sogar größer als das benachbarte Görlitzer Straßenfestival ViaThea, wo sich nach Schätzungen dieses Jahr rund 15 000 Besucher und im vorigen Jahr höchstens 10 000 Besucher tummelten.

Fördermittel erhält der Verein dabei nur für die Kosten eines ins Folklorum eingebetteten Flechtkurs für bis zu 70 Teilnehmer. Auch dabei entsteht jene ortstypisch-eigenartige Kunst, die dem Zahn der Zeit nicht trotzen kann und will. Wie über dem ganzen, echt surrealem Areal eine stets verwitternde Holzaura liegt, die förmlich nach steter Nacharbeit und Erneuerung – oder normalen Verfall riecht. Dieser Charme natürlicher Kreisläufe, in der Lausitz angesichts der Überwucherung der Pracht einstiger Industriebauten oft mit einem weinenden Sozialauge zu beobachten, ist das eigentliche Credo von Bergmanns Werk.

Der Maestro lässt es sich nicht nehmen, bei einer deutsch-polnischen Förderbustour zum neuen Interreg-Programm mit dem Motorrad angeknattert zu kommen, um mit grauem Wallebart und Zopf seine Geschichte von der Eroberung der Grenzfreiheit zu erzählen: Als am 1. Mai 2004 die EU-Außengrenze und damit der Schengen-Raum gen Osten wanderte – europäisch groß gefeiert am Zittauer Dreiländereckpunkt, wo 13 Jahre später immer noch die geplante (und alltagslogistisch recht irrelevante) Dreibeinbrücke fehlt – gab man hier, 50 Kilometer flussabwärts, schnell die eigene Insellösung auf und wagte sich per Floß und später per Fußgängerpontonbrücke gen Polen, die heute das grenzwertige Neißecafé hält, um dort, kurz vorm größten Wald Mitteleuropas, in dem auch die polnische Armee und ihre amerikanischen Freunde verstecken üben, dem polnischen Dort Bielawa Dolna das Erlebnis „TuriusWinkel“ zu spendieren.

„Wir haben das einfach gemacht, ohne langwierige Genehmigungen“, schildert Bergmann die Anfänge. Die Politiker wurden von der leibhaftigen Völkerverbindung schlicht überfahren – aber keine wagte, dagegen zu sein. Umso mehr ärgert ihn, dass die Brücke im benachbarten Deschka nun nicht mehr  befahrbar ist. Aus zwölf werden nun (über die Görlitzer Autobahnbrücke) 44 Kilometer Wegstrecke nötig – logistisch ein Unding. Dort warten eine Büffel-WG, das Sehcafé und seit Ende Juni eine neue Attraktion, eine elektronikfreie Camera Obscura auf einem verrückten Turm, in der sich die ganze Umgebung frei nach dem neuen deutschen Medienmotto „Spiegel Dir Dein Bild selbst“ neu zusammensetzt.

Die Camera Obscura ist somit der jüngste Ausfluss im großen Grenzprojekt „Abenteuer Neiße“, welches seit Start des EU-Förderprogamms zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit am Start ist und nun in der Periode 2014 bis 2020 schon die vierte Etappe erlebt. Deren Ziel ist die „Verbesserung des Images des Grenzgebiets und der Qualität der bestehenden touristischen Basis für Wasser-, Wander- und Fahrradtouristik”. So genannter Leadpartner ist die Gemeinde Zgorzelec, die sich für knapp 2,6 Millionen Euro acht weitere Partner eingesammelt hat – darunter auch den Landkreis Görlitz und die Stadt Pieńsk, der nächste Bahnanschluss für die Zentendörfler und demnächst mit Open-Air-Fitnessstudio im Stadtpark gesegnet. Und den Inselverein – der somit Fördermittel in Höhe von 84 364,98 Euro für den Aussichtsturm samt Kamera in Bielawa Dolna umsetzen konnte.

Derweil freut sich Manuela Claus auf die Künstler, vor allem auf Anna Mateur aus Dresden und Uschi Brüning, die mit Junggitarristen Lukas Natschinski jene 23 Jahre, die zwischen ihrem Karrierestart (1972) und seiner Geburt vergessen lassen wird. Besonders aber wird der Auftritt vom Ampersan aus Mexiko, die zum zehnten Bandjubiläum durch Europa touren. Wer zudem noch nicht weiß, wie Tripodisches Tauziehen, Popopulum als eine Art Einrad-Cricket, Baumringski oder aber der Neißehamster als Mühlrad-Riverbiking (vor allem zwischenmenschlich) wirkt, der sollte die Wissenslücke füllen.

 Text und Fotos: Andreas Herrmann

 

Netzinfos: www.kulturinsel.com/folklorum-feste

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