Stadtgespräch – Jürgen Fuchs von BASF

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Wir sind für die Energiewende ohne Wenn und Aber

Seit 2016 ist Jürgen Fuchs Vorsitzender der Geschäftsführung der BASF Schwarzheide GmbH. Wir sprachen mit ihm über „Digitale Transformation“, Energiewende, den Wandel in der Region und die Stärken der Lausitz.

Jürgen Fuchs – Geschäftsführer und Standortleiter, Foto: pr/BASF

Jürgen Fuchs – Geschäftsführer und Standortleiter, Foto: pr/BASF

Herr Fuchs, Sie arbeiten seit fast einem Jahr in der Lausitz, wie gefällt es Ihnen hier?
Sehr gut. Die Lausitz ist eine Region mit unverwechselbarem Charme. Der Zusammenhalt der Menschen hier in der Region ist mir gleich sehr positiv aufgefallen. Ich bin vielen, sehr aufgeschlossenen und liebenswerten Menschen begegnet, die sich in ihrer Heimat für eine lebenswerte Zukunft engagieren und auch in der Vergangenheit sehr engagiert haben. Neben den Menschen finde ich die Seenlandschaft besonders schön.

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Können Sie uns kurz Ihren Werdegang beschreiben?
Ich bin gelernter Verfahrensingenieur und mittlerweile seit über 26 Jahren bei der BASF. Im Laufe meines beruflichen Lebens hatte ich einige tolle berufliche Gelegenheiten, unter anderem auch im Ausland, für BASF in verschiedenen Bereichen tätig zu sein. Von Aufgaben in der Instandhaltung, über Projektierung von Neuanlagen oder das Betreiben von Produktionsanlagen. Prägend für mich waren, neben den zwei Jahren in Spanien, die fast 9 Jahre in den USA, wo ich unter anderem als Leiter des Produktionsstandorts Port Arthur, Texas, tätig war. In unserem Stammwerk in Ludwigshafen war ich ab 2012 für die Energieversorgung zuständig, bevor ich 2016 in Schwarzheide die Leitung des Standorts übernommen habe.

Warum haben Sie sich für die Lausitz entschieden?
Warum nicht? Schwarzheide hat in der BASF-Welt einen sehr guten Ruf. Außerdem mag ich Herausforderungen und bin überzeugt, dass ich mit meinen bisherigen Erfahrungen dazu beitragen kann, die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes zu sichern und weiter auszubauen. Wir haben hierfür schon sehr gute Ansatzpunkte, zum Beispiel unsere Infrastruktur noch effizienter und kostengünstiger zu machen. Einen richtigen Schub nach vorne verspreche ich mir von unserem aktuellen Schwerpunktthema „Digitale Transformation BASF Schwarzheide“. Durch den Einzug neuer, digitaler Technologien werden wir unsere Attraktivität für interne und externe Investoren und auch für zukünftige Mitarbeiter steigern. Der Standort wird noch wettbewerbsfähiger und damit zukunftssicher. Wir wollen Vorreiter in der BASF sein, und die hat sich auf die Fahne geschrieben, Vorreiter in der chemischen Industrie zu sein.

Der Strukturwandel verändert die Lausitz. Wie beteiligt sich die BASF Schwarzheide GmbH daran?
Wenn Sie die bevorstehende Strukturentwicklung auf Grund der Energiewende und die in absehbarer Zeit rückläufige Förderung der Braunkohle meinen, sind wir als Unternehmen in vielerlei Hinsicht betroffen und bringen uns auch in die Diskussion ein. Ich sehe schon dringlichen Handlungsbedarf zum Wandel und zur Weiterentwicklung der Region. So, wie die Braunkohle sich zurückentwickelt, müssen sich neue Strukturen mit neuen Industrien und neuen Produkten in der Lausitz entwickeln. Das muss gestaltet werden, und dazu bedarf es unter anderem einer verantwortungsvollen Industriepolitik, die eine gesunde Balance zwischen ökologischen und ökonomischen Notwendigkeiten ermöglicht, um damit den Wohlstand in der Region zu sichern.

Eine weitere Herausforderung für die Region ist der demografische Wandel, der nirgendwo in Deutschland so gravierende Auswirkungen hat wie hier. Während die Zahl der Erwerbstätigen drastisch sinkt, rücken nicht genügend Schulabgänger nach, das heißt: Mittelfristig werden wir mit weniger Mitarbeitern auskommen müssen. BASF Schwarzheide hat diesen Trend früh erkannt und Maßnahmen ergriffen, um den Fachkräftebedarf zu sichern. So bilden wir beispielsweise in jedem Jahr mehr Jugendliche aus, als wir bei uns einstellen. Allerdings können wir nicht das Fachkräfteproblem der ganzen Region lösen.

Was wollen Sie als Vorsitzender der Geschäftsführung der BASF Schwarzheide GmbH erreichen?
Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sich unser Produktionsstandort im Wettbewerb behaupten kann und attraktiv für Investitionen und attraktiv als Arbeitgeber ist. Neben neuen Wegen – ich denke hier an die Digitale Transformation des Standortes – sind die Leistungsfähigkeit und Flexibilität unserer Mitarbeiter dabei wesentliche Elemente, die Profitabilität des Standortes zu sichern und zu steigern, um damit Wohlstand und eine wirtschaftlich starke Lausitz zu schaffen.

Worin sehen Sie die Stärken der Lausitz?
Die Region hat in den zurückliegenden Jahrzehnten grundlegende Wandlungen vollzogen. Sie musste sich immer wieder neu erfinden und hat das sehr gut hinbekommen. Mit Blick nach vorn sollte es künftig eine Stärke der Region werden, über Ländergrenzen hinweg mit einer Stimme zu sprechen. Die Herausforderungen machen nicht an der Grenze zu Sachsen halt. Die Anfänge für eine Zusammenarbeit sind gemacht, um neue Perspektiven zu entwickeln.

Wohin wird sich die Region entwickeln? Wird hier in der Zukunft überhaupt noch etwas produziert, oder wird in der Lausitz in 20 oder 30 Jahren nur noch Tourismus stattfinden?

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Tourismus ist eine verheißungsvolle Perspektive im demnächst größten Seengebiet Deutschlands. Ob das alleine ausreicht, den Wohlstand bei gleichzeitigem Braunkohleausstieg in der Region zu sichern, glaube ich nicht. Die Region braucht zudem alternative Industriearbeitsplätze in innovativen und zukunftsträchtigen Branchen und zwar jetzt und nicht erst, wenn der letzte Bagger abgebaut ist. Um die neuen Industriezweige hier anzusiedeln, braucht es neben dem politischen Willen vor allem kluge Ideen, vielleicht sogar Visionen. Und das Wichtigste ist: Alle Kräfte in der Wirtschaft, der Wissenschaft und in der Politik müssen gebündelt werden. Wir müssen hier noch stärker auf Innovationen setzen. Dabei wird die stärkere Verzahnung von Wirtschaft und Wissenschaft eine wesentliche Rolle spielen. Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit der Strukturwandel gelingt.

Wie sehen Sie die Energiewende und die Auswirkungen auf den Betrieb der BASF Schwarzheide?
Ganz klar: Wir sind für die Energiewende ohne Wenn und Aber – die Energiewende sollte im Rahmen einer verantwortlichen Industriepolitik vorangetrieben werden. Das kann ich leider nicht immer erkennen. Gerade wir in der Chemie haben einige energieintensive Produktionsprozesse. Wenn unsere Energiekosten zu hoch werden, werden wir unsere Wettbewerbsfähigkeit in diesen Märkten verlieren – dann werden Anlagen geschlossen.

Können Sie sich ein Land Brandenburg vorstellen, in dem keine Braunkohle mehr zur Energiegewinnung gefördert wird?
Ja, diese Zeit steht bevor. Aber das muss kein Unheil für die Region sein. Ich halte es mit Kafka, der gesagt hat: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“. Die Lausitz und ihre Menschen sind auf dem Weg. Es muss uns gelingen, ausreichend Ersatzarbeitsplätze in innovativen, zukunftsweisenden Industrien oder im Dienstleistungssektor zu kreieren.

Ihr Vorgänger in der Funktion des Vorsitzenden der Geschäftsführung übte während seiner Zeit mehrere Mandate für die regionale Entwicklung aus. Führen Sie diese Art des Engagements fort?
Für mich ist es naheliegend und selbstverständlich, dass ich mich über die eigentliche Arbeit hinaus für die Region engagiere und mehrere Mandate angenommen habe. Es wird nur vorangehen, wenn wir in Netzwerken Interessen artikulieren und gemeinsam Lösungen vorantreiben.

BASF ist ein international agierender Konzern. Welche Rolle spielt die Lausitz in den zukünftigen Plänen der Firma? Wie schwierig ist es, den Standort in Schwarzheide zu erhalten?
Die Aufgabe eines Produktionsstandorts der BASF besteht darin, Produkte in erwarteter Qualität zu einem wettbewerbsfähigen Preis herzustellen. Dabei befinden wir uns im Wettbewerb mit anderen Marktteilnehmern, aber auch mit anderen Standorten innerhalb des BASF-Konzerns. Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit ständig unter Beweis stellen und unsere Attraktivität für unsere Auftraggeber sowie Investoren weiter verbessern. Das ist uns in der jüngeren Vergangenheit ganz gut gelungen. Unsere Pflanzenschutzanlagen und die Anlage zur Compoundierung (dt.: Verbindung/Verschmelzung, Anm. d. Red.) technischer Kunststoffe wurden mit Millioneninvestitionen erweitert. Aber wir haben auch Produkte im Portfolio, die ans Ende ihres Lebenszyklus kommen oder gekommen sind. Wir brauchen also intelligente Lösungen, um effizienter zu werden und/oder neue Produkte mit neuen Anlagen an unseren Standort zu holen. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Wir brauchen gut ausgebildete und leistungsfähige Mitarbeiter, die sich ständig weiterbilden und den Herausforderungen und Chancen der digitalen Transformation stellen. Wir brauchen Flexibilität, um auf sich verändernde Anforderungen erfolgreich und schnell reagieren zu können. Und nicht zuletzt muss das Umfeld stimmen. Mit dem Ausbau des Bahnhofs Ruhland und der Erweiterung des Kombiverkehrsterminals der STR Tank-Container-Reinigung GmbH ist der Standort logistisch mittlerweile sehr gut positioniert.

Interview: Heiko Portale
Titelfoto: GuD-Kraftwerk (Gas- und Dampfturbinenkraftwerk) und Pflanzenschutzanlage auf dem Gelände der BASF in Schwarzheide – pr/BASF

 

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