hermann-Interview zum 27. FilmFestival Cottbus mit Programmdirektor Bernd Buder & Geschäftsführer Andreas Stein

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„Mit unserem Programm geben wir Osteuropa viele Gesichter und seine Seele zurück.“

Warum passt ein Filmfestival, das das osteuropäische Kino in sein Zentrum stellt, perfekt nach Cottbus?
Andreas Stein (AS): Weil das FilmFestival Cottbus in der unmittelbaren Nachwendezeit von Cottbusern für Cottbuser gegründet wurde. Bei der Aufzählung unserer Standortvorteile ziehen wir den Joker der Nähe zu unserem polnischen Nachbarn und der geografischen Mitte zwischen den Metropolen Berlin, Dresden und Breslau. Wir verweisen gern darauf, dass unsere Partnerstadt Zielona Góra lediglich 100 Kilometer entfernt ist, auf die Zweisprachigkeit und die Heimat der slawischen Minderheit, der Sorben/Wenden, hier bei uns in der Lausitz. Die Mentalität der Lausitzer spielt eine maßgebliche Rolle: Wir sind bisweilen etwas grummelig und zurückhaltend, aber auch weltoffen und herzlich. Deshalb haben das Festival und seine Gäste längst den Weg in die Herzen der Cottbuser gefunden.

Bernd Buder (BB): Das FilmFestival Cottbus hat sich in den jetzt 27 Jahren seines Bestehens international einen Ruf als DAS Osteuropa-Filmfestival erarbeitet, worauf wir und auch die Stadt Cottbus stolz sein können. Unsere Gäste fühlen sich hier ausgesprochen wohl – das Publikum ist hochsensibel, was osteuropäische Themen angeht.

Gegen welche Klischees müssen Sie mit dem Festival, aber auch durch Ihre Programmgestaltung, immer wieder ankämpfen?
BB: Osteuropa wird oft auf Krisen-Klischees verkürzt: Korruption, Rechtspopulismus, Krieg. Oft kommen noch Alkohol und Depression dazu. Wir zeigen mit unserem Programm, dass Osteuropa ausgesprochen vielfältig ist, zeigen Lebenslust und damit verbundene persönliche Problembewältigungsstrategien, von denen wir viel lernen können. Mit unserem Programm gucken wir hinter die Schlagzeilen, zeigen das Leben der Menschen in „unserer“ Region, ihre Geschichte, ihren Alltag. Damit wird Osteuropa greifbar, man entwickelt Empathie, Verständnis – und wird weggeholt von den Vorurteilen, die mit den genannten Klischees einhergehen. Mit unserem Programm geben wir Osteuropa viele Gesichter und seine Seele zurück.

AS: In der Anfangszeit des Festivals galten die Macher als Spinner. Wer wollte unmittelbar nach dem Mauerfall schon in Richtung Osten blicken. Zumal sich die von Bernd Buder angesprochenen negativen Klischees in den Köpfen festgesetzt hatten. Inzwischen hat sich das gewandelt. Zwar gibt es nach wie vor die klassischen Klischees über Osteuropa und doch hat das östliche Europa deutlich an Akzeptanz gewonnen, gilt als sexy, manchmal exotisch, aufstrebend und als Region, die sich auf der Überholspur befindet. Die Programmauswahl von Bernd Buder und seinem Team spiegelt beide Seiten dieser Medaille wider – zeigt, wie Osteuropäer mit den eigenen Klischees spielen genauso wie deren Coolness. Beleuchtet deren Probleme, die ebenso unsere sein könnten, wie deren Lebensfreude und Fröhlichkeit. Der Humor ist sicher etwas anders als der deutsche Humor. Obwohl, haben wir überhaupt Humor? Ach ja, das war nur ein Klischee über uns Deutsche…

Im Zentrum des Festivals steht der Wettbewerb Spielfilm. Welches der zwölf Werke sollte niemand verpassen?
BB: Da das alles preisverdächtige Filme sind, möchte ich ungerne einige davon hervorheben. Der Zuschauer wählt aus unterschiedlichsten Filmen: Vom slowakisch-tschechisch-ungarischen Roadmovie OUT mit seinem lakonischen Humor über den polnischen I’M A KILLER, hinter dessen Krimi-Fassade aus den 1960er-Jahren sich eine unglaublich präzise Gesellschaftsstudie offenbart, bis zum GRANATAPFELGARTEN, einer kleinen, sensiblen Vater-Sohn-Geschichte aus Aserbaidschan.

AS: Ich müsste jetzt wohl die anderen neun Spielfilme aufzählen. Da wäre der neue Spielfilm von George Ovashvili, VOR DEM FRÜHLING. Welche Kraft die Bilder des georgischen Regisseurs verströmen, hat er bereits mit die MAISINSEL bewiesen. Sein neues Werk knüpft nahtlos daran an. Völlig anders kommt der schwarzhumorige Mafiakrimi DIE LINIE von Peter Bebjak daher. Wenn man nicht wüsste, dass es sich um eine slowakisch-ukrainische Koproduktion handelt, hätte man den Film durchaus auch auf dem Balkan verorten können. Apropos Balkan: Jan Cvitkovič ist mit seinem Neuling DIE FAMILIE im Rennen. Nach seinem schwarzhumorigen VON GRAB ZU GRAB und dem schrägen ŠIŠKA DELUXE, der 2015 den Publikumspreis gewann, darf man gespannt sein, wie er sich diesmal in der Gunst der Juroren und des Publikums schlägt.

Die Voraussetzungen in den einzelnen Ländern Osteuropas sind sehr unterschiedlich, was Filmhistorie, Fördermöglichkeiten, aber auch politische Führung angeht. Welche Länder entwickeln sich positiv und um welche sollte man sich sorgen?
BB: Sorge und Hoffnung liegen in Osteuropa, und nicht nur da, nah beieinander. Das in allen Facetten reichhaltige polnische Kino beweist, dass es dort eine starke Zivilgesellschaft gibt – von der Filmkunst bis zum Blockbuster, allein in den „Nationalen Hits“ finden sich in diesem Jahr vier ganz unterschiedliche polnische Filme. Auf der anderen Seite zeigen Nachrichten wie die am Ende recht fadenscheinige Entlassung der Leiterin des Polnischen Filminstituts, das nahezu alle polnischen Filme finanziert, dass die Politik hier verstärkt Einfluss auf das Kino nehmen möchte. In Rumänien und Serbien dagegen entwickelt sich weiterhin eine ausgesprochen kreative Filmszene, in kleineren Ländern wie Kosovo und Montenegro gibt es rührige Filmzentren, die ihre Filmemacher mit Erfolg in internationale Koproduktionen bringen, ähnlich im Baltikum, wo die jeweiligen nationalen Filmzentren unglaublich effektiv daran arbeiten, talentierte junge und gestandene Filmschaffende zu fördern. Es gibt aber auch Entwicklungen wie das Verleih- und Sendeverbot für russische Filme in der Ukraine, die darauf abzielen, die kulturellen Bindungen an den Nachbarn zu kappen, oder direkten autoritären Druck auf Filmkünstler, wie der Hausarrest gegen Kyrill Srebrenikow und die jahrelange Haftstrafe gegen Oleg Sentsov in Russland zeigen. In diesen Fällen trifft es Regisseure, die den Dialog und die Kooperation mit dem gesamten Europa suchen – diese Tendenzen, multinationale Dialoge zu verhindern, sollen zu Abschottung führen. Das öffnet Tür und Tor für einseitige, ressentimentgeladene und oft nationalistische Sichtweisen.

Wieso legt das FFC seinen FOCUS ausgerechnet auf Vietnam?
BB: Der FOCUS liegt nicht auf Vietnam, sondern auf Geschichte und Gegenwart der vietnamesischen Migration in Deutschland, Polen und Tschechien. Diese Diaspora wird kaum wahrgenommen. Die oft sehr pointierten Filme zeigen, wie es sich zwischen zwei Heimaten lebt, mit welchen Hoffnungen und Ängsten Vietnamesen und deren Nachkommen in Mitteleuropa umgehen. Mit diesen Geschichten zwischen Kalten und heißem Krieg, geteiltem Land und Wiedervereinigung, Vertragsarbeiterabkommen und Abschiebung, Rassismuserfahrungen und Emanzipation und Überleben von traditionellen Familienstrukturen ist unser FOCUS „Việt Nam ở châu Âu | Vietnam in Europa“ mittendrin in den aktuellen Gesellschaftsdiskursen.

Was darf das Publikum vom Special Belarus erwarten?
BB: In Belarus hat sich in den letzten Jahren eine unabhängige Filmszene entwickelt, die die bisher recht monolithische Definition von ’nationaler Identität‘ um subkulturelle, homosexuelle, umweltbewusste und jugendliche Narrative erweitert. Das stimmt hoffnungsvoll. Viele der Filme haben übrigens einen schön schwarzen Humor, der zwischen den Zeilen sagt, was man nicht allzu plakativ sagen möchte – in künstlerischer Hinsicht ist das sehr kreativ.

Sie gehen freundschaftlich miteinander um. Sind Konflikte zwischen Programmleitung und Geschäftsführung nicht vorprogrammiert?
BB: Festivalarbeit ist phasenweise unglaublich intensiv, da ist man auf Kooperation angewiesen. Es tut gut, wenn man im Miteinander – das gilt ja für das gesamte Team – in der Lage ist, sich in der alltäglichen Arbeit die Bälle zuwerfen zu können. Anders wäre die Arbeit kaum zu erledigen: im Vorfeld der Veranstaltung sind 14- bis 16-Stunden-Tage fast normal, und um alles zu erledigen, könnten es gerne doppelt so viele Stunden pro Tag sein. Oft übersteigen die inhaltlichen Wünsche das Mögliche des Budgets, da kommen wir ins Diskutieren. Ich empfinde das aber als befruchtend, zumal wir eher lösungs- als problemorientiert handeln.

AS: Da kann ich Bernd Buder nur beipflichten. In erster Linie sollte, nein muss Arbeit auch Spaß machen. Trotz langer Arbeitstage und Stress. Sonst müsste man sich schnell hinterfragen. Das geht nur, wenn man ehrlich und freundschaftlich miteinander umgeht. Ob man sich in der Sache nun einig ist oder darüber streitet. Bei uns ist das im gesamten Team der Fall. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Ein nettes Wort hier, ein Witz dort und das gemeinsame An-einem-Strang-ziehen macht dieses Festival erfolgreich. Unsere Aufgaben sind nicht so unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick scheint: Wir erdenken und erarbeiten gemeinsam Konzepte zum Inhalt und in diesem Zusammenhang auch zur Finanzierung des Festivals und wir suchen gemeinsam nach Lösungen, wenn mal nicht alles flutscht. Zwischendurch schaut der eine Filme und der andere auf seine Zahlen. Es darf sich also jeder wieder damit beschäftigen, was ihm am meisten Spaß macht.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Festival?
BB: Weiterhin offen bleiben für neue künstlerische Tendenzen und alte Meister, das Gespür behalten für relevante politische, historische und soziale Diskurse – vor allem aber: weiterhin tolle Filme zeigen und neugierig auf Osteuropa machen. Dazu gehört auch die Kooperation mit unserem Koproduktionsmarkt connecting cottbus, auf dem neue Filmprojekte angestoßen werden, und das Wildern in neuen Formaten – mit ein wenig YouTube und dem mittlerweile traditionellen Fulldome-Programm sind wir schon drin im Leben.

Titelfoto: FFC

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