„Die Leidenschaf wecken, die in einem steckt – für einen guten Zweck “

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Gespräch mit  Ramona Franze-Hartmann über die Freiwilligenagentur, die sie leitet. Hier werden ehrenamtliche Arbeit, bürgerschaftliches Engagement, Wunschgroßeltern, Familienpaten, Lernhilfen u. v. m. gefördert

Seit 16 Jahren gibt es in Cottbus die Freiwilligenagentur in Trägerschaft des PARITÄTISCHEN Brandenburg e. V. Ramona Franze-Hartmann leitet sie von Anfang an. Mit Kompetenz, Engagement, Begeisterung, Mitmenschlichkeit. Im Gespräch gibt sie Auskünfte, die das belegen. Doch zuerst mal: Was ist denn, was will und kann so eine Freiwilligenagentur?

Wie jede andere Agentur auch vermittelt die Freiwilligenagentur. Wir vermitteln Cottbuser Bürger, die sich freiwillig engagieren wollen.

Wohin und wofür?
 Nehmen wir einen Fall, ehe wir vielleicht im Gespräch noch zur Theorie kommen.  Jemand möchte gern ein wenig mit Kindern in einer Kindereinrichtung  arbeiten: singen, vorlesen, Märchen spielen, etwas erzählen, was Kinder interessiert.  Was tut er? Er geht ins Internet oder schaut in das Telefonbuch und stellt fest, dass es in Cottbus an die 80 Kitas, Horte und Krippen gibt. Ein paarmal versucht er es am Telefon, glücklos, die Leiterin ist im Urlaub, im Gespräch, gerade mal krank. Entweder er/sie ruft später wieder an oder versucht woanders sein Glück und dann nochmal woanders. Da braucht es schon Geduld. Vielleicht versickert sogar die Lust, sich zu engagieren. Das betrifft nicht nur die Suche nach Kindereinrichtungen. Bedürfnis nach Hilfe ist vielfältig. Dass Bereitschaft ins Leere läuft, sollte nicht sein, und das muss nicht sein.

Sommertour_2017

Sommertour 2017. Foto: FA

Aber was muss dann sein, damit dies nicht sein muss?
Es muss jemanden geben,  der Kontakte und Informationen besitzt, welche Einrichtungen, Verbände und Vereine Unterstützung brauchen, und woran es ihnen fehlt. Neben dem Zauber kindlichen Märchenlandes und Spieles kann es um Seniorenbetreuung, die Unterstützung alleinerziehender Mütter oder Väter  und junger Familien bei Freizeitaktivitäten gehen, um den Einsatz als Wunschgroßeltern und viele andere Dinge mehr. Im Moment gibt es etwa 130 Möglichkeiten, sich freiwillig zu betätigen. Zudem kümmern wir uns darum, dass der Rahmen, sich zu engagieren, stimmt. Fragen nach dem Versicherungsschutz, der Einarbeitungszeit, der Begleitung und des Auslagenersatzes klärt die Freiwilligenagentur mit der Einsatzstelle. Erst wenn alles geklärt ist, wird die Einsatzstelle von uns beworben.

Eine so große Zahl an Betätigungen, da sollten wir über einige noch reden. Aber sprechen Sie zunächst über das Prozedere. Wie kommt da was zustande, die einen wissen doch von den anderen nichts?
Das muss ja nicht so bleiben. Im Übrigen  gibt es schon viele, die uns kennen und die Freiwilligenagentur weiterempfehlen. Da braucht uns um Arbeit nicht bange zu sein. Auch Sie tun ja gerade was, um Brücken von Hilfesuchenden zu Hilfegebenden und umgekehrt zu bauen. Wenn im Artikel noch die Kontakte genannt werden, dann weiß jeder Hermann-Leser, dass es uns gibt. Ein Ansatz unserer Arbeit baut darauf, dass in jedem Menschen Leidenschaften darauf warten, geweckt zu werden, und jeder mindestens ein Hobby hat, das er mit anderen teilen und über das er mit anderen reden will.

Gut, dem Cottbuser bleibt nun ein Telefonmarathon  erspart, eine Kita, eine Senioreneinrichtung, eine Familie, einen Sportverein, in denen er helfen könnte, hat er da aber immer noch nicht. Was passiert nun wirklich, wenn Interessierte die Telefonnummer 0355 – 4888663 wählen?
Der Weg ins Engagement hat drei Schritte. Der erste: Wer zu uns kommt, füllt einen Fragebogen aus, auf dem er seine Wünsche nennt, wo und wie er helfen, für wen er sich engagieren und freiwillige Arbeit leisten will, welche Fähigkeiten, Interessen oder/und Hobbys er hat, die er gern mit anderen teilen will. Meistens finden wir schon durch diesen Fragebogen eine Einrichtung, eine Einsatzfeld oder eine Familie bzw. eine Personengruppe, der die Tätigkeit gelten soll. Der zweite: Wir finden den Partner und geben die Kontaktdaten mit. Den dritten Schritt geht der Bewerber selbst, er nimmt den Kontakt auf, kann seine Wünsche und Vorstellungen und die seiner Einsatzstelle verwirklichen. Das alles hat in jeder Phase ganz freiwilligen Charakter. Heißt ja schließlich Freiwilligenagentur. 1500 Interessierte haben wir bisher beraten, und viele von ihnen sind immer noch bei ihrer ersten Wahl. Einige kommen nach Jahren wieder und wollen noch was anderes ausprobieren. Andere sind wieder ausgestiegen. Das entscheidet jeder für sich und muss uns keine Rückmeldung geben.

Ramona_Franze_Hartmann

Ramona Franze-Hartmann. Foto: FA

Gibt es bundesweite Erhebungen über die Größe des freiwilligen Engagements?
 Es gibt ein Freiwilligensurvey (Survey heißt Umfrage, kw.), das seit 1999 alle fünf Jahre stattfindet und seit 2014 in der Verantwortlichkeit des Deutschen Zentrums für Altersfragen liegt. Es weist aus, dass 43,6 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren im ehrenamtlichen Engagement tätig sind. Es mag überraschen, aber es sind mehr Männer als Frauen engagiert. Menschen mit höherem und hohem Schulabschluss stellen sich mehr zur Verfügung als mit niedrigem. Auch dies klingt wie ein Widerspruch: Die Umfrage kommt zu dem Ergebnis, dass sich mehr Erwerbstätige als Arbeitslose und anderweitig Nicht-Erwerbstätige für dieses bürgerschaftliche Engagement interessieren.

Mich würde schon sehr interessieren: Was treibt Menschen dazu, sich auf diese Weise darzustellen?
Noch mal aus dem Survey zitiert: Menschen sind freiwillig ehrenamtlich tätig, um ihre berufliche Arbeit zu ergänzen; um eine persönliche Aufgabe zu erfüllen; um etwas besonders Interessantes und Attraktives zu vollbringen; um sich einer Gemeinschaft verbunden zu fühlen. Für manchen gehört es einfach zum Lebensstil. Unsere eigenen Erfahrungen decken sich mit dem Survey weitgehend und sind sehr vielschichtig. Die einen merken, dass sie Langeweile stört. Manche haben einfach Zeit übrig, die sie nicht verschwenden möchten. Oder sie möchten nette Leute kennenlernen. Vielen ist es wichtig, gebraucht zu werden und etwas Nützliches zu tun, vielleicht Menschen zu helfen, denen es nicht gut geht. Selbstbestimmt nach dem Berufsleben weiter tätig zu sein, zum Beispiel ehrenamtlich eine Gruppe zu leiten und dabei seine Leidenschaft, sein Hobby zu verwirklichen, ist eine starke Motivation.

Was erwächst aus solcher Motivation?
Einer lädt zum Gedächtnistraining ein. Das macht Spaß, ist unterhaltsam und zudem bis zu einem gewissen Grade Prävention gegen Alzheimer. Ein anderer gibt seine Englischkenntnisse weiter. Ein Dritter vermittelt, was er über die Sicherheit am Computer weiß. So viele Hobbys, so viel Fachwissen, so viel Können und Kenntnisse vorhanden sind, so viele Angebote kann es geben.

Kurse also?
Nein, Kurse eben nicht, keine Konkurrenz für Bildungseinrichtungen. Eher eine Art familiärer  Umgang. Man trifft sich, zufällig oder absichtsvoll, es kann auch Terminabsprachen geben. Was es nicht gibt, sind Verträge und Verpflichtungen, Gebühren und Honorare. Oberstes Prinzip ist die Freiwilligkeit. Am Ende steht die Zufriedenheit, etwas Nützliches getan und gelernt und andere angesteckt zu haben.

Jetzt müssen wir mal ein bisschen Theorie machen. Gibt es eigentlich einen Unterschied zwischen den drei Begriffen, die wir mit nahezu der gleichen Bedeutung verwendet haben: Ehrenamt, Freiwilligenarbeit, bürgerschaftliches Engagement?
Im ursprünglichen Sinn ist ein Ehrenamt ein Engagement in öffentlichen Funktionen, legitimiert durch eine Wahl, zum Beispiel in einen Vereinsvorstand, in den Gemeinderat, in den Betriebsrat oder als Schöffe. In der täglichen Sprachanwendung sind die Grenzen zum bürgerschaftlichen Engagement oder der Freiwilligentätigkeit verwaschen. Heute begleitet ein Ehrenamt auch, wer freiwillig und unentgeltlich selbstlose Hilfe leistet, und es bedarf dazu keiner Wahl. Das kann durchaus auch nur einmal oder wenige Male geschehen. Wenn wir von Einsätzen  in sozialer Arbeit, in Rettungs- und Hilfsdiensten, in der Telefonsorge,  von der aktiven Mitgliedschaft in einem Verein, der Arbeit von Schülerlotsen sprechen, dann ist der Begriff des bürgerschaftlichen Engagements angemessen. Doch wie gesagt:  Es gibt keine feste Regeln für die Anwendung dieser Begriffe. Aber zuweilen wird das Wort „Freiwillig” auch falsch verstanden. Unsere Kollegin Julia Kaiser hat da was erlebt.

Julia Kaiser: Wir hatten schöne neue Stoffbeutel anfertigen lassen und brachten sie in der Sprem, am SprembergerTurm zu unserer Sommertour, damit für uns werbend, unter die Leute. Sie  tragen  die Aufschrift „Freiwillig in Cottbus” und klein darunter „Freiwilligenagentur Cottbus”. Es war eine ganze Weile vergangen, und wir hatten schon mit vielen Menschen gesprochen. Da tippt mir jemand auf die Schulter. Ich drehte mich um. Eine Frau. Mit dem ersten Blick sah ich, dass mit ihr nicht gut Kirschen essen war. Sie schimpfte auch gleich los, was das denn soll? Sie wohne seit Jahrzehnten in Cottbus, und das sei eine wunderbare Stadt. Aber wir täten so, als wäre es eine Heldentat, freiwillig hier zu sein. Wir hatten Mühe, sie zu beruhigen: Alles, was wir tun, ist für Cottbus, und wir tun das freiwillig. Der Schreck ließ erst langsam nach. Ein Gutes hatte es wohl doch, über und mit uns wird gesprochen.

Sie erzählten zu Beginn, dass Menschen auch ihre eigenen Projekte umsetzen können oder die Freiwilligenagentur auf gesellschaftliche Herausforderungen (z.B. Vereinbarkeit von Beruf und Familie) reagiert. Lassen Sie uns über ein paar reden!
Ramona Franze-Hartmann:
Hier zwei Beispiele. 1. der Wunschgroßelterndienst. Als Wunschoma oder -opa kann sich jeder engagieren, der etwas Zeit hat und sich gern mit Kindern beschäftigt. Bevor man als Wunschgroßeltern tätig wird, sollte man jedoch Folgendes wissen: Wunschgroßeltern verstehen sich nicht als kurzfristige, bezahlte Kinderbetreuung. Sie bleiben durch den Kontakt zu Kindern jung und lebendig, können sich auch gemeinsam mit Kindern über Kleinigkeiten freuen, gehen durch die Kinderbetreuung auch im Ruhestand einer sinnvollen Beschäftigung nach, können ihren Horizont erweitern. Denn Kinder sehen die Welt mit anderen Augen und gehen selbstverständlicher mit neuer Technik um. Wunschgroßeltern fühlen sich durch Kinder an ihre eigene Kindheit erinnert, können Kontakte zu Gleichgesinnten aufbauen, geben ihr Wissen und Erfahrungen weiter. Sie helfen jungen Familien und erfahren selbst Hilfe durch den Kontakt zu Familien. Derzeit suchen vier Familien Wunschgroßeltern.

2. Projekt SprechCafés. Hierüber kann Julia Kaiser als Projektleiterin Auskunft geben.

Was sind SprechCafés?
Julia Kaiser:
SprechCafés sind Begegnungsräume, in denen sich Neucottbuser, die aus aller Welt zu uns gekommen sind, mit Einheimischen treffen können. Es kann gesprochen, gespielt und gelacht werden, und es dürfen Fragen gestellt und Fehler gemacht werden. Das Angebot ist für alle Menschen offen, egal, wie gut sie sprechen können. Einmal kam eine Frau zu mir, die bei einer Deutschen sechs, acht oder mehr getragene Ringe sah. Sie war ganz aufgeregt. Ob die so viele Männer hätte? Die Erklärung, dass sie diese als Schmuck trägt, stellte sie genauso zufrieden wie eine andere die Auskunft, dass Möhre, Mohrrübe und Karotte das gleiche seien. Erfahrungen: Antworten machen das Leben leichter.

Wo findet man diese SprechCafés?

SprechCafé

SprechCafé. Foto: FA


Julia Kaiser:
In Sandow, Elisabeth-Wolf-Straße 40a (Dienstag 17 bis 19 Uhr), in Stadtmitte, Erich-Weinert-Straße 2 (Mittwoch und Donnerstag 17 bis 19 Uhr) und in  Sachsendorf-Madlow, Zielona-Gora-Straße 16 (Donnerstag 17 bis 19 Uhr). Und wir suchen weiter Tischpaten. Interessierte sind herzlich willkommen.

Es gibt viele interessante Betätigungsfelder. Unmöglich, sie alle zu nennen. Die letzte Chance in einem langen Gespräch, auf ein paar hinzuweisen.
Ramona Franz-Hartmann:
Familienpaten im Netzwerk „Gesunde Kinder” unterstützen Familien, die gerade ein Baby bekommen haben. Der Verein Kinderleicht sucht Interessierte, die Kinder im Spiel trainieren, die nicht so fit sind. Im Lebenscafé der Malteser können Freiwillige Hinterbliebenen in ihrer Trauerbewältigung beistehen. Im Winterdienst beim Straßencafé kann geholfen werden. Man kann auch den Wünschewagen des Arbeiter-Samariter-Bundes begleiten, in dem Sterbenskranke an den Ort ihrer Trauung oder Kindheit zurückkehren.

Und wer finanziert die Freiwilligenagentur?
Die Stadt Cottbus.

Eine letzte Frage noch: Sind Sie selbst eigentlich freiwillig hier?
Ganz und gar freiwillig, als hauptamtliche Koordinatorin kann ich mir im Moment keine andere Tätigkeit vorstellen. Ehrenamtlich bin ich im Lesefuchs e.V. Nach meiner Lehre Baufacharbeiterin mit Abitur, Berufspädagogin und Sozialarbeiterin ist die Arbeit in der Freiwilligenagentur eine gute Möglichkeit, Wissen und Erfahrungen zusammenzubringen. Es ist ein schönes Gefühl, das ich in die Worte kleiden möchte: „Wir müssen nichts verkaufen, sondern den Menschen Ideen entlocken und ihnen sagen, wie sie diese umsetzen können.”

Klaus Wilke
Titelfoto: Freiwilligen Agentur – Öffnetlichkeitsarbeit gehört dazu. Foto: FA (Freiwilligenagentur)

Info
Freiwilligenagentur Cottbus: Soziokulturelles Zentrum , Zielona-Gora-Str.16, 03048 Cottbus;
Telefon: 0355 4888663; E-Mail: info@freiwilligenagentur-cottbus.de; Beratungszeiten: Dienstag 9 – 12 Uhr und Donnerstag 14 -18 Uhr oder nach Vereinbarung

Weitere Freiwilligenagenturen in der Region
Freiwilligenagentur Spremberg: Georgenstraße 37, 03130 Spremberg; Telefon: 03563 6090321
E-Mail: freiwilligenagentur-spremberg@volkssolidaritaet.de; Beratungzeiten: Dienstag und Donnerstag 8 – 12 Uhr und 13 – 15 Uhr sowie nach Vereinbarung

Freiwilligenagentur Forst: Jahnstraße 1, 03149 Forst (Lausitz); Telefon: 03562 6932920; Sprechzeiten: Montag und Mittwoch von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr

Landesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen: www.lagfa-brandenburg.de

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