Theatertourismus zur Grenznivellierung

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Eine geistreiche Busfahrt bis unter der Schneekoppe mit Blick auf nächstes Jahr

Es ist ohne Zweifel eine europäische Frage, die derzeit im Dreiländereck zwischen den drei markanten Gipfeln namens Ještěd, Oybin und Śnieżka ver- bis behandelt wird.

Sicher gibt es andere Grenzecken, aber die allerorten infrage stehende Integrationsleistung der Europäischen Union wird wohl nirgendwo genauer bemessen. Das dies nicht nur per Betonbrücken für schnelle Ein- oder Durchreise und freien Warenverkehr, was quasi automatisch Wohlstand verschafft, bestehen kann, merken mählich diverse Unioner.

Kulturbegegnung sind da eher weniger alternativlos, so erscheint es als gute Europäeridee, wenn sich die drei Bühnen im Eck, also die Schauspielhäuser in Zittau und Jelenia Góra und das Dreispartenhaus in Liberec, zu einer Dreiländerkooperation verabreden, die Weite und Höhe der Gedanken schon im Namen trägt und sich nach den Anfangsbuchstaben der jeweiligen Hausberge schlicht J-O-Ś nennt.

Diese ist nun seit über sechs Jahren offiziell in der Welt und begann genau am 21.09.2011 am Fuße der Schneekoppe: im engen und verqualmten Intendantenbüro von Bogdan Koca im Teatr im. Cypriana Kamila Norwida zu Jelenia Góra. Die grundlegende Absichtserklärung, typisch europäisch „Letter of Intent“ genannt, unterzeichneten neben Koca fürs Gerhart Hauptmann-Theater Zittau dessen Schauspielintendant Carsten Knödler und fürs Divadlo Františka Xavera Šaldy Liberec dessen Generalintendant Martin Otava. Alle drei sind heute woanders zugange, dennoch bleibt – erst im Januar auf dem zweithöchstem Berg, dem Jeschken erneuert – die Intention, in acht Paragraphen formuliert, erhalten: „Die drei Theater sind entschlossen: 1. Das Projekt J-O-S mit den vorgeschlagenen europäischen Zielstellungen zu initiieren. 2. Die drei Theater beschließen, auf den Gebieten der Kunst, der Bühnentechnik, der Vermarktung und der Werbung zusammenzuarbeiten.“ Und, noch wichtiger: „6. Die drei Theater betrachten sich als treibende Kraft und Mittelpunkt des kulturellen Entwicklungsplans für eine Region, die im Dreiländereck zwischen den Bergen liegt, die dem Projekt die Namensinitialen geben.“

Nun beginnt nach – nach Gastspielen, gemeinsamen Inszenierungen und Festivals – die echte Arbeit am Bürger: Denn das J-O-Ś-Abo startete mit einer Begegnung von 23 Abonnenten im Alter zwischen geschätzten zwölf und 69 Jahren am 11. November bei „Fleck“ in Zittau. Bei der zweiten Tour am 18. November ging es gemeinsam nach Liberec zum Ballett – und zwar mit bereits 32 Menschen. Geboten ward das Ballett „Petroleumlampen“ nach Musik von Leoš Janáček. Am 2. Dezember ist der Abschluss der ersten trinationalen Theaterbesuchertrilogie – dazu warten „Mann und Frau“ in Jelenia Góra.

„Auf Kulturreise durchs Dreiländereck: 3 Städte, 3 Theater, 3 Inszenierungen – 1 Abonnement, inkl. Busfahrt, Verpflegung, kleine Stadtführung und Übersetzung in die jeweilige Landessprache“, so warb  das Zittauer Theater fürs Angebot, der Preis ist dafür dermaßen fair, dass man auch eine oder gar zwei Vorstellungen auslassen ohne Gewissensbisse auslassen könnte – es sind 30 Euro fürs Einzelabo, 50 Euro für Paare oder 70 Euro fürs Einzelkinderfamilienabo. Das Abonnement ist an den Theaterkassen in Liberec, Jelenia Góra und Zittau erhältlich, Beratung in allen vier Sprachen gibt es telefonisch per Mail (j-o-s@g-h-t.de).

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„Märtyrer“ von Marius von Mayenburg ist dank deutscher Musikbeteiligung von Christian Fischer ein J-O-Ś-Projekt und kommt wieder am 19. Dezember in Liberec. Szenenfoto: Roman Dobeš

So ist die zweite Runde bereits fürs Frühjahr 2018 terminiert: 17. März kommt das Musical „Cabaret“ in Zittau, am 7. April will Liberec mit einem Sinfoniekonzert mit Werken von Dvořák neue Kundschaft locken und 28. April wartet in Jeleniá Gora die Komödie „Die Selbstanzeige“. Damit ist allerdings die angedachte Differenzierung in zwei Geschmacksgruppen, also für eher Experimentelle (bis 40) und für Klassiker (ab 40), erst einmal vom Tisch. Wenn nicht der Weg das Ziel sein soll, dann ist noch einiges an Arbeit zu erwarten.

Zuvor heißt es jedoch für die neuen Joschis, wie es ältere Deutsche nennen: Auf zur Schneekoppe – also in deren Schatten nach Hirschberg, wo derzeit dank Theatersanierung das Kino Grand Jelenia Góra als Spielstätte herhält. Dort gibt es „Mann und Frau“ als Komödie von Aleksander Fredro, dem derzeit angesagtesten Komödienschreibers des Nachbarlandes. In der Regie des bekannten und beliebten Schauspielers Wiesław Cichy wird ein flotter, durchaus frivoler Liebesvierer aufgeführt, der allerdings schon beim jüngsten J-O-Ś-Festival in Zittau gastierte.

Aber wenigstens für die tschechischen Abonnenten dürfte es neu sein. So kommen am 2. Dezember um 14.30 Uhr neun TschechInnen zum Zittauer Theatervorplatz gedüst, um dann gemeinsam mit 13 Deutschen die schöne Fahrt am Rande von Iser- und Riesengebirge gemeinsam nach Jelenia Góra zu genießen um nach der Stadtführung sich mit zehn PolInnen am Rathaus zu treffen, von wo es zum gemeinsames Abendessen und zur Stückeinführung im Kino Grand geht. Bis dahin sind zwei Dolmetscher am Werk, danach beginnt die freie Völkerständigiung per Kunst plus Gunst.

Andreas Herrmann
Titelfoto:
„Die Selbstanzeige“ kommt im Frühjahr bei der zweiten J-O-Ś-Runde in Jelenia Góra. Szenenfoto: Robert Czepielewski

Infos
teatrnorwida.pl
www.saldovo-divadlo.cz
www.g-h-t.de
Kartentelefon im Theater Zittau: 03581 474747

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