Sanfter Wandel im Brauchtum

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Auf „Spurensuche“ – das Sorbische National-Ensemble präsentiert seine Vogelhochzeit mit neuem Pep

Gesucht wird: Jurij Wencl. In Deutsch also Georg Wenzel – und ein Herzblatt für einen waschechten Sorben in einem fast frauenlosen Lausitzer Dorf, der mangels Alternativen für die Arbeit, immerhin Informatikexperte einer Solarfirma, lebt. Da helfen zur Problemlösung keine Suchmaschinen und Flirtportale im schwankenden Netz, sondern nur eine Weltreise auf den Spuren des Lieblingsautors des verschollenen Omabruders.

So kann Tomaš seiner traurigen Großmutter, die sich mit einer Eierlikör-Pulli-Armada im Strumpfband bei Laune hält, nur versprechen, den einst von ihr verratenen Bruder zu suchen. Sie vergraulte jenem in der Finsterzeit dessen deutsche Freundin, woraufhin dieser auswanderte und keinen Kontakt mehr wünschte. Die „Spurensuche“, so der Stückname der diesjährigen sorbischen Abendvogelhochzeit für Erwachsene, in der Regel die wichtigste Spielzeitproduktion des Sorbischen National-Ensembles Bautzen, die in einer vier Wochenend-Tournee durch die ganze Lausitz gipfelt, verheißt vor allem Erfolg in typischen Auswanderungs-Enklaven: in Labrador bei den Inuit, in Iowa bei den Burgerbürgern, im leicht bekleideten Hawaii und im weinseligen Australien. Doch sein Chef – ein echt weitsinnig wie umtriebiger Unternehmer – gönnt ihm kein Sabbatical, sondern nur einen Monat Auszeit. Dafür gibt er sein Kleinflugzeug samt Pilot dazu – und eigentlich sind ja, nicht wie im Volkslied Amsel und Drossel, sondern Elster und Rabe das sorbische Traumpaar, welchem in der Nacht vorm 25. Januar gehuldigt wird. Doch Rabe Tomaš’ Schicksal heißt hier einfach „Pilotin“.

Bei der obersorbischen Premiere in der Mehrzweckhalle Radibor steht Andreas Pabst, Leiter der Chemnitzer Singakademie und seit anderthalb Jahren als Chorleiter am SNE, der neben der Leitung auch die Musikauswahl verantwortet, ungefähr am Mittelkreis des Sportfeldes, sein Orchester umfasst rund 25 Musiker, der Chor und sechs Tanzpaare – angeleitet von Ballettchefin Mia Facchinelli aus Italien, seit 1994 am SNE in Bautzen, sowie Ballettmeister Kornel Kolembus, ein Slowake, den es mit 21 ein Jahr nach seiner Chefin als Solotänzer gen Oberlausitz verschlug. Sie haben eine große, meist nahezu leere Bühne für Spiel und Tänze, wobei alle spielen und tanzen und man oft nur an der Kleidung rasch erkennt, wer zu welcher Sparte gehört. Optischer Höhepunkt des Abends ist das Videospiel von dessen Ausstatter Miroslav Nowotny.

Während die Choristen mit burschikoser Freude die Nebenrollen von Großmutter über Chef, Taxifahrer und (per Joachim Kubica) den weltweit verfolgten Weinhändler Georg Wenzel spielen und Balletttänzerin Katarina Herrmann frivol als Mädchen aus Hawaii trällert, sind die beiden Hauptdarsteller überraschend souveräne Semiprofis: Medienpädagoge Michael Ziesch, spielt jenen Tomaś Wenzel, der seine Oma mit der Versöhnung mit deren Bruder beglücken will. Seine Pilotin ist die Ex-Volkstheater-Elevin Helena Büttner, die sich derzeit zur Erzieherin ausbilden lässt. Beide agieren und ersingen sich souverän ihr abschließendes Glück – in einer amüsanten, herzlichen und auch peppigen Inszenierung fernab schmissiger Folklore.

Auftraggeber für diese neue Art der Sprach- und Brauchtumspflege ist Diana Wagner. Sie ist seit dem überraschenden Ad-hoc-Rücktritt von SNE-Intendantin Milena Vettraino im Juli 2015 als Geschäftsführerin zusätzlich noch für das künstlerische Programm verantwortlich, bevor im August 2018 eine neue Intendantin ihre Arbeit aufnimmt und das SNE wieder mit Doppelspitze agiert. Wagner ist in Radibor aufgewachsen, arbeitet schon seit 21 Jahren am Haus und war zuvor als Chefdisponentin sowie Verkaufs- und Marketingleiterin tätig.

Sie gab für die 2018er „Spurensuche“ den Librettisten Wito Böhmack, ebenso Radiborer, und dem Regisseur Marian Bulang, Bautzener Volkstheaterschauspieler mit Regieambitionen, drei Vorgaben: Es sollte eine Weltreise zu den Spuren sorbischer Auswanderer geben, dazu auf jeden Fall eine Hochzeit – und sichtbare Schnäbel. Mit den letzten beiden Punkten reagierte sie auf Wünsche des Publikums, dem der Bezug zur Tradition des Festspieles, welches nun seit 61 Jahren in dieser Form als SNE-Tournee zelebriert wird, wichtig ist.

Letzteres ward recht eindrucksvoll umgesetzt: Per Albatrosschwarm auf dem Weg von Hawaii gen Australien – als vielleicht am Äquator und gleichzeitig der Datumsgrenze. Dort wird der Zweisitzer dank den vielen lustigen Hochzeitsvögeln in arge Turbulenzen gebracht, wobei charmant der Bogen vom komödiantischen Spiel samt happyendender Familienversöhnung zur Folklore mit historischen Bezügen geschlagen wird. Das endet in einer schnäbelnden Hochzeitstanzszene, während das junge Fliegerpärchen langsam der Analogie erliegt, was hier natürlich jugendgerecht in verbrämter Schüchternheit geschieht, während der geteuschte Oheim es bei all seinen Reisen ordentlich trieb und überall rasch Nachfahren als sorbisches Welterbe hinterließ. Wenn man derart Wirtschaftsflüchtlinge als Siedler betrachtet – so die herzliche Pointe – dann ist die Betrachtung sofort anders.

Diana Wagner, die das Publikum in der Sporthalle ihres Heimatortes, welches nach der hundertminütigen obersorbischen Premiere durchaus noch lange das Tanzbein schwang, kennt, freut sich über reichlich 200 Besucher, was eine Steigerung auf mehr als das Anderthalbfache bedeutet. Aber schon da verspricht sie – auch Lausitzer Kulturbürgern ohne sorbische Verwurzelung –, dass in anderen Sälen die Post so richtig abgeht. So beispielsweise in der Jednota zu Crostwitz. Aber auch beim abschließenden Bautzener Heimspiel Mitte Februar, wobei der Sonnabend immer in einem ausschweifenden Tanzabend samt Liveband mündet. Angst vor Sprachbarrieren muss keiner haben, da das komplette Stück simultan übersetzt wird. Außerdem wird ein großer Teil der Handlung über die Musik und den Tanz umgesetzt. Ein Zeichen für die wachsende Akzeptanz sind nicht nur die reinen Zuschauerzahlen, sondern auch die Ausleihen der 60 Übersetzungsgeräte – die teilweise allesamt gebraucht wurden.

Bei der letzten Abendvogelhochzeit der alten Intendantin anno 2015 kamen genau 1147 Zuschauer, in diesem Jahr waren es bei 13 Veranstaltungen in Summe 1720 Genießer. Das sind rund 250 mehr als im Vorjahr, da gab es noch elf Vorstellungen. Der Zuspruch in Bautzen war so groß, dass sogar eine Zusatzvorstellung (am Donnerstag angekündigt, am Sonntag einfach hinten dran gehangen) rasch ausverkauft geriet. Bei den drei Veranstaltungen auf Niedersorbisch, die traditionell mit der Premiere in der rappelvollen Kammerbühne des Cottbuser Staatstheaters beginnen, kamen 44 Leute mehr.

Bei der Kindervogelhochzeit, die es jeweils in vier Sprachversionen gibt (niedersorbisch-deutsch, obersorbisch-deutsch und deutsch mit wenig sorbisch), gab es eine Veranstaltung mehr – insgesamt waren es 23 Vorstellungen mit 8000 Zuschauern, das sind 340 mehr als im Vorjahr. Allein in Cottbus kamen 1200 Besucher zu einer Aufführung, ähnlich voll war die Löbauer Messehalle.

So kann Diana Wagner, wenn sie ab Sommer in der Doppelspitze als kaufmännische Geschäftsführerin agiert und die Kunst nach drei Jahren an die neue Intendantin Judith Kubitz übergibt, durchaus auf eine erquickliche Bilanz schauen.  Zuvor gibt es noch einen großen Höhepunkt: Die Premiere der „Spreewälder Sagennacht 2018“ am 19. Mai am Bismarckturm zu Burg im Spreewald.

Andreas Herrmann
Titelfoto: Die Minute der Entscheidung: Michael „Rabe“ Ziesch und Helena „Elster“ Büttner fliegen auf der Suche nach sorbischen Siedlern in einen hochzeitstollen Albaschwarmtross.

Infos
www.sne-bautzen.de/spielplan

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