Polly-Pocket-Dilemma

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Blumenhändler sind schon pfiffige Kerlchen. Beziehungsweise: Blumenhändlerinnen pfiffige Weibchen. Egal. Eine ganze Industrie lebt in Teilen davon, dass sie uns ein schlechtes Gewissen einredet. Wehe dem, der es wagt, am Frauentag nicht mit buntem Strauchwerk oder Schnittblumen vor der Tür zu stehen. Den armen Tor erwarten Qual und Folter. Wer sich fügt, dem wird hingegen der Floralia-Stern in Gold am Bande verliehen. So drastisch vermittelt es die Werbung zwar nicht, der Unterton ist aber deutlich spürbar. Und natürlich ist die schenkende Person in gleichem Maße auch dankbar. Blumen sind einfach zu besorgen, sehen hübsch aus und bewahren uns davor, uns tatsächlich Gedanken machen zu müssen. Beispiel Frauentag: Was viele Frauen wollen, ist Gleichberechtigung. Ein Umgang auf Augenhöhe. Das gleiche Geld wie ihre Kollegen. Was sie stattdessen bekommen: Blumen. Fairerweise sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Frauen in Cottbus statistisch gesehen mehr verdienen als Männer. Das belegen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Aber bevor wir uns den Zusatz „frauenfreundliche Kommune“ aufs Ortseingangsschild kleben: Das liegt nicht etwa daran, dass Frauen hier besser bezahlt werden als anderswo. Stattdessen verdienen Männer hier im Schnitt einfach deutlich weniger als ihre Artgenossen in Ingolstadt beispielsweise. Dass Gleichberechtigung 2018 noch immer mit einem Fragezeichen gedacht werden muss, ist beschämend. Mit wieder zunehmendem Glanz in den Augen wird am Stammtisch über die Vorteile der klassischen Rollenverteilung philosophiert. Wer sind wir schon, uns über das gottgegebene Naturgesetz der Herdanziehungskraft zu erheben? Ich bin anders aufgewachsen. Ich kenne einige Männer, die früher von Polly Pocket begeistert waren. Und einige Frauen, hinter denen ich bei Prügeleien ruhigen Gewissens Schutz suchen würde. Stereotype sind sowas von 1933! Deswegen gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass die, die nach uns kommen, irgendwann kopfschüttelnd ihre Geschichts-E-Books zur Seite wischen und sagen: „Was waren die damals doch dämlich!“ Bis dahin sollten wir nichts überstürzen. Denn wie ein Männerexperte erst kürzlich festgestellt hat, verunsicherten der Feminismus und das bewusste Begehen des Frauentages junge Männer – und triebe sie in die Porno-Falle. Dieser ganze Satz ist so bizarr, dass es mich wundert, dass keiner auf folgende Schlussfolgerung kam: Wenn verwirrte junge Männer keine Beziehungen mehr eingehen, kauft auch keiner von ihnen mehr Blumen. Und plötzlich macht dann doch alles wieder Sinn!

Sebastian Schiller

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