Welche Macht hat, wer Oper macht?

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Intendant und Operndirektor Martin Schüler inszeniert Giuseppe Verdis Oper „Macbeth”

Im Staatstheater Cottbus haben die Probenarbeiten zu der Oper „Macbeth” von Giuseppe Verdi begonnen. HERMANN sprach darüber mit Intendant und Operndirektor Martin Schüler, der für die Inszenierung verantwortlich ist. Die musikalische Leitung liegt in den Händen von GMD Evan Alexis Christ.

In einem sehr schönen Sechs-Minuten-Video, das ich jedem Opernfreund empfehle, geben Sie Auskünfte über Ihr Schaffen. „Macbeth” ist Ihre 78. Inszenierung in Cottbus. Seit wann haben Sie Verdis Oper auf dem Schirm?
Seit etwa 15 oder 16 Jahren. Damals hatte GMD Reinhard Peters, Evan Alexis Christs Vorgänger, „Macbeth” mit einer konzertanten Aufführung zelebriert. Eine schöne Aufführung, die dem Werk und den Ohren gerecht wurde. Aber es war kein Augenschmaus wegen der Konzertkleidung. Ich fand an dem Stück Gefallen, hielt Pläne damit aber für zu früh. Denn Verdi ist heikel, sehr heikel. Er komponiert nämlich im Telegrammstil, tolle Musik, die Handlung aber reduziert. Telegramme, nur Botschaften. Das auf den Punkt genau zu inszenieren, fehlte mir der Mut. Die Jahre gingen ins Land, viele semiszenische Aufführung und Wagners „Ring”. Vor einem Jahr sah ich „Macbeth” in Oldenburg. Es war ein tolles Erlebnis, und eine Paraderolle . . . für Jäpel. Der braucht diesen Macbeth noch, bevor er den Hans Sachs in „Die Meistersinger von Nürnberg” spielen kann.

Ein für Cottbus neuer Name steht mit Sanja Radisic Djurdjevic als Lady Macbeth in der Besetzungsliste. Die serbische Mezzosopranistin erfreut sich wunderbarer Kritiken. Wie kommen Sie zu ihr?
Ich hatte diese Partie ausgeschrieben, und 48 Sängerinnen hatten sich beworben. Sanja Radisic Djurdjevic war beim Vorsingen die absolute Nr. 1. In ihr ist etwas, was nicht nur Töne produziert, sondern auch Charakter. Wie sie die Boshaftigkeit der Lady Macbeth darstellte, das war atemberaubend. Das war Kunst. Wer mithörte und -sah, war begeistert. Ich denke, sie passt nahtlos zu unserem Ensemble.

Von der Boshaftigkeit der Lady haben wir schon gesprochen. Was sind das überhaupt für Leute?
Macbeth und Lady Macbeth sind ein Liebespaar, dem es an nichts fehlt. Sie haben alles, sind reich und geachtet. Die Lady, da sie keine Kinder hat und keinen Beruf in dem Sinne, will aufsteigen, Macht um jeden Preis. Macbeth und Banquo, beide Kommandeure der schottischen Armee, sind siegreich aus dem Krieg zurückgekehrt. Hexen prophezeien, Macbeth werde der Nachfolger von König Duncan, Banquo aber der Ahnherr künftiger Könige. Die Lady in ihrer Gier und dem Streben nach Macht stachelt Macbeth an, sich die Königskrone vorher zu holen. Zunächst holt er sich blutige Hände.

Andreas Jäpel wird den Macbeth singen und spielen.

Andreas Jäpel wird den Macbeth singen und spielen.

Welche Rolle spielen die Hexen?
Wir können sie nicht mehr so spielen wie zu Shakespeares Zeiten. Für mich sind es Kriegerwitwen, die nach der Schlacht das Schlachtfeld stürmen und sich an denjenigen rächen, die das Dilemma verursacht haben. Das Volk nimmt Rache an den Etablierten. Sie hetzen die Machtgierigen aufeinander: „Mal sehn, was dabei rauskommt. Ein Experiment aus Notwehr. Die Rache der Frauen könnte man es nennen. Verdis Musik, die wirklich losgeht und überschäumt, gibt das her.

Eines Ihrer Erfolgsgeheimnisse ist ein stabiles Ensemble, das bei Gelegenheit (Liudmila Lokaichuk u. a.) wunderbar aufgefrischt oder bei Bedarf durch Gäste (z. B. Sara Rossi Daldossi; Sanja Radisic Djurdjevic, Martin Shalita) ergänzt wird. Wo nehmen Sie diese vorzüglichen Joker her?
Wir haben gute Agenturen, die meine Arbeit, unsere Arbeit kennen und unser Theater schätzen. Wenn wir Ausschreibungen für bestimmte Partien starten, dann wissen sie, was bei uns Phase ist. Natürlich hat man auch nach Jahren und Jahrzehnten ein Netzwerk, das zu Angeboten führt. Da muss man sich oft schnell entscheiden. Wenn wir jemanden in den Fokus nehmen, muss er bestimmte Kriterien erfüllen. Hat er einen schönen Strahlklang, an der Silbermannorgel geschult, ist er gut dran. Das ist mein Klangideal. Für das stabile Ensemble muss man aufpassen (und das tun wir), dass bestimmte Typen und alle Altersgruppen vertreten sind.

 Welche Macht hat denn, wer Oper macht?
Ganz viel Macht und noch mehr Verantwortung. Der Zuschauer erwartet ein Zelebrieren des kulinarischen Operngenusses. Das muss uns gelingen. Er soll ja nicht verkrampft in seinem Sessel sitzen, sondern, zurückgelehnt, vergnügt und entspannt dem Geschehen auf der Bühne folgen. Das Rezept für diesen Genuss, für dieses Menü muss man beizeiten, spätestens bei den Proben, wissen. Vieles ist später nicht umkehrbar.

Interview: Klaus Wilke
Titelfoto: Martin Schüler inszeniert „Macbeth”.

Fotos: Marlies Kross

Info
„Macbeth”: 1. Mai, 19.30 Uhr (Premiere). Weitere Vorstellungen am 1. Mai, 16 Uhr, 30. Mai und 26. Juni, jeweils 19.30 Uhr.

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