„Wir wissen zum Beispiel gar nicht, wie das so ist mit einem Shitstorm“

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Vor über zwanzig Jahren hatte die Berliner Band Bell Book & Candle den Tophit „Rescue Me“ und danach international eine sehr erfolgreiche Phase. Seitdem hat die Band, zu der auch die beiden (Puhdys-Söhne) Andy Birr und Hendrik Röder gehören, immer weitergemacht, aber meist unterm Radar der großen Öffentlichkeit. Jetzt hat die Gruppe erstmals eine deutschsprachige Platte aufgenommen – „Wie wir sind“ erschien bei Universal. Wir sprachen mit Sängerin und Texterin Jana Groß, die mit ihren beiden Bandkumpels am 26. April in Cottbus spielt.

Euer großer Hit heißt „Rescue Me“, er hat euch international bekannt gemacht und bis nach Amerika geführt.
Stimmt, wir haben dort sogar Eisshows mit Kati Witt gemacht. Das waren Megaevents, bei denen sie nicht zur Musik aus der Konserve lief, sondern wir auf einer Bühne im Eisstadion standen. Sie hatte sich das damals so gewünscht, weil sie zu „Rescue Me“ gelaufen ist. Uns hat das natürlich super gepasst, weil es zur Promo des Albums gerade recht kam. In Amerika hat das super funktioniert.

Ihr seid als Band in den Neunzigern groß geworden, als die Musiksender Viva und MTV noch eine große Rolle spielten, jedoch kaum das Internet. Wie seht ihr diese Welt im Vergleich zu heute?
Als Musikerin finde ich es im Nachhinein ein bisschen schade, dass damals das Internet noch in seinen Anfängen steckte. Follower und Likes gab es ja nicht. Was das betrifft, fangen wir jetzt eigentlich wieder von vorne an. Das ist total verdreht. Wir wissen zum Beispiel gar nicht, wie das so ist mit einem Shitstorm. Wenn uns so was jetzt mal passieren sollte, können wir damit gar nicht umgehen.

Darüber denkt bereits nach, bevor es passiert?
Nee, nicht richtig, aber wir haben einen Musikerfreund, den Berliner Rapper Romano, der hatte nach seinem Video „Metalkutte“ einen Shitstorm bekommen. Als ich die ganzen bösen Kommentare las, habe ich spontan gedacht, da brauchst du echt ein dickes Fell. Es war so unter der Gürtellinie, respektlos und total verletzend. Keine Ahnung, wie ich damit klarkäme. Ich bin nicht geübt darin, obwohl wir schon so lange auf der Bühne sind.

Erstmals habt ihr jetzt ein deutsches Album eingespielt. Warum?
Weil sowohl unser Produzent Ingo Politz, aber auch etliche Fans uns animierten, doch mal auf Deutsch zu singen. Wir haben es dann einfach mal probiert und es hat zum Glück geklappt. Die Frage ist ja immer, ob man das, was einem im Kopf rumgeht, auch mit einer gewissen Lyrik in die Songs kriegt, dass es sich erschließt. Inhalt und trotzdem eine Hookline, die nicht platt ist, sondern gut nachvollziehbar. Das ist ja eine Gratwanderung, die uns aber wohl gelungen ist. Das völlig Verkopfte kann auch manchmal toll sein, aber damit schließt du immer die Leute aus, die auch tanzen wollen, das normale Poppublikum. Wobei es natürlich so ist, dass wir als drei Leute in der Band immer auch einen Kompromiss finden müssen, da nicht allen alles gleich gefällt.

Eure musikalischen Vorlieben sollen ja bei eher düsteren Bands wie Joy Division oder Sisters of Mercy liegen. Warum hört man das eurer Musik kaum an?
Also ich höre das total. Gerade auf dem ersten Album hörte man schon, das wir The Cure und Killing Joke mögen.

In euren Konzerten ist ab und zu Familientreffen angesagt, denn dein gemeinsamer Sohn mit Bassist Hendrik Röder steht als Schlagzeuger gelegentlich mit euch auf der Bühne.
Ja, wir müssen aber immer aufpassen, dass wir schnell genug sind, ihn für unsere Termine zu reservieren, denn er macht ja auch das Lichtdesign bei Max Giesinger und anderen Künstlern. Es ist schön, wenn er dabei ist, es sind dann so richtige Familienausflüge.

Anlässlich des neuen Albums hast du gesagt: Keine Ahnung, wo uns unser Weg hinführen wird. Wohin soll er denn führen, wenn du es dir wünschen dürftest?
Ich würde einfach gern weiter unterwegs sein. Das ist das Liebste, was ich mache. Am Wochenende von einem Konzert kommen und gleich noch mal los mit dem Auto. Andere sagen: Nach Karlsruhe, so weit? Oh Gott! Wir finden das toll, zu dritt irgendwohin fahren und unsere Musik spielen.

Dass ihr die tollsten zwei Jahre hinter euch habt, wie du auch sagtest, bezog sich aber doch vor allem auf den Schaffensprozess für das Album?
Ja, genau. Es ist einfach toll, wie viel Energie die Arbeit am Neuen in die Band hineinbringt. Man ist eingeschworener, wenn man weiß, es passiert was Neues. Das ist spannend und herausfordernd. Aber deshalb verleugnen wir ja nicht unsere alten Sachen nicht. Wir werden live auch weiterhin unsere englischen Hits spielen.

Interview: Thomas Lietz
Titelfoto: Mit neuem Album auf Tour: Bell Book & Candle. Foto: PR

Termin
26. April, 20 Uhr, im Bebel in Cottbus
www.bebel.de

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