Filmkunst in „the border triangle“

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Das Neiße-Filmfest wird 15 und widmet sich besonders dem Jahr 1968 in allen Ländern

Vom 15. bis 20. Mai wartet die 15. Auflage des „Neiße Filmfestivals“ im Dreiländereck, vor allem im Oberlausitzer Grenzland, von den Organisatoren in der Festivalsprache „the border triangle“ genannt, denn dahinter liegen Nordböhmen, daneben die Neiße mit Polen. So wird es als einziges europäisches Filmfestival grenzübergreifend und trinational ausgerichtet und wartet mit einem umfangreichen Rahmenprogramm, also Ausstellungen, Lesungen, Konzerten und Partys, in allen drei Ländern auf.

Im Festivalprogramm sind  über 100 Filmproduktionen zu sehen. In den Wettbewerben konkurrieren dabei neun Spielfilme und neun Dokus – je drei deutsche, tschechische und polnische Produktionen – sowie über 30 Kurzfilme um die begehrten „Neiße-Fische“ als Oberlausitzer Art des Oscar-Bären. Her(r)mann sprach weit vor dem Festival exklusiv mit  Festivaldirektorin Ola Staszel über den Jubiläumsjahrgang.

Frau Staszel, das Neiße-Filmfest feiert den 15. Jahrgang – wagen Sie einen kurzen Vergleich zum ersten und vielleicht zum fünften und zehnten Jahrgang?
Das „Neiße Filmfestival“ hat 2004 – im Jahr der EU-Osterweiterung – angefangen. Schon damals ist das Festival zeitgleich in drei Ländern mit fünf Spielstätten und 800 Zuschauern gestartet. Am Anfang gab es nur einen Wettbewerb für den besten Spielfilm. Im Laufe der Jahre sind die ebenfalls trinationalen Kurz- und Dokumentarfilm-Wettbewerbe dazu gekommen. Der Initiator ist das Kunstbauerkino in Großhennersdorf – und bis heute der Veranstalter. Hier schlägt das Festivalherz. 2018 werden weitere 20 Kinos in der gesamten Region um das Dreiländereck dabei sein.

Wie kommt Ihr Programm zustande – und wie hat es sich gemausert?
Mittlerweile werden für das Programm um die 600 Filme eingereicht. Daraus werden die Filme für die drei Wettbewerbe ausgewählt und auch weitere Filmreihen kuratiert. In der ersten Festivalausgabe waren es hingegen noch 39 Lang- und 15 Kurzfilme im Programm, 2018 sind es 61 Lang- und 50 Kurzfilme. Die Besucherzahl ist 2017 auf 7 000 gewachsen.

Was ist 2018 neu am Programm, was behalten Sie bei?
Das „Neiße Filmfestival“ sieht sich in einer Brückenfunktion zwischen den drei Ländern um das Dreiländereck immer mehr gestärkt. So wird das Programm noch mehr auf diese Länder fokussiert. Eine tolle Gelegenheit dazu bietet der jährlich wechselnde Schwerpunkt des Festivals. In diesem Jahr ist der Fokus „1968“, also auf den Prager Frühling, die Auswanderung der Juden aus Polen, die mit den März-Unruhen verbunden waren, und die studentischen Revolten in der BRD und Reaktionen auf das Geschehen in der DDR gerichtet.

Das Festival reagiert auf die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in allen drei Ländern. Sowohl in den Wettbewerbsprogrammen als auch in den Reihen „Polski Blues“, „Česke Panorama“ und „Deutsches Fenster“ werden die aktuellen Themen dargestellt, und viele Filmemacher stehen dem Publikum für Diskussionen zur Verfügung.

Mit wie vielen Mitarbeitern und Helfern arbeiten Sie dieses Jahr?
Ein Filmfestival in drei Ländern und vor allem in dem ländlichen Kulturraum auszurichten, ist ein enormer organisatorischer, logistischer und programmatischer Kraftakt. Das Team besteht zur Zeit aus vier Teilzeitkräften, weiteren sechs Honorarkräften und um die 30 Übersetzern und Dolmetschern.

Nach wie vor werden viele weitere Aufgaben von ehrenamtlichen Mitarbeitern übernommen. Dazu gehören auch die Teams, die bei den Spielstätten mitarbeiten, sowie ehrenamtliche Fahrer und Helfer. In der Festivalwoche sind um die 200 Menschen beteiligt. Das Schöne ist, dass die meisten Mitstreiter seit einigen Jahren am Festival mit Herz und Blut beteiligt sind.

Nun, im dritten Jahrgang der institutionellen Förderung, können Sie die Wirkung sicher realistisch einschätzen: Wie hat sich das Festival dank der achtzig Freistaatsriesen entwickeln können?
Die institutionelle Förderung des Freistaates war ein Meilenstein in der Festivalentwicklung. Diese Förderung bringt seit 2015 viel mehr Planungssicherheit mit sich und ist vor allem eine Auszeichnung der Qualität des Festivals, was auch die Gespräche mit weiteren Partnern und Unterstützern erleichtert. Dank dieser Summe war die Einrichtung der festen Teilzeitarbeitsstellen für das Festival möglich.

Bislang steht fest: Feierliche Eröffnung mit Eröffnungsfilm plus Party am 15. Mai im Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau sowie Preisverleihung vier Tage später als Gala im Dom Kultury Zgorzelec – was gibt es für größere Höhepunkte dazwischen?
Das Konzert der legendären tschechischen Band The Plastic People of Universe am 16. Mai in Varnsdorf und davor die Premiere des Films „Die Fachaufsicht über die Traumdeutungen“ von Pavel Göbl mit Vratislav Brabanec (Bandmusiker) im Centrum Panorama in Varnsdorf gehören zu klaren Höhepunkten des Festivals. Auch die 70-mm-Filmreihe mit zehn historischen Titeln eben dort ist ein absoluter Höhepunkt – so der DEFA-Film „Orpheus aus der Unterwelt“ (1974) von Horst Bonnet.

Gibt es schon Zusagen von Prominenten, auf die Sie sich freuen?
Im Moment können wir die Teilnahme des Hauptprotagonisten des Filmes „Wildes Herz“ und Frontmanns der Band Frische Sahne Fischfilet ankündigen. Jan „Monchi“ Gorkow wird im Programmkino Camillo in Görlitz sowie im Kunstbauerkino in Großhennersdorf zu Gast sein.
Einladungen an weitere prominente Filmgäste sind verschickt – Christian Petzold („Transit“ nach Anna Seghers) hat soeben zugesagt.

Was wird sonst hinter den beiden Grenzen im Dreiländereck los sein?
Direkt an der Neiße liegt ein kleiner polnischer Ort, Sieniawka. Dort haben wir seit letztem Jahr einen neuen Partner: das „Zielona Wiosła“ ist ein wunderbares Gelände mit einem Kinosaal in einer Scheune und einem separaten Konzertsaal sowie sehr viel grüner Wiese mit Lagerfeuer. Das Festivalerlebnis dort wird durch ein Konzert und Filmvorführungen einmalig.
Im polnischen Zgorzelec ist das Kino „PozaNova“ im imposanten Gebäude des dortigen Kulturhauses, wo auch unsere Preisverleihung stattfindet, eine der interessantesten Spielstätten. Im tschechischen Liberec können wir das Kino Varsava, wo das Konzert der populären tschechischen Band Kieslowski stattfinden wird, empfehlen.

Letztes Jahr hatten Sie sich auf 7000 Zuschauer – also 1000 Zuschauer mehr als 2016 –  gefreut. Wie viele erhoffen Sie sich dieses Jahr zum Jubiläum?
Wir hoffen natürlich auf einen Zuschauerzuwachs. Die Tendenz war seit Jahren steigend. Allerdings wissen wir auch, dass wir das Festival in einer strukturschwachen und ländlichen Region veranstalten und somit ein Wachstum nicht so einfach zu erreichen ist wie in einer Großstadt, wo man auch gezielter Werbung machen kann. Dafür bieten wir eine besondere, internationale und ländliche Atmosphäre. Das wissen unsere Festivalbesucher sehr zu schätzen.

Inwiefern profitieren oder kooperieren Sie von/mit den Filmfestivals in Cottbus, Dresden oder Leipzig – und wie setzen Sie eigene Kontrapunkte für Cineasten aus den Metropolen?
Wir sind sehr gut mit den anderen Filmfestivals in Sachsen, Polen, Tschechien, aber auch in den anderen Teilen Deutschlands vernetzt. Die Zusammenarbeit bringt programmatische Beiträge, Austausch der Kopien oder Übersetzungsarbeiten, sieht aber auch den Wissenstransfer und gemeinsame Lobbyarbeit vor. Unser Filmfestival hat das Alleinstellungsmerkmal, dass es das einzige in Europa ist, das grenzüberschreitend agiert.
Das Festivalpublikum reist zwischen den einzelnen Spielstätten und dabei sowohl zu Kinos auf dem Land als auch zu Kinos in Deutschland, Polen und Tschechien. Das kann kein Festival in einer Stadt anbieten. Entsprechend zielorientiert ist das Festivalprogramm. Wir sind ein klares Ziel für alle, die sich für Cinematographien aus den drei Ländern und weiteren Teilen Osteuropas interessieren.

Blicken wir quasi visionär voraus – aufs nächste Jubiläum 2023. Was würden Sie gern zum zwanzigsten Jahrgang erleben?
Das 20. „Neiße Filmfestival“ wird von einem starken, gleichermaßen deutsch-polnisch-tschechischen Team in der gesamten Region organisiert. Für alle Bewohner der Region ist es ein Muss und für die Filmemacher aus den drei Ländern ein fixer Termin im Jahr.

Vielen Dank für Vision wie Gespräch!

Interview: Andreas Herrmann
Titelfoto: Ola Staszel (re.) kann sich auch 2018 auf Antje Schadow und Andreas Friedrich verlassen. Im Mai sind dann 200 Helfer am Start. Fotos: PR / NFF / Hannes Rönsch

Info
www.neissefilmfestival.de

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