Europas Kulturherzstadt im Dreieckmodus

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Zittau zieht in dreifachem Dreikampf, denn ein Sachsentrio rüstet sich für den Titelkampf um Europas Kulturhauptstadt 2025

 Chemnitzer Aufbrüche, Dresdner Neue Heimat oder Zittauer Kulturherzstadt³ als Motto für die europäische Kulturhauptstadt 2025? Nur eine kann es schaffen, wenn es überhaupt gegen Gera, Magdeburg oder gar gegen Hildesheim, Hannover oder Nürnberg reicht.

Es ist aber schon überraschend: Drei der acht Bewerber um eine der beiden europäischen Kulturhauptstädte kommen aus Sachsen, vom 10. bis 12. Dezember kommt es in Berlin zum dritten Showdown des Jahres, wobei wohl maximal eine der drei auf der Shortlist für den Endausscheid im nächsten Jahr verbleiben wird. Vermutlich mit zwei anderen Kandidatinnen, wobei vielen das jetzige Ost-West-Ausgangsverhältnis von 5:3 spannend vorkommt, wenn man an die bisherigen Gewinner namens Westberlin 1988, Weimar 1999 und Essen 2010 denkt.

Noch überraschender ist aber die mutige Bewerbung Zittaus, die nun mit „365°Life“ und dem Untertitel „Zittau für die 3Länderregion“ startet und dabei hervorhebt, das die Region Oberlausitz ganz anders als Restsachsen (und auch -deutschland) von altböhmischer plus neupolnischer Nähe und Kriegsfolgen geprägt wird. Der 2015 genauso überraschend gewählte Oberbürgermeister Thomas Zenker, der nun sogar mit seiner Bürgerinitiative „Zittau kann mehr“ auf die stärkste Kraft im neuen Stadtrat bauen kann, begründet sie als logisch: „Der europäische Wettbewerb zielt schon lange nicht mehr auf tolle Großstädte, die sich mit ihrer finanziellen und kulturellen Leistungsfähigkeit eine weitere Auszeichnung geradezu erwerben können. Es geht vielmehr darum, wer mit dem Titel die größtmögliche Transformation erreichen kann. Langfristige Veränderung des Images, der Wahrnehmung und damit auch der Annahme und Stärkung kultureller Angebote sind im Fokus“, erklärt der gebürtige Zittauer des Jahrgangs 1975, der zuvor als Kommunikationstrainer und Jugendsozialarbeiter arbeitete.

So lautet Zittaus erster Satz auf die Frage warum: „Weil wir Europa brauchen und weil Europa uns braucht.“ Das muss kurz erklärt werden: „Unser heutiges Selbstverständnis von Freiheit und einem Lebensumfeld ohne sichtbare Grenzen ist das Ergebnis eines bewegten Jahrhunderts. Wir haben uns die Köpfe eingeschlagen, uns gegenseitig umgebracht, unseren Freunden und Nachbarn schlimmes Leid zugefügt, einander vertrieben und Grenzen gezogen, wo keine Grenzen waren. Diesem wohl dunkelsten Kapitel in der Geschichte der Dreiländerregion um Zittau folgte ein schmerzhafter Prozess der Wundheilung – ein Prozess, der noch immer andauert und uns noch lange begleiten wird.“

Einer für alle, alle für einen?

 Glaubt man Augenzeugen, dann verliefen die beiden ersten Vergleiche des Jahres – eine Präsentation allein unter Sachsen im Februar in Brüssel und eine achtteilige Kurzshow alle nach dem offiziellen Einreichen des Bidbooks Anfang Oktober aller in Berlin – überaus positiv für Zittau (als David) zu bewerten. Wobei man auf politischem Terrain, das zeigte die Vizemeisterschaft von Görlitz versus Ruhrpott-Essen mit seinen Dax-Konzernen für die jüngste deutsche Runde anno 2010, keine großen Hoffnungen auf Außenseiterchancen versus solventen Lobbys hegen sollte.

Doch anno 2019/2020 ist nicht nur der Modus anders, sondern das Land Sachsen stand im Jahr des Dreifachwahlkampfes hinter allen drei Bewerbungen. Die Landesregierung behandelt alle drei Städte absolut gleich und förderte sie für die erste Phase ab August 2018 mit je 100 000 Euro zusätzlich. Für die zweite Phase stehen im nächsten Jahr dann in Summe 600 000 Euro aus der Landeskasse in Aussicht, bei Gewinn gar „bis zu“ 20 Millionen bis 2025.

In Zittau eskalierte die Bewerbung just am 12.12.2018, also genau ein Jahr vorm Berliner Erstausscheid. Einerseits nennt man sich seither „#kulturherzstadt³“ mit einem passendem Logo, was mit dem der Stadt gut korrespondiert, andererseits auch die Lage im Dreiländereck symbolisiert: Zwar wohnt man hier im spannendsten Herzen Europas und ringsrum ist alles EU, aber dennoch gibt es Währungs-, Wohlfahrts- und Sprachgrenzen (und auch jenseits derer Skepsis versus EU-Apparat), so dass (bis zum Brexit) Englisch als Arbeitssprache nicht ohne Bedeutung bleibt.

Tags darauf beschied dann der Stadtrat, dass die Zittauer Bürger per Entscheid über die Bewerbung selbst entscheiden dürfen. Das ist bislang einmalig. Und geschah mutigerweise am 26. Mai, wo gleichzeitig EU- und Kommunalparlament gewählt wurden. Das ging gut: Drei von vier Wählern wollen das kulturelle Herz sein – nach der Auszählung am Montagmorgen um 1:20 Uhr plumpsten etliche Steine im Rathaus von Kulturherzen, seit der Bewerbung unter blauer Europaflagge vom Turm weit in die Region leuchtend, von dreieckigen Kulturherzen, die Fete blieb (auch angesichts anderer Ergebnisse) weitestgehend müde.

Ein weiterer wichtiger Grundgedanke der Zittauer Bewerbung: eine Wiederbelebung des alten Oberlausitzer Sechsstädtebundes, nunmehr wohl eher mit dem prosperierenden Liberec in Horizontnähe statt Lauban im polnischen. Aber mit den alten Via-Regia-Hochburgen östlich von Königsbrück, also Kamenz, Bautzen, Löbau und Görlitz im Boot, hat man schon interessante Partner – quasi den gesamten gemeinsamen Kulturraum Oberlausitz-Niederschlesien.

So sieht es Kai Grebasch, seit 2018 Projektverantwortlicher für den Bewerbungsprozess bei der Stadtverwaltung Zittau, sportlich: „Es ist ein Wettbewerb und jede Stadt möchte gewinnen. Ohne Frage wäre es wunderbar, wenn am Ende eine sächsische Bewerbung das Rennen macht. Aber es geht aktuell nicht darum, den Titel in den Freistaat zu holen, sondern die eigene Bewerbung so gut vorzubereiten, dass es am Ende gelingt, möglichst weit im Wettbewerb voran zu kommen. Es geht hier auch nicht um einen rein sächsischen Entscheid – die weiteren deutschen Bewerberstädte werden hier ein klares Wort mitreden – und wir wissen, dass da ein paar exzellente Bewerbungen mit uns um den Titel ringen werden.“ Auch er lobt die Atmosphäre unter den deutschen Bewerberstädten: „Sie ist sehr konstruktiv und kollegial.“ Es fänden sogar regelmäßige Treffen untereinander statt.

In der Brüsseler Albert Hall waren zum Finale am 6. Februar noch alle drei gemeinsam zuversichtlich. Sächsische EU-Abgordnete? Fehlanzeige!
Foto: Andreas Herrmann

Mit der Kraft trinationaler Jugend

Den ersten Pluspunkt, noch weit vorm gewagten Bürgerentscheid, errang man jedoch Anfang Februar in Brüssel, wo alle drei Bewerberstädte je 15 Minuten Zeit für ein gemeinsam von der Passauer Regisseurin Trixi Steiner kuratiertes Programm hatten. Zum Neujahrsempfang des Brüsseler Verbindungsbüros des Freistaates gab es in der legendären Albert Hall, zwanzig Fußminuten südlich der großen EU-Tempel in einem der vakanten Vororte gelegen, eine erste vergleichende Liveshow zwischen den drei sächsischen Bewerberstädten. Dabei bot Zittau, das lediglich als „Dreiländereck“ im Programmheft stand und als „Medley mit Musik und Projektionen“ angekündigt ward, eine vollkommen in sich geschlossene Inszenierung.

Hier lag die Koordination in Händen von Dorotty Szalma, Schauspielintendantin des Gerhart-Hauptmann-Theaters die auf die Kraft ihrer bewährten Kooperationen setzte. Sie hatte – als einer ihrer sieben Inszenierungen der vergangenen Spielzeit – fast 30 Jugendliche aus dem trinationalen Theaterjugendclub per Bus zur Performance nach Brüssel geleitet, garnierte den Auftritt mit geschickter Livevideoprojektion in einem raffinierten Würfel mit der Führung durch zwei ihrer besten Schauspieler: Martha Pohla und Florian Graf moderierten und boten in gekonnter Musicalmanier das eigentlich seltsame „Oberlausitzlied“ in einer neuen, peppig-englischen Version: „Good old Zittau“. Im Hintergrund lief als Film die Anreise auf der Autobahn im Zeitraffer auf Songlänge gedimmt – und zwar rückwärts, also von Brüssel gen Zittau: eine schlichte wie grandiose Idee, in Windeseile umgesetzt, was natürlich eine zwölfstündige Autobahnreise voraussetzt.

Mit: Embedded OB

Auch zwei Tänzer aus Görlitz, genauer die Britin Naomi Gibson und der Franzose Alexandre May, servierten ein filmisch untermaltes Duett, unter anderem nach Musik des unvergessenen Zittauer Komponisten Heinrich August Marschner (hier „Der Vampyr“, 1828 im Leipziger Gasthaus „Zur goldenen Laute“ vollendet) – gerahmt vom Gesang von Angelika Pytel und einer Fotoshow von Pawel Sosnowski (beide aus Polen), die hier eine doppelte Erweckung mittels leibhaftiger Dreieinigkeit zelebrierten.

Es gelang dabei sogar, das freigehaltene Statement von Oberbürgermeisters Thomas Zenker als überraschenden performativen Moment einzubetten, während Dresdens Dirk Hilbert (FDP) ganz allein auf leerer Bühne stand und vorlas und Chemnitz‘ Barbara Ludwig (SPD) in neuer Polittalkmanier durch den Saal schlenderte, die Leute direkt ansprach und jene simplen Papiersternchen verteilte, auf denen ihre Stichpunkte standen.

Dabei hatte es der Zittauer wesentlich leichter, musste er doch sein Motto „Kulturherzstadt“ gar nicht erst erläutern und konnte auf nunmehr fast anderthalb Dekaden EU-Osterweiterung als gelebte Realität verweisen, die es nun zu intensivieren gelte. Für „Aufbrüche“ und die „Neue Heimat“, jeweils im Bezug zur Identitätsfindung gegen die schwelende Aufruhr in Chemnitz und Dresden, war es da schon schwerer, beide meisterten es aber in der gebotenen Kürze, wobei Zenker nicht vergaß, die anderen beiden lobend zu erwähnen.

Rund 300 Leute kamen insgesamt zu der eigens darob wiederbelebten Tradition, darunter leider keiner der vier sächsische EU-Abgeordneten. Auch andere oder gar Korrespondenten oder Lobbyisten fehlten, die zog es vermutlich eher zum parallelen Oettinger. Dafür waren zwei aus dem Vertreter aus dem sächsischen Landtag und einige ostdeutsche Mitglieder aus dem EU-Ausschuss der Regionen vor Ort, darunter auch der Görlitzer Landrat Bernd Lange. Allesamt zeigten sich zurecht begeistert, wie man auf handgezoomten Videostreams nachhaltig verfolgen kann.

Zittau kann nicht nur mehr, sondern auch das Dreiländereck feiern – wie am 1. Mai zu 15 Jahre neue EU: Oberbürgermeister Thomas Zenker kurz vorm MDR-Interview.
Foto: Andreas Herrmann

Chemnitz mit Aufbruchs-, Dresden mit Heimatgefühlen

Die beiden sächsischen Kontrahenten haben es mit ihren Themen schwerer. In Chemnitz heißt es seit Juli 2018 in einer ersten und weiter zu diskutierenden Version „AUFbrüche. Opening Minds. Greating Spaces.“ Hier will man den historischen Einschlägen in Europa konkrete Gesichter, Schicksale und Aufbrüche schenken und dabei die zugrundliegenden Brüche (drei unterschiedliche Innenstädte innerhalb von 70 Jahren, zwei Stadtnamen, verschiedene Gesellschaftssysteme) und die Suche nach Identität und Selbstverständnis befördern. Zudem wurde im November 2018 in einer gemeinsamen Ratssitzung ein Pakt mit 24 Städten und Gemeinden entlang des „Chemnitzer Modells“ von Aue (ohne Zwickau) bis Zwönitz geschlossen.

Auch hier gibt es internationale Vernetzung: Im April tagte das Kulturforum der 140 Eurocities hier, gleichzeitig waren alle Chemnitzer Partnerstädte zur Planung kulturellen Austauschs kooptiert: von Arras und Akron über Lubljana, Manchester, Timbuktu und Stalins Wolgograd bis hin zu Düsseldorf. Und dann holte man sich im Mai auch noch die PEN-Jahrestagung mit 200 der wichtigsten deutschen Autoren in die Villa Esche.

Dresden holte sich Michael Schindhelm als Kurator: einen Weltbürger mit einer spannenden Vita und breiter Kunst- und Kulturmanagementerfahrung samt internationaler Vernetzung. Er setzt gemeinsam mit Dr. David Klein, dem Leiter des Kulturhauptstadtbüros, welche als „Kulturhauptstadtmacher“ im Kulturhauptstadtkulturpalast residieren auf deutsche Kontraste: „Neue Heimat Dresden 2025“ heißt das überraschende Thema.

Doch die „Neue Heimat“ (NH) baute ja einst als Konzern große Trabantenstädte in den blühenden, weil nahezu reparationsfreien Westen. Und wurde dann bekanntlich vom Spiegel, dem einstigen Sturmgeschütz der Demokratie, der Aurora der Unterelbe, mit einem einzigen Schuss per Artikel versenkt: Am 8. Februar 1982 ward das Hamburger Immodickschiff samt ihrer größenwahnsinnigen Spitzengenossen versenkt – ganz ohne Relotiusmus. Schindhelm erläutert es natürlich anders, also der Zukunft zugewandt: „Neu wird diese Heimat insofern sein, als dass sich die Menschen nicht hinter kulturellen Traditionen und politischen Grenzen verschanzen, sondern gemeinschaftlich auf diese Fragen Antworten suchen. Dazu laden wir ein.“

Der 12. Dezember im Fokus der Stadtgeschichten

Da vermutlich Ende des Jahres nur noch eine sächsische Stadt auf der deutschen Kurzliste der Bewerber stehen dürfte, kann sich der gemeine Kultursachse (samt aller Sächsinnen) nur wünschen, dass dann die Kunstministerin a.D., also Eva-Maria Stange, der verbleibenden Hoffnung weiterhin mit dem Verve von Brüssel beisteht. Dass sie den Traum vom glücklichen Ende ohne Bevorzugungen ernsthaft mit Vielen teilt, konnte man im Herzen der EU-Hauptstadt gut beobachten.

Falls es nicht klappt, gäbe es 2040 die nächste deutsche Gelegenheit. Vielleicht auch schon eher, je nachdem wie viele Staaten bis dahin noch dem Brüsseler Pakt entfleuchen (sofern sie selbst Kerneuropa treu bleiben). Für Dresden gültet nach dem Ausschlagen des Unesco-Welterbes sowieso die CDU-Parole, die viele Kulturbürger gern teilen: Wir sind generell Weltkultur.

Die anderen dürften enttäuschter sein. Wie Dresden und Chemnitz plant auch Zittau am 12. Dezember einen Livestream von der Pressekonferenz der Bekanntgabe der Shortlist, allerdings beginnt um 17 Uhr eigentlich eine planmäßige Stadtratssitzung mit anschließender Weihnachtsfeier der Stadträte. Es kann sein, dass diese etwas später beginnt oder die Tagesordnung spontan ausartet.

Doch was wäre wenn? Genauer gefragt: Was vergäbe sich die Bundesrepublik (2019) respektive Europa (2020), wenn Zittau nicht auserwählt würde? Zenker antwortet diplomatisch: „Die Chance, eine ländliche Region für Europa exemplarisch hevorzuheben und zu stärken, die für BRD und Europa nicht nur attraktive kulturelle Geschichte, Schätze und Entwicklung bietet, sondern die ein höchst positives Gegengewicht zur vorherrschenden Angst versus Strukturwandelfolgen und sonstiger Veränderungen darstellt. Darüber hinaus die Gelegenheit, 80 Jahre Frieden in Europa an einem der symbolischsten Orte überhaupt gemeinsam mit den Enkeln und Urenkeln von denen zu feiern, die bis 1945 noch gegeneinander gekämpft haben, zu feiern.“

Andreas Herrmann

 

Netzinfos:

http://www.chemnitz2025.de/

https://www.dresden2025.de/de/

http://www.zittau.de/de/Zittau2025

 

Öffentliche Bewerbungsbücher:

http://www.chemnitz2025.de/bid-book/

https://www.dresden2025.de/media/pdf/dresden2025/20190930_BIDBOOK_WWW_DEUTSCH.pdf

https://zittau2025.de/aktuelles/das-bid-book-fuer-zittau-und-die-3laenderregion

 

 

 

 

 

 

 

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