Festivalfeeling im Seuchensommer

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Trotz Ausfällen treiben etliche Musikblüten anno 2020 in der Oberlausitz erstaunlich aus

Wir gehen in die letzten Sommerwochen – und die obere Lausitz bebt just am ersten Septemberwochenende noch einmal enorm: Das fünfte Los Pampos lockt nach Zschorna bei Hochkirch (lange ausverkauft) – und das 27. Folklorum tobt zum feierlichen Umzug bis Sonntag im östlichen deutschen Zipfel und es gibt noch Karten! Beide Ereignisse waren vor einem Monat noch nicht klar – und fetzen nun umso mehr. Doch der Reihe nach!

Vor einem Jahr hieß es hier: die Pampa lebt! Und das gilt – bezogen auf die Oberlausitzer Festivilitis – auch für den Jahrgang 2020. Obwohl das nach dem Frühjahr, in dem der Seuchenhiob als weltweiter Botschafter unterwegs war, durchaus einem Wunder gleicht.

Bevor die sächsische Lausitz per neuer Verordnung (bei einer gleitenden Wocheninzidenz von läppischen 0,3 Fällen pro 100 000 Sachsen) in den Sommerferienmodus verfiel, die sogar Volksfeste mit genehmigten Hygienekonzept ohne Besucherbegrenzung und Freizeitsport mit bis zu eintausend Zuschauern ermöglichen soll, waren bereits etliche Festivals geplant – auch einige echte als Treffpunkt von Publikum und Künstlern. Nachher, also ab 31. August, ermöglicht eine neue Verordnung – neben weitgehend normalen Schul- und Kindergartenbetrieb sogar noch mehr: Volksfeste und viertklassigen Fußball mit Publikum – auch Weihnachtsmärkte sind nun möglich.  

Pioniere mit Doppelpremiere

Die Lausitzer Festivalpioniere kamen dabei aus Dresden und feierten mit Coolness die Premiere ihres „Lonesome Lake Festivals“ an den romantischen Schlegeler Teichen nördlich von Zittau. Richtig echt: mit Musik, Bier, Zelten, Baden, Froschgequake und Mückenplage, aber natürlich mit üblichen Hygieneauflagen und schaumgebremst mit 150 statt 400 Leuten (darunter ein Zehntel Kids), dank Mindereinnahmen und Mehrkosten nur noch einem Viertel an Künstlerbudget und natürlich mit leibhaftiger Kontrolle am zweiten Abend durchs Gesundheitsamt.

Sächsische Pioniertat von „LoLa 2020“: Stephan Leonhardt und Björn Reinemer beendeten in Schlegel früh die Trübheit des Festivalsommers.
Foto: Andreas Herrmann

Stephan Leonhardt, Chef der Agentur Morning Glory Concerts, organisierte schon mal ein Festival für Naturfans hier: „Drüben auf dem Hügel“ und hat ein Faible für griffige Namen – so wird aus dem ersten „Lonesome Lake Festival“ fesch „LoLa 2020“. Björn Reinemer, ebenso seit elf Jahren mit Dynamite Konzerte und Dynamite Platten im Genre unterwegs, buchte zwei Literaten sowie auch zwei Theatergruppen ins Set. Hörbar hatten einige Musiker andere Probleme als für ihr Sommerkonzert zu üben, erstaunlich die Berlin-Fokussierung bei der Bandauswahl und die poetryslam-unübliche Witzigkeit und Gelassenheit von Volker Strübing, der dafür eigens seinen hauptstädtischen Schnipselfriedhof verlassen hatte. 

Sicher reiner Zufall, aber durchaus bemerkenswert, war das Startdatum dieser ambitionierten Premiere: Denn am 10. Juli 2010, also taggenau eine Dekade zuvor, endete das letzte legendäre Festival namens „La Pampa“, bis dahin unweit im ehemaligen Freibad Hagenwerder fast in Hörweite zu Hause und ganz ähnlich vom Ambiente her anmutend, welches dann infolge des Neißehochwassers 2010 ersoff. Schlegel liegt hingegen auf der Höhe neben dem Tal, „LoLa 2021“ ist schon für 9. bis 11. Juli 2021 terminiert und im Frühvogelvorverkauf. 

Stille in Sandförstgen, Kulow und im Grenzrodeoland

Drei stille Seuchenopfer sind dennoch in diesem Sommer zu verzeichnen – die aber zum Glück schon Lebenszeichen für den kommenden Sommer senden: Rock’n Wagon in Sandförstgen macht die Ausgabe 2020 einfach am 2./3. Juli 2021. Das 8. Stadtteichfestival in Wittichenau, rund acht Kilometer südlich von Hoyerswerda, organisiert von „United Clubs for Kulow“, dem Dachverband der lokalen Jugendvereinen, ist erst vom 6. bis 8. August 2021. Dafür organisierten sie im Juli die zweite Auflage von „United Cultures for Kulow“ – ein Wochenende mit Filmabend, „Burger Bingo“ und gemeinsamen „Tatort“-Gucken. 

Auch das herrliche Grenz Rodeo Open Air in Neusalz-Spremberg, tief im Manegensand vom Pferdehof an den Schmiedesteinen, direkt neben Grenze und Oberspree gelegen und vom Kulturbruch e.V. veranstaltet, will nächstes Jahr wieder starten.

Kommen, bleiben, an die Substanz gehen

Drei weitere Festivals erscheinen zwar terminiert, aber noch ohne offizielle Bestätigung: Das Sechsstädtebundfestival namens „Kommen und Gehen“ will endgültig bleiben und hatte, so wie in den beiden Vorjahren, eine terminliche Verknüpfung mit dem sonst programmatisch arg schmalen 13. Fokus-Festival in der Görlitzer Rabryka zu bieten. Es gab als „Summer-Special-Symbiose“ ein Spark-Konzert plus musikalischen Gesprächssalon – den x-ten über die eigene ungewisse Zukunft. 2017 via Förderverein begründet und seit 2018 sommerlich am Start war diesmal in Kamenz Eröffnung, es folgte ein weiter Konzertreigen quer durch die Oberlausitz. Die Klosterkirche St. Annen, heute als Sakralmuseum mit vielen geschnitzten Holzaltären güldener Natur verziert, erlebte dabei einen interessanten Mix, passend zur Programmatik der dritten Edition: Geboten ward eine niedersorbische Serenade unter dem sagenhaften Motto „Gaž muzika zagrajo, towzynt ból nam zažyjo“, also „Wenn die Musik aufspielt, vergehen tausend Schmerzen“. Der schon im Vorjahr omnipräsente Konstantin Dupelius, Breisgauer des Jahrgangs 1990, bot am Piano – begleitet von Susanne Stock am Akkordeon und Cheforganisator Hans Narva an der weißen Bassgitarre – als Rahmen vier eigene Bearbeitungen sorbischer Volkslieder, teilweise von Bariton Gerald Schön in traditioneller Art beeindruckend gesungen, während Dupelius per Synthi und Laptop ab und an ins Elektronische bis fast schon Technoide abschweifte. Doch die Kürze macht hier die Würze – und Schön bot dazu mit zwei seiner Cottbuser Ensembles jeweils neun niedersorbische Titel als eine Art Hauptprogramm: Einerseits mit dem hier siebenköpfigen Jugendvokalensemble des Kulturvereins Studnja, andererseits mit einer Art Swingtrio namens KulaBula, unterstützt von Schlagzeug und Gitarre, wobei er selbst neben Gesang auch Klarinette besteuert.

Es fehlte nur ein wenig an Stringenz in der Mixtur und eine Moderation, die das Programm und seine Brüche ein wenig erläutert und das stete Stimmen und das sinnfreie Mikroputzen zwischen den Titeln überbückt. Der karge Programmzettel auf Sorbisch lässt neben den sorbischen Titeln nur Namen (diese in deutscher Schreibweise) erkennen. Rund dreißig Leute schauten sich das in der sehr locker paarweise bestuhlten Kirche dankbar an – auch die Lessingstadt leidet 2020 kulturell arg. So hat das Theater zu, die Hutbergbühne alle Veranstaltungen einfach auf 2021 verschoben, das große Forstfest wurde Ende August als eine Art Parcours ausgetragen.

Zwei nachhaltigere Sachen erlebten zwei andere Bundstädte der einst mächtigen Hexapolis, nämlich Bautzen und Lauban: An der Spree ward unter dem Titel „Persönlichkeit und Widerstand im Sechsstädtebund“ zu Benedykt Szuminski musikalisch geforscht, was zu einem Konzert in der Gedenkstätte führte. Und Lubań bekam per „digitaler Kompositionsresidenz“ von drei Komponisten in sieben Tagen eine Hymne zum 800. Stadtjubiläum geschrieben. Weitere Spielorte der dritten Edition: die Stadtbibliothek Löbau und der Klosterhof Zittau. Sensationell gelang die Festivalhalbzeit am alten Bagger in Hagenwerder, dessen Kraftwerk gesprengt und sein Tagebaurestloch (just sei der Neißeflut vor genau zehn Jahren) zur Freizeitoase voll lief. Dort wartete der „Electric Tango Ballroom“ mit drei Ensembles. Der Abschluss, eigentlich eine fette Strandparty in Deutsch-Ossig gleich daneben, sollte „Strom, Klassik und Sonnenbad“ plus fast alle Künstler und  Starlesegast Jaroslav Rudiš bieten, musste aber dank Wetter im Görlitzer Kühlhaus ausgetragen werden – und war auch weltweit nachempfindbar.

Denn die fast ganzheitliche Übertragung mit mehreren Kameras ins Netz ermöglichte weltweites Dabeisein nahezu in Echtzeit. Vor allem der Festivalsonntag, als drei Schlosskonzerte in Krobnitz (mit dem sensationellen Paranormal String Quartet), in Gröditz (bei Weißenberg) mit Anne Schneider und Susanne Stock, die sich per KurtzWeill mit Sopran und Akkordeon furios wie eigenwillig Weill-Songs widmeten, und abends in Königshain bei der Hommage „Beethoven recomposed“ (wieder mit Dupelius), war gut. nachzuerleben.

Anne Schneider und Susanne Stock boten per Sopran und Akkordeon ein fulminantes KurtzWeill-Programm im Schloss Gröditz (bei Weißenberg).
Foto: PR / Jana Groß

Punk auf Pampanautenbühne

Auch ZuVi, also die Görlitzer Zukunftsvisionen 2020 sind seit 21. August und noch bis 6. September im Oktogon des Nikolaiviertels zugange und wollen „An die Substanz!” gehen – gepaart mit den Görlitzern Tanztagen. Weißwasser sah hingegen den Sommer eher „Heiter bis folkig“ und bot am 29. August „das Festival der Hafenstube“ im Telux-Ensemble als Eintagesfatsche (mit Tanz und Feier) an, darunter fünf Stunden Livemusik ab 17.30 Uhr – so mit Konrad Kuechenmeister aus Dresden, Paula i Karol aus Polen und The Bland aus Schweden.

Apropos La Pampa. Seit 2015 gibt es mit Los Pampos eine Art mentale Anlehnung an die Seligkeit an der Neiße – mit ähnlich selbstironischem Titel im lockeren 111-Seelen-Platzdorf namens Zschorna, zwischen Weißenberg und Löbau, also südlich der A4 gelegen. Die fünfte Edition hat unter anderem Asses of Fire, Slego und Paulinchen brennt im Angebot – es geht also punkig und härter zur Sache – und das erfolgreich: mit 300 Karten ausverkauft. Cheforganistor Axel Matz verneint allerdings auf Nachfrage die Anlehnung an den Namen: „Höchstens unterbewusst, aber bei der Diskussion zur Namensgebung war das kein Thema.“ Die mittlerweile fünfte Edition unterscheide sich von der 2019er insofern, dass es sich in diesem Jahr um eine „pandemiegerechte“ Ausgabe handele. So gibt es statt zwei Bühnen nur die „Pampanautenbühne“ im Außenbereich, die Workshops-Angebote unterscheiden sich – und es wird keine Abendkasse geben. Matz charakterisiert sein Alleinstellungsmerkmal: „Unser Los Pampos ist eine Spielwiese für Musik, Workshops, Kino, gepflegten Wahnsinn und ein bisschen Utopie.“ Die Zielgruppe seien einfach alle: Musikliebhaber, Freunde, Familien, Interessierte – vor allem aber Leute aus der Region. Mittlerweile habe sich das Festival allerdings herumgesprochen und etabliert: „Wir haben Gäste aus ganz Sachsen, Berlin, Bayern, Mecklenburg-Vorpommern. Wir verstehen das Festival eher als Plattform für Austausch und Dialog.“ Wobei das Ambiente entspannt und offen sei und die Bandauswahl keine Genregrenzen kenne: von Noiserock, über Metal und Stoner bis Elektro. Wichtig sei auch: „Wir haben keinen politischen Ansatz.“

Bei Los Pampos ein nachmittäglicher Samstaghöhepunkt: Löten mit Alwin Weber von CircuitCircle – gern auch abgefahrener Blink-Bleep-Krams.  
Foto: PR / Steffi Brückner

Turiseder Saiten- und Wassersprünge mit Carola

 Zeitgleich gibt es die sanftere Alternative: Am östlichsten Ende der Republik, bekannt als Kulturinsel Einsiedel oder auch als Turisede, wartet wie geplant am ersten Septemberwochenende das 27. Folklorum als der wohl größte Lichtblick am „coronadunklen Kulturhimmel“. Die Antwort aus dem nahezu netzlosen Paralleluniversum erhalten wir am 3. September, punktgenau zur Tagesschau. Wir senden sie hier einfach in Urform in voller Länge von Neiße an Spree oder Elbe:

„Das Folklorum als Turisedische Festspiele ist ein Festival, was schon traditionell eine gute Basis besitzt um auf extreme Herausforderungen reagieren zu können. Jetzt ist Donnerstagabend und die großen Zeltwiesen füllen sich bereits, obwohl die zwei zeitgleichen Eröffnungsveranstaltungen erst morgen Abend stattfinden. Erste Gespräche mit Gästen zeigten, dass sie nicht kommen, weil wir das einzige Festival dieser Art in diesem Sommer sind, sondern weil sie darauf vertrauen, dass wir trotz allem genügend Ideen für ein tolles Fest haben. Und sie versprechen uns im Gegenzug, sich an die Masken- und Abstandsregeln zu halten!

Alle Festivalteilnehmer erhalten eine spezielle Maske, auf welche sie selbst je nach persönlicher Situation ein oder zwei Symbole auf malen können. Diese beweisen die Zugehörigkeit zu „Infektions“-Gruppen. So können die, welche zusammen gehören, auch zusammen feiern und es gibt keinen Stress. Weder bei den Gästen, noch bei den Ordnungskräften.

Das Festivalgelände wird wesentlich vergrößert. Und, um es noch weiter zu dezentralisieren, gibt es insgesamt 30 Bühnen. Dazu eine riesige Veranstaltungsvielfalt mit ca. 530 Künstlern! Viele davon bewerben sich um unseren Musikpreis „Troubadorum“. Die große Menge an Spielern, welche an vier Wettkampfstätten und in zwölf Disziplinen um die Würde ein Ehrenturiseder zu werden, wetteifern, sind nicht mitgezählt. Ihre ausgesprochen lustigen Disziplinen haben dabei ebenfalls einen hohen Schauwert!

Wer es selbst nicht so sportlich mag, der kann sich dennoch aktiv beteiligen und zum Beispiel auf Schatzjagd gehen: Im weit verzweigten Schatzackersystem ruhen eine Menge vergrabener Schätze voller wertvoller Turiden –  das ist ja die offizielle Währung zum Fest.

In der großen offenen Arbeitshalle der Holzgestaltungsfirma finden die lang angekündigten Headliner-Konzerte Statt. Beispielsweise Schnaps im Silbersee, Götz Wiedmann oder Dota, letzere jeweils beide mit Doppelkonzerten. Hierzu können unser Gäste über Losglück und Tauschgeschick spielerisch zu den begehrten Platzkarten gelangen.

Als schwieriges Problem erschien uns der Verzicht auf die nächtlichen „Drängel-Tanzacts“. Auf entsprechende Veranstaltungen müssen wir ja leider verzichten. Eine Alternative fanden wir jedoch in einer sphärischen Nachtdisko in unserem Wildnisgelände. Dem Festivalthema „Saitensprung“ entsprechend wurde im riesigen „Klapperstorchgarten“ ein Irrgarten-Pfadsystem mit 300 Kerzenleuchten und 120 kleinen Liege-Teppichen ausgestattet. Über der zentralen Bar „Kuckucksei“ drohnt ein hoher Holzturm mit dem DJ! Und falls es in der Nacht doch etwas kälter werden sollte, gibt es dann den „heißen Nikolausi“ zum Aufwärmen …

Höhepunkt wird wie immer der Abschlussumzug am Sonntagabend zur Neiße. In Zweier-Reihen mit 1,5 Meter Abstand und ebenso zum Vorder-/Hintermann, geht es mit selbst erfundenen Strophen eines lustigen Liedes zur Neiße, dem Mittelpunkt des Festivals. Hier wird ein Ehrenturiseder den Gold-Status erhalten, es findet ein Menschenpyramiden- Wettbewerb inmitten der Neiße statt und nach dem obligatorischen Zersägen des aktuellen Festivalplakats wird ein riesiger Holzberg seine Flammen in den Himmel senden.

Viele bleiben noch eine Nacht, um bei einem letzten Zugabekonzert mit Dr. Bajan das Festival ausklingen zu lassen. Und noch voller Glückseligkeit über ein gelungenes Fest, träumen wir dann schon wieder von neuen Ideen für das nächste Folklorum – ohne Corona!“

Dem ist nichts hinzuzufügen. 

Andreas Herrmann

 

Netzinfos:

morning-glory-concerts.com/lonesome-lake-festival/
www.kommenundgehen.org
lospamposfestival.wordpress.com/
www.turisede.com/folklorum/

 

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