Festivalfeeling im Seuchensommer

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Trotz Ausfällen warten mehrere erstaunliche Musikblüten anno 2020 in der Oberlausitz

Vor einem Jahr hieß es hier: die Pampa lebt! Das gilt – bezogen auf die Oberlausitzer Festivilitis – auch für den Jahrgang 2020, obwohl das nach dem Frühjahr, in dem der Seuchenhiob als weltweiter Botschafter unterwegs war, durchaus einem Wunder gleicht.

Bevor die sächsische Lausitz per neuer Verordnung (bei einer gleitenden Wocheninzidenz von läppischen 0,3 Fällen pro 100 000 Sachsen) in den Sommerferienmodus verfällt, die sogar Volksfeste mit genehmigten Hygienekonzept ohne Besucherbegrenzung und Freizeitsport mit bis zu eintausend Zuschauern ermöglichen soll, sind bereits etliche Festivals geplant – auch einige echte als Treffpunkt von Publikum und Künstlern. Nachher, also ab dem 31. August, soll neben weitgehend normalen Schul- und Kindergartenbetrieb sogar eine neue Verordnung noch mehr ermöglichen.  

Pioniere mit Doppelpremiere

Die Lausitzer Festivalpioniere kommen dabei aus Dresden und feierten mit Coolness die Premiere ihres „Lonesome Lake Festivals“ an den romantischen Schlegeler Teichen nördlich von Zittau. Richtig echt: mit Musik, Bier, Zelten, Baden, Froschgequake und Mückenplage, aber natürlich mit üblichen Hygieneauflagen und schaumgebremst mit 150 statt 400 Leuten (darunter ein Zehntel Kids), dank Mindereinnahmen und Mehrkosten nur noch einem Viertel an Künstlerbudget und natürlich mit leibhaftiger Kontrolle am zweiten Abend durchs Gesundheitsamt.

Stephan Leonhardt, Chef der Agentur Morning Glory Concerts, organisierte schon mal ein Festival für Naturfans hier: „Drüben auf dem Hügel“ und hat ein Faible für griffige Namen – so wird aus dem ersten „Lonesome Lake Festival“ fesch „LoLa 2020“. Björn Reinemer, ebenso seit elf Jahren mit Dynamite Konzerte und Dynamite Platten im Genre unterwegs, buchte zwei Literaten sowie auch zwei Theatergruppen ins Set. Hörbar hatten einige Musiker andere Probleme als für ihr Sommerkonzert zu üben, erstaunlich die Berlin-Fokussierung bei der Bandauswahl und die poetryslam-unübliche Witzigkeit und Gelassenheit von Volker Strübing, der dafür eigens seinen hauptstädtischen Schnipselfriedhof verlassen hatte. 

Sicher reiner Zufall, aber durchaus bemerkenswert, war das Startdatum dieser ambitionierten Premiere: Denn am 10. Juli 2010, also taggenau eine Dekade zuvor, endete das letzte legendäre Festival namens „La Pampa“, bis dahin unweit im ehemaligen Freibad Hagenwerder zu Hause und ganz ähnlich vom Ambiente anmutend, welches dann infolge des Neißehochwassers 2010 ersoff. Schlegel liegt hingegen auf der Höhe neben dem Tal, „LoLa 2021“ ist schon für 9. bis 11. Juli 2021 terminiert und im Frühvogelvorverkauf.

Ostsachsens Festivalstart am einsamen See: Volker Strübing liest in Schlegel auf der Lichtung hinter der Teichrose.
Foto: Andreas Herrmann

Stille in Sandförstgen, Kulow und im Grenzrodeoland

Drei stille Seuchenopfer sind dennoch in diesem Sommer zu verzeichnen – die aber zum Glück schon Lebenszeichen für den kommenden Sommer senden: Rock’n Wagon in Sandförstgen macht die Ausgabe 2020 einfach am 2./3. Juli 2021. Das 8. Stadtteichfestival in Wittichenau, rund acht Kilometer südlich von Hoyerswerda, organisiert von „United Clubs for Kulow“, dem Dachverband der lokalen Jugendvereinen, ist erst vom 6. bis 8. August 2021. Dafür organisierten sie im Juli die zweite Auflage von „United Cultures for Kulow“ – ein Wochenende mit Filmabend, „Burger Bingo“ und gemeinsamen „Tatort“-Gucken. 

Auch das herrliche Grenz Rodeo Open Air in Neusalz-Spremberg, tief im Manegensand vom Pferdehof an den Schmiedesteinen, direkt neben Grenze und Oberspree gelegen und vom Kulturbruch e.V. veranstaltet, will nächstes Jahr wieder starten.

Folk, Punk und Saitensprünge

Drei weitere Festivals erscheinen zwar terminiert, aber noch ohne offizielle Bestätigung: Das so benannte Sechsstädtebundfestival namens „Kommen und Gehen“ könnte bleiben und verheißt auf der Homepage ein interessantes Programm zur dritten Auflage vom 14. bis 22. August. Die Eröffnung ist in Kamenz geplant. Eine Verknüpfung mit dem 13. Fokus-Festival in Görlitz ist – so wie in den beiden vergangenen Jahren – vorgesehen. Auch ZuVi, also die Görlitzer Zukunftsvisionen 2020, wollen vom 21. August bis 6. September im Oktogon des Nikolaiviertels „An die Substanz!” gehen – offenbar gepaart mit den Görlitzern Tanztagen. 

Weißwasser sieht den Sommer eher „Heiter bis folkig“ und bietet am 29. August „das Festival der Hafenstube“ im Telux-Ensemble als Eintagesfatsche (mit Tanz und Feier) an, darunter fünf Stunden Livemusik ab 17.30 Uhr – so mit Konrad Kuechenmeister aus Dresden, Paula i Karol aus Polen und The Bland aus Schweden.

Apropos La Pampa. Seit 2015 gibt es mit Los Pampos eine Art Anlehnung an die Seligkeit mit ähnlich selbstironischem Titel im lockeren 111-Seelen-Platzdorf namens Zschorna, zwischen Weißenberg und Löbau, also südlich der A4 gelegen. Die fünfte Edition, geplant am 4. und 5. September, hat unter anderem Asses of Fire, Slego und Paulinchen brennt im Angebot – es geht also punkig und härter zur Sache.

Am gleichen Wochenende gibt es die sanftere Alternative – am östlichsten Ende der Republik, bekannt als Kulturinsel Einsiedel oder auch als Turisede, wartet, so das Görlitzer Gesundheitsamt nach Redaktionschluss wie geplant mitspielt, das 27. Folklorum:  „Unsere Folklorumampel bleibt noch immer im grünen Bereich. Denn der genaue Wortlaut, sowie die heutige Nachfrage bei unserem Ordnungsamt stimmen uns zuversichtlich.“ So haben wir kein Programm, aber den Titel zum Thema „Saiten-Sprung“. Tipp der Ex-Insulaner: „Haltet Euch bis dahin an alle Regeln und esst nicht so viele Tiere, damit es uns nicht geht wie der Fleischfabrik.“ Dann soll das Folklorum der große Lichtblick am „coronadunklen Kulturhimmel“ – vielleicht sogar ein Komet – werden.

Andreas Herrmann

 

Netzinfos:

morning-glory-concerts.com/lonesome-lake-festival/
kommenundgehen.org
lospamposfestival.wordpress.com/
turisede.com/folklorum/

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