Peter Melzer

Anzeige | Peter Melzer im Interview

Jahrgang 1955; Das Org.-Komitee 100 Jahre Handball hat beschlossen, dass der Handball-Opa oder „Ersatz-Papa“ vieler Sportschüler beginnen müsste.

Wann haben Sie mit Handball begonnen?

1965, Heimatort Waldheim, mit 6 Jahren begonnen Foto: LHC

Mein Papa hat nach dem 2.Weltkrieg in Waldheim/Sa. als Trainer den Handballverein aufgebaut. Ich  bin auf dem Sportplatz „Waldlust“ aufgewachsen, immer jemand da, der mit mir Ball spielte, wenn mein Vater das Training leitete. Übrigens: als Dank für die vielen Jahre Handball-Verrücktheit trägt die Waldheimer Sporthalle seinen Namen. Aber! Meine Mutter betonte lächelnd und voller Stolz: „Dein Vater war mit einer anderen Mannschaft unterwegs und ich habe dich mit 6 Jahren bei einem Wettkampf erstmals eingewechselt!“

Welche Spielposition hatten sie?

Meine ganze Laufbahn Rückraum Mitte! Also Regisseur, Taktiker, „rechte Arm des Trainers!

Welche Erfolge hatten sie im Nachwuchsbereich?

Peter Melzer in jungen Jahren Foto: LHC

In der 8.Klasse kam ich auf die Sportschule in Leipzig zu meinem Traum-Verein DHfK. Mit Europa-Pokal Trainer-Legende Hans-Gerd Stein hatte ich teilweise Jugendtraining, Spieler-Vorbild Paul Tiedemann wurde 1974 mein Trainer in der 1.Männer. 26 Länderspiele mit der Jugend- und Juniorennationalmannschaft der DDR; 2.Platz „Turnier der Freundschaft“ (alle sozialistischen Länder

Also in Leipzig: Jung, schon ein bisschen erfolgreich und zufrieden.

Wie haben sie den Schritt in den Männerbereich geschafft?

1975 gab es    eine mittlere Katastrophe, eine nicht zu verstehende politische Entscheidung, nur noch 5 Handballzentren zu behalten. Es wurden beide Leipziger 1.Liga-Clubs zusammengelegt, ich war erst 20 und so wurde ich als Sachse nach Berlin geschickt.

Das war einerseits sportlich und mental eine Riesen Umstellung Andererseits eine hohe Wertschätzung zu einem der 5 Spitzenclubs der DDR zu gehören.

10 Jahre Berlin! 1985 kam ich als 30-Jähriger Spieler zum Aufsteiger in die 1.Liga (DDR-Oberliga) Lok RAW Cottbus. Wir waren vor der Wende eine typische „Fahrstuhlmannschaft“ und pendelten zwischen der 1. und 2. Liga

Konnten sie von ihrer sportlichen Ausbildung auch beruflich profitieren?

Nach dem Abi in Leipzig bestand ich den Test für das Sportstudium. Parallel zum Leistungssport habe ich 1980 in Berlin das Lehrer-Studium abgeschlossen und in der Regelstudienzeit mein Diplom in der Tasche. Ich war mächtig stolz, denn einige meiner Kollegen studierten fast 10 Jahre.

Eine Geschichte für sich war nach der Wende der Erwerb der A-Lizenz. Obwohl die damalige DDR die Olympiaqualifikation mit in die „Ehe“ brachte, verwunderte das Verhältnis der erteilten A-Lizenzen Ost/West etwa 50:250. Festgelegt wurde es von einem Gremium. Als 1.Liga-Trainer musste ich noch einen Lehrgang besuchen und erinnere mich, dass es ziemlich teuer war und ich alle 3 Prüfungen an einem Tag ablegen musste. Danach spät abends noch in den kleinen Citroen AX, weil es Sonnabend sehr früh zu einem Vorbereitungsturnier nach Bayern ging. Die letzten 50 Kilometer vor Cottbus habe ich mich selbst geohrfeigt, damit ich munter bleibe.         

Was waren ihre größten Erfolge als Trainer?

Am Anfang meiner Trainerlaufbahn 1991 gleich in die 1.Bundesliga mit Lok RAW aufzusteigen war toll.

Team 2000 2. BL Foto: LHC

Im Jahr 2000 mit fast nur eigenem USV-Nachwuchs Aufstieg in die 2.Bundesliga, gehört auf jeden Fall dazu! Die Länge dieser Konzeption von Ende der 80iger Jahre bis 2000 bleibt sicher einzigartig, 8 dieser Kinder gehörten noch zum Aufstiegsteam!

Fans, Bekannte und Freunde waren überrascht, als ich 2006 nach Berlin in die Frauen-Bundesliga wechselte. Kollegen meinten, „Büchsenschießen“. Ich würde es aber immer wieder tun! Sehr ehrgeizige Mädels, viel verrückter als Jungs, und ich habe die gleiche Spielkonzeption spielen lassen, wie bei den Männern. Leistungsorientierter Frauen-Handball war aber eine tolle Erfahrung!

Die 3 Jahre Potsdam waren eine sehr erfolgreiche Zeit. Aufstieg in die 2.Liga mit einzigartigen 60:0 Punkten. Zusätzlich ein filmreifes Drehbuch: das letzte Heimspiel vor der Aufstiegs-Feier war zufällig gegen LHC Cottbus!

Ein Jahr später der einstellige Tabellenplatz als Bundesliga-Aufsteiger!

Wie wurden sie auch Nachwuchstrainer?

Als ich 1985 nach Cottbus kam, war in der damaligen 1.Liga-Mannschaft nur ein echter Cottbuser. Vom Image

1998 Trainer Betreuer Team 2000 Foto: LHC

her war Lok RAW daher bei den Vereinen in der Umgebung nicht besonders beliebt, weil die besten abgeworben wurden.

Ich dachte: „Nicht optimal, bei 100.000 Einwohnern!“

Und schon war das Konzept „Team 2000“ geboren. Mit AGs in der 26. und 27. Oberschule in der Poznaner Straße begann es. Erst kamen die Jungs, weil sie im Hort keinen Mittagsschlaf machen mussten. endete pünktlich 2000 mit dem Aufstieg! Stark! Einige Kinder von damals haben den gesamten Weg mit beschritten!

Seit wann sind sie an der Lausitzer Sportschule Cottbus?

Mit dem Aufstieg 1991 in die 1.Bundesliga wurde Handball Fördersportart und ich wurde erst als Lehrer, später als Lehrer-Trainer eingestellt. Der Weg war frei für noch bessere Nachwuchsarbeit mit 2 Trainingseinheiten am Tag. Diesen „Cottbuser Weg in die 1. und 2.Bundesliga“ nutzten sehr viele Jungs, wie Schindler, Boese, Reichmann, Lindt, Kern oder auch mein Sohn. Viele wissen nicht, dass früher ein paar Mädchen an der Schule trainierten. Davon schafften ebenfalls 3 den Sprung. Manchmal habe ich schon geträumt. Was wäre, wenn? All diese Jungs in Cottbus? Aber die wirtschaftlichen Gegebenheiten haben wir hier nicht.

Was zählen sie zu ihren größten Erfolgen als Jugendtrainer?

Sicher nimmt der Titel Deutscher Meister der B-Jugend 1997 eine Spitzenposition ein. Regionalmeister, Siege und Medaillen bei JtfO für die Schule, Super!

Die Freude, wenn einer die Einladung zur Jugendnationalmannschaft erhielt!

Der wichtigste Erfolg war einer, der nicht zu erwarten war. 2017 legte der Handballverband und der Olympiastützpunkt für Cottbus fest: „Ihr bekommt den Stützpunkt nur, wenn die A-Jugend in die Bundesliga aufsteigt.“ Eigentlich nicht zu schaffen. Die 4 besten des älteren Jahrgangs weg und Probleme mit Hallenzeiten! Anfangs verloren wir selbst gegen Mannschaften wie Oranienburg oder Hermsdorf, eine Schande für Sportschüler! Aber, ich hatte noch nie einen Jahrgang, der über die Saison sportlich so explodierte, solche Fortschritte machte. Viele unterschiedliche Typen, von ganz lieb bis ein wenig verrückt wuchsen über das Jahr zu einer disziplinierten Gemeinschaft zusammen. Mit dem Aufstieg wurden sie die „Retter des Stützpunktes“, der Stützpunkt wurde bis 2021 verlängert! Damit sind sie meine Nummer 1 und ich bin besonders stolz auf sie!

Foto: LHC

Haben sie eine ganz besondere Erinnerung an einen Wettkampf?

Erst eine Negative Story:

1999 gewinnt unser „Team 2000“ das vorletzte Spiel nach einer großer Abwehrschlacht gegen den Tabellenersten Tarp-Wanderup und stand kurz vor dem Aufstieg in die 2.Bundesliga.

Dann, eine Woche später in der großen Halle in Bad Schwartau gegen Stockelsdorf.

Die Schiedsrichter bilden vor dem Spiel einen Kreis mit dem Gegner. In der Halbzeitpause bezieht eine Hundestaffel der Polizei mit Schlagstöcken und Schild Stellung. Leo Temtschin wirft mit dem Schlusspfiff einen direkten Freiwurf ins Tor. Kurzer Aufstiegs-Jubel, dann nehmen die Schiedsrichter den Treffer zurück „er hat den Fuß bewegt!?“ Entrüstung der wenigen Cottbuser Fans! Die Polizei geht quer über die Sitze, Mario Hellwigs Frau mit Kleinkind mittendrin! 10 Jahre nach der Wende hört man von Zuschauern: „Ossis gehören nicht in die Bundesliga!“

Es folgt ein positives Ende ein Jahr später:

2000 steigt unser junges Team sicher auf. Selbst ein Busunfall zu Beginn der 2.Halbserie konnte die Jungs nicht aufhalten. Die Halbe Mannschaft musste wochenlang durch Jugendliche ersetzt werden.

Das war ein tolles Drehbuch, der Aufstieg wurde perfekt im Derby USV gegen HC Cottbus.

Wir hatten eine volle Halle in der Poznaner Straße, Super Stimmung und Polit-Prominenz!

Fast jedes Wochenende unterwegs, haben sie keine Frau?

Mein Papa hat es vorgelebt, meine Mama hat unterstützt. Urlaub, Wochenende, Geburtstage werden nach dem Handballspielplan gefeiert. Meine Frau hat nicht nur Verständnis für mich als Handballverrückten, sie hat zusätzlich zu ihrem Beruf noch die Ausbildung zum Masseur abgeschlossen. Früher war sie selbst bei den langen Auswärtsfahrten mit auf der Bank. Die Handballspiele unserer Kinder Lars und Dana waren schon manchmal eine logistische Meisterleistung. 

Ruft einer ihrer ehemaligen Schüler manchmal an?

Nein, bis auf meinen Sohn keiner. Manchmal eine Kurznachricht über Handy: „viel Erfolg am Wochenende“. Zur EM habe ich Tobi ein kleines Video seiner besten Würfe geschickt, um ihn nach der holprigen Vorrunde zu motivieren.

Es ist ja richtig so, sie leben ihr Leben. Ich lese in der Handball-Presse, wieviel Tore „meine“ Jungs am Wochenende in der 1.-4.Liga geworfen haben. Oder schau auf die Ergebnisse der Trainer Stephan Swat, Norman Rentsch, Christian Pahl oder des Gummersbacher Managers Christoph Schindler! Verfolge im TV, wie Tobias Reichmann und Georg Pöhle in der 1.Liga mit Melsungen und Nordhorn spielen.

2003 USV 2.BL Foto: LHC

Oder ich freue mich auf solche Treffen, wie schon vor 15 Jahren oder jetzt im Rahmen der Feier 100 Jahre Handball, wenn man die Jungs so richtig in den Arm nehmen kann.

Text: LHC