Trittfest – Teil 17: von Goa nach Mumbai mit dem Fahrrad

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In Goa angekommen wurden wir bei den Eltern meiner Freundin wie ein König und eine Königin behandelt und kulinarisch sehr verwöhnt.


Einen fürstlichen Eindruck hinterließen auch die vielen Sehenswürdigkeiten, die wir besichtigten. Darunter war eine Festung mit einer Kunstausstellung und Karikaturen, zwei Kirchen und der erste hinduistische Tempel, den wir von innen sahen. Hier wurde spontan sogar für uns und unsere Reise gebetet. Entgegen meiner vorherigen Zweifel, hat sich das sogar irgendwie schön, harmonisch und gar nicht falsch angefühlt. Augenscheinlich sprach er seine Worte ohne eine Gegenleistung zu erwarten und schien gleichzeitig auch aufgeklärt über andere Religionen zu sein. Zu keiner Sekunde wollte uns jemand zu dem hinduistischen Glauben bekehren – im Gegenteil oft kam es zu einem angeregten Austausch über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen ihrem und unserem Glauben.

Interessant war in Goa ebenso wie verschiedene Kulturen miteinander verschmelzen. Dies war unter anderem auch in der Karaoke Bar an einem Strand möglich, wo sowohl traditionelle goanische Songs auf der Bühne gesungen wurden, aber auch bekannte westliche Lieder erklangen. Wir hielten uns gesangstechnisch zurück und genossen lieber unser erstes Bier nach sieben trockenen Wochen vom Platz aus.
Am Abend des nächsten Tages schmückten wir uns mit traditionellen indischen Gewändern und vernahmen den Lobpreis einer hinduistischen „Band“ zu Ehren des Gottes Ram, welcher nach 500 Jahren wieder in seinem Zuhause (einen Tempel) einziehen durfte.

Während die Frauen, nebeneinander aufgereiht, zuhörten, unterhielten sich die Männer über Sportthemen. Ein Bild, das ich so auch schon in anderen kulturellen Kreisen gesehen habe. Nur die Sportarten verteilen sich anders. In Goa wird zwar auch viel Fußball gespielt, die Hauptsportart bleibt aber Cricket. Wann immer möglich wird in Indien Cricket gespielt. Sei es auf Stränden bei Ebbe, Parkplätzen oder einfach leeren Feldern.
Ein weiteres Highlight des Abends war das Essen – denn auch wir durften uns beim vegetarischen Buffet bedienen. Von Suppe, über Curry, Salat, Brot, Chips zu einem scharfen Getränk war hier alles dabei.

Unsere weitere Zeit in Goa war eher von Ruhe geprägt. Wir machen mal wieder ein paar Erledigungen, geben ein weiteres Interview für einen Ableger der größten Tageszeitung Indiens, gehen zu verschiedenen ärztlichen Check-ups, schlendern durch die Straßen in der Nachbarschaft und buchen unser Ticket für die Weiterfahrt nach unserem Aufenthalt in Mumbai.

Das bedeutete also auch, dass wir zu einem bestimmten Datum wieder irgendwo sein mussten. Und obwohl wir nicht so ganz wollten, mussten wir uns daher doch ein wenig später von unseren liebgewonnenen Gastgebern verabschieden, um nicht in Zeitnot zu gelangen. Leicht fiel das nicht, war es doch so gemütlich und interessant einen Einblick in das Leben einer indischen Familie zu bekommen. Zudem merkten wir bereits bei unserer Ankunft und den vielen Ausflügen in Goa, dass die Verkehrsdichte hier nochmal deutlich zugenommen hat.

Wir kennen unseren Platz in der Rangordnung indischer Straßen bereits ganz gut und entwickelten hier im verkehrstechnisch hochfrequentiertem Gebiet eine defensive, aber doch bestimmte Fahrweise. Soll heißen: sobald der Verkehr durch das dichte Gedränge langsam genug ist und der Raum uns sicher zu überholen einfach nicht gegeben ist, nehmen wir uns den Platz auf der Straße und fordern die wild hupenden Autofahrer hinter uns heraus, unser Tempo mitzufahren. Wir merken, dass das den ein oder anderen Autofahrenden schon am Ego kratzt. Wir machen also etwas richtig ;).
Meist hilft es aber schon, dass unsere Fahrräder durch Staub, Dreck und der Warnwestencamouflage, die wir seit unserer Ankunft in Indien rocken, aussehen, wie entmotorisierte Escortfahrzeuge zweier Bauarbeiter auf Ihrem Weg zum lokalen Brückenbau.

Wir brauchen ganze zwei Tage, um nördlich aus dem Bundesstaat Goa herauszufahren um wieder in einer ruhigeren Umgebung zu pedalieren. In Maharashtra, unserem dritten Bundesstaat nach Karnataka und Goa auf unserem Weg nach Mumbai, wurde der Verkehr wieder ruhiger und wir erblickten wieder menschenleere Sandstrände. Dafür führten wir in den folgenden Tagen einen gedanklichen Selfiezähler ein, da die Aufmerksamkeit an uns wieder deutlich stieg. Selbst in voller Fahrt rief es aus dem Wald „Selfie, Selfie, Sir“.

Auch einige Beamte waren auch nicht ganz so sicher was sie mit uns machen sollten. Eine merkwürdige Polizeikontrolle (natürlich mit anschließendem Selfie) konnten wir leider nicht so einfach am Anstieg umgehen. Sie konnten nicht so ganz nachvollziehen, was wir machen und fotografierten unsere Ausweise ab. Für unsere „eigene Sicherheit“ versteht sich.

Anstieg ist hier aber ein gutes Stichwort. Je weiter nördlich wir kamen desto hügeliger wurde es. Wir machten also mehr und mehr Höhenmeter bei gleichzeitig steigenden Temperaturen knapp unter der 40°C Marke und wünschten, dass unsere Schweißflügel am Rücken Realität werden und uns die Berge hochtragen. Leider passierte das nicht. Für die Strapazen gab es zum Mittag immerhin oft ein vegetarisches Tahli, die es hier in fast jedem Restaurant für 1-2€ gibt.

Am Abend sehnen wir dann aufgrund der Temperaturen immer eine Dusche herbei. Durch die angesprochenen leeren Strände klappt das beim Wildcampen auch ganz gut. Pünktlich zum Sonnenuntergang beginnt unser Waschtag im Meer. Wir lieben die Szenerie und fahren, wann immer es uns möglich ist zum Campen ans Meer.

Falls das mal nicht funktioniert (z.B. Brückensperrung), kommen wir in kostengünstigen Hotels unter. Das ist immer eine ganz besondere Wundertüte. Für 9-12€ bekommt man schonmal ein super Zimmer mit schnellem W-Lan, Hygieneartikel und Netflix. Andersherum kann man im nächsten Hotel für den gleichen Preis mit Popel (hoffentlich) bedeckte und diversen anderen Flüssigkeiten befleckte Wand und Matratze vorfinden. Der Gestank von Urin und der Ausblick auf benutzte Verhütungsmittel vorheriger Gäste darf natürlich nicht fehlen. Zu allem Überfluss haben wir uns im gesamten Ort, wo das Hotel war, auch überhaupt nicht wohlgefühlt und sind am nächsten Morgen schnell wieder an die Küste gefahren.
Dabei wichen die Kokosnusspalmen den Mangobäumen. Leider ist keine Saison und wir kriegen maximal einen Mangolassi mit Früchten aus der Dose. Danach verzichten wir darauf und vergreifen uns stattdessen an Wassermelonen, Papayas, Cherimoyas und Granatäpfeln. Auch nicht schlecht.

Da wir von Hotelbesuchen auch erstmal geheilt waren, stiegen wir für die nächsten Nächte wieder auf Camping am Meer um. Diese verliefen auch meistens ruhig.
Eines Morgens aber wurden wir nach dem Aufstehen von einem Einheimischen am Zelt überrascht und mit Heil Hitler begrüßt. Erschrocken davon erklärten wir ihm, dass wir nicht zu seinen Anhängern gehören und stellten klar, dass er sich damit eher zurückhalten sollte. Verstehen konnte er das nicht, denn wenn man seiner Geschichte Glauben schenkt, soll er Indien indirekt dabei geholfen haben dessen Unabhängigkeit zu erlangen. Leider haben wir hierzu noch nicht recherchiert, doch wir beäugen seine Aussage sehr skeptisch. Andere Inder, die wir fragten verneinten die Glaubwürdigkeit aber ebenso.

In einer anderen Nacht wurde ich von mehreren Ziehwägen, die durch sehr stämmige Kühe den Strand rauf und runter gezogen wurden, geweckt. Womöglich um den Fang des Tages abzuholen und in den kleinen Shops zum Verkauf zu verteilen. Tatsächlich gibt es an der Küste kleine Shops so wie Sand am Meer. Große sucht man allerdings vergeblich. Für uns neu ist es daher die Kleinen abzuklappern bis wir alles das haben, was wir brauchen. Selbst Obst zu finden gestaltet sich als schwieriger, da wir auf unsere Nachfrage oft zu hören bekommen, dass es in dem ganzen Dorf kein Obst gibt. Die Suche hat viel Charm ist aber natürlich etwas zeitaufwendig.

Was es auch in keinem Dorf zu geben scheint sind Mülleimer. Zugegebenermaßen ist Indien nicht als das Land mit der besten Müllentsorgungsinfrastruktur bekannt. Aber das wir wirklich so wenig Mülleimer zur Entsorgung finden hätten wir nicht gedacht. Oft genug haben wir daher in den kleinen Läden nachgefragt, ob sie uns diesen abnehmen. Netterweise wurde dies immer bejaht der Müll wurde aber meistens nur zum anderen Stapel gelegt, der bereits auf der Straße die Sonne tankte. Als wir am Straßenrand eine Trinkkokosnuss austranken und diese wieder „abgeben“ wollten, sollte Anni im Stile einer Kugelstoßerin die Kokosnuss einfach im hohen Bogen ins nächste Gebüsch katapultieren.

Trotz alledem, der Hügel, den Temperaturen und der sich verschlechternden Straßenverhältnisse näherten wir uns Mumbai und konnten in den folgenden Nächten schon den großen Lichtkegel erblicken, den die 23 Mio. Einwohnermetropole nach Sonnenuntergang ausstrahlte. Neben Licht in der Nacht entsendet die Metropole auch einige Radreisende gen Süden. Noch nie trafen wir in so einem kurzen Zeitraum so viele Reisende, die das gleiche Fortbewegungsmittel als Reiseinstrument nutzten. Wir genossen die kleinen anregenden Unterhaltungen und verabschiedeten uns wieder viel zu früh durch unsere konträren Routenplanungen.
An unserer Zeit lag es nicht. Davon hatten wir tatsächlich viel. Da das Datum für die Weiterfahrt noch in weiter Ferne lag (wir haben deutlich zu viel Pufferzeit eingeplant) machten wir uns es auch mal zwei Tage am Strand bequem, fuhren nur 40 km am Tag oder machten ein Selfie mehr mit interessierten Indern.

Pünktlich zu unserem Jahrestag nahmen wir uns auch noch einmal ein Hotel (dieses Mal nicht für 12€ ;)) und wurden direkt für die nächste Werbekampagne missbraucht. Als schlechte Nein-Sager ließen wir auch dieses Fotoshooting über uns ergehen. Es sei hier aber gesagt, dass wir nicht pausenlos Selfies machen und die Inder bis auf sehr wenige Ausnahmen respektvoll agieren, wenn wir mal ablehnen. Darüber hinaus haben wir sehr nette kürzere und längere Unterhaltungen mit Indern und werden auf dem Weg immer wieder mit reichlich Wasser und Zucker beschenkt.


Unsere Zeit an der Westküste Indiens neigte sich aber dem Ende zu. Wir machten noch einige Kilometer und Höhenmeter am Strand, genossen ein letztes Mal das Wellenrauschen am Abend, bevor es dann mit einer größeren Fähre nach Mumbai ging.


Alles über unseren Aufenthalt in der Millionen Einwohnermetropole erfahrt ihr dann im nächsten Beitrag.

Tschau und Namaste

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