Rubrik: buchäcker

„Ich sag’s ja, typischer Indianerhumor” Louise Erdrich erzählt in ihrem neuen Roman „Der Nachtwächter” (Aufbau, 488 Seiten, 24 EUR) von einer Vertreibungskampagne in den USA der 50-er Jahre, in der indigene Bevölkerung Grund und Boden und Existenz verloren. Sie nutzt dafür Archivüberlieferungen und schriftliche Dokumente aus der eigenen (deutsch-amerikanischen indianischen) Familie. Diese Authentizität ergänzt sie durch sensibel erfundene Figuren, die sind in eine Szenerie hineinsetzt, die die Lebenssituation dieser Randgesellschaft facettenreich und humorvoll abbildet. Das ist Erdrich so bewusst, sagt doch eine ihrer Figuren: „Ich sag’s ja, typischer Indianerhumor.” Man lasse sich von diesem Titel nicht irreführen; es ist kein…

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Viermal gefesselt, das lässt einen nicht los. Diese Erfahrung kann man mit guter, eben „fesselnder” Urlaubslektüre machen. Das trifft – immer in irgendeiner Weise – auf die folgenden vier Bücher zu. Zum Beispiel auf „Die Linie zwischen Tag und Nacht” von Roland Schimmelpfennig (S. Fischer, 205 Seiten, 22 EUR). Roland Schimmelpfennig ist Deutschlands meistgespielter Theaterautor der Gegenwart, der immerhin zum dritten Mal auf Prosa umgestiegen ist. Im Landwehrkanal Berlin treibt eine junge Frau tot, im Brautkleide und mit Rosen im Haar. Tommy, ein suspendierter Polizist und einst erfolgreicher Drogenermittler, zieht sie aus dem Wasser. Ihm selbst steht das Wasser bis…

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Die Erde einmal von außen sehen Landolf Scherzer ist 80 geworden. Vor zwei, drei Wochen. „Weltraum der Provinzen. Ein Reporterleben” (Aufbau, 280 Seiten, 22 EUR) heißt ein Interviewbuch von Hans-Dieter Schütt aus diesem Anlass mit ihm. Die Biografie des wunderbaren Reporters, der seit ein paar Jahrzehnten in Suhl seine Heimat gefunden hat, weist auch einige Anmerkungen zur Lausitz auf. Hier – in Forst – hat Scherzer einige Jahre mit seinen Eltern gelebt. Er hat in der Jugendredaktion der Lausitzer Rundschau volontiert. Nach seinem Studium, von dem er aus politischen Gründen entfernt worden war, und einer kurzen journalistischen Zeit beim „Freien…

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Spannender Schachroman von Christine Gransalke Passionierte Schachspieler, die zugleich eine Leidenschaft zur Literatur pflegen, wissen, dass ihr Sport zum Beispiel durch Stefan Zweigs „Schachnovelle”, Icchokas Meras` „Remis für Sekunden” und Thomas Glavinics „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden” hervorragende Gestaltung gefunden hat. Eine, die Schach und Literatur liebt, ist Christine Gransalke, Lausitzer Autorin aus Drebkau, die zuletzt mit „Ambrosia. Die Heimsuchung von Narrenstedt” den Roman einer gräßlichen, gefährlichen Unkrautpflanze veröffentlicht hatte. Wer den kennt, kann auch von einem Schachroman aus „ihrer Feder” nicht die behäbige Langsamkeit des königlichen Spiels erwarten. Wie man weiß oder leicht bei wikipedia nachlesen kann, ist die…

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„Die Männer halten ja nicht so lange” Von ihrem Debütroman „Das Geisterhaus” an bis zu „Dieser weite Weg” hat Isabel Allende Romane geschrieben, die ihre Leserinnen und Leser begeistert haben. Ihre Finger gaben dem Computer Texte ein, die von sozialem und politischem Engagement geprägt waren und deshalb (oder trotzdem?) große Unterhaltungseffekte erzielten. Ihr neuestes Buch „Was wir Frauen wollen” (Suhrkamp, 184 Seiten, 18 EUR) ist kein Roman, sondern eine Sammlung von kurzen Texten über die Frauenbewegung und den Feminismus. Ein Thema, was sie seit frühester Jugend beschäftigt. So werden philosophische, politische und soziale Belange kurzweilig mit Erinnerungen, Erlebnissen, Episoden flankiert.…

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Kristian Pechs „Platanenwolken” mit Grafiken von Hans Scheuerecker Gedichte haben eigentlich keine Konjunktur. Wo Verständigungen per SMS geschehen oder schaumfeuchte Hassparolen über Social Media versendet werden, da verschließen sich Ohren vor Rhythmus, Wohlklang, fantasievollem Bildreichtum. Verse gelten als altmodisch, anstrengend, abgehoben. Da regiert Heute-Ton: „Kann der nicht kurz und verständlich sagen, was er will?” Schade, sage ich. Anlass dafür ist Kristian Pechs neuer Gedichtband „Platanenwolken”. Es gibt darin einen Text mit dem Titel „Ermunterung”. Es geht darum, sich den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden. Die das tun „sind auf den geruch vollblütiger frauen aus und frischer gemälde und druckfeuchter bücher”.…

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Monika Marons Erzählung „Bonnie Propeller” Ein Buch vor allem für Hundefreunde und -versteher sowie für alle, die die Romane von Monika Maron (*1941; u.a. „Flugasche”, „Stille Zeile Sechs”, „Endmoränen”, „Animal triste”) lieben. Wer, neuigkeitslüstern, darin nach politikkritischen, gar rechtspopulistischen Ausfällen sucht – ist nicht. Die Autorin war ja zuletzt wegen ihrer Verbindung zu einer dem rechten Milieu zugeordneten Verlagsbuchhandlung in die Kritik geraten. All das spielt in diesem Büchlein mit einer nur 52 Seiten langen Erzählung keine Rolle. Maron erzählt die Geschichte ihres Hundes, eines Schnauzermischlings mit dem eigenartigen Namen Propeller. Eigentlich war die Hündin grundhässlich mit ihrem überdimensionalen Brustkorb,…

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Neue Thesen an der Schlosskirchentür Als einen richtig schönen historischen Antiroman habe ich „Eroberung” des französischen Autors Laurent Binet (Rowohlt, 384 Seiten, 24 EUR) gelesen. Ein attraktives Buch mit einem wunderbaren prägegestalteten Schutzumschlag. Es „erobert” seine Leser vom ersten Moment an, in dem er es in die Hand nimmt, bis zum Schluss. Binet stellt die Überlegung an, wie hätte sich Europa entwickelt, wenn einst die Wikinger Südamerika erreicht hätten und Kolumbus‘ Mission gescheitert wäre? Die Welt hätte den Atem angehalten: Die Inkas kommen! Was wie ein Schreckensruf klingt, erweist sich als historische Wohltat. Binet konterkarriert, kippt alles, was uns von…

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EI(N)FÄLLE-bekannte Klavierkabarettistin ulkt um Öko-Fanatismus Christin Henkel aus München ist in Cottbus keine Unbekannte. Die mit ihren Chansons begeisternde Klavierkabarettistin gehört zu den Stammgästen des Satire-Festivals EI(N)FÄLLE. Das Festival fiel diesmal aus, in der geplanten abgespeckten Variante war sie auch nicht vorgesehen. Nun kann man sie wenigstens lesen. Das bereitet genauso viel Vergnügen wie ihr zuzuhören. Vielleicht noch mehr; denn man kann ihre offenen und verborgenen Pointen so oft genießen wie man will. Der Titel „Achtsam scheitern” verrät bereits, in welche Richtung sie ihre Satirepfeile absendet: übertriebene Ökologie, Esoterik, einschläfernde Psychologie und -therapie. Sie ist keine böse, aber eine unheimlich…

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„Bitte stirb nicht. Lebe” „Der verlorene Sohn” (Aufbau, 384 Seiten, 22 EUR) ist der vierte Roman der 1984 in Baku geborenen Olga Grjasnowa. Sie brauchte, des Deutschen wunderbar mächtig, niemanden für die Übersetzung. Es bedarf keiner Überlegung, ob die Übertragung den Intentionen seiner Autorin entspricht, ihn besser oder schlechter gemacht hat. Bisher mit Themen aus unserer Gegenwart befasst, greift sie diesmal in die Historie. Sie erzählt, wie der Scheich der muslimischen Bergvölker Dagestans den russischen Gegnern seinen neunjährigen Sohn Jamalludin als Verhandlungspfand gibt. Der Junge wächst in Petersburg in der Nähe der Zarenfamilie auf. Auf bewegende Weise schildert Grjasnowa das…

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