Wunderbares Romandebüt der Lausitzerin Christine Gransalke

Da biste baff, wie der Volksmund sagt, wenn ihm Unerwartetes begegnet. Das Unerwartete ist in diesem Fall für den Bücherfreund der kleine Roman einer bisher weitgehend unbekannten Lausitzer Autorin, der den bedrohlichen Titel „Ambrosia. Die Heimsuchung von Narrenstedt” trägt. Bedrohlich? Ja, denn die Ambrosia ist eine aggressive Unkrautpflanze, die für heftige allergische Reaktionen – Asthma, tränende Augen, Hautrötungen – verantwortlich ist. Jede einzelne Pflanze bringt 4.000 bis 60.000 Samen hervor. Nur zehn von diesen erzeugten Pollen in einem Kubikmeter Luft reichen aus für höllische Qualen Betroffener. In der Niederlausitz fühlt sich die Ambrosia offensichtlich besonders wohl. Da tummelt sie sich. Die kleine Stadt, in der die Autorin Christine Gransalke zu Hause ist, gilt als Hauptstadt der Ambrosia.

Die Pflanze hält die Menschen zum Narren. Narrenstedt ist denn auch der passende Name für diese Kommune, in der alles drunter und drüber geht. Dorthin ist Farina, eine Naturheilerin, zugezogen. Eine Fremde also. Wiewohl sie sofort auch heilbringend ist (sie gibt dem angeschlagenen Bürgermeister seine Gesundheit zurück), wird sie von den Bürgern beargwöhnt. Gerüchte machen die Runde wie Ambrosiapollen. Eine Hexe sei sie oder eine, die eine Giftmülldeponie vorbereiten soll oder eine auf der Flucht vor einem Stalker oder ein „Fehltritt” des Bürgermeisters. In Wirklichkeit betreibt sie ihr Gewerbe und forscht, wie man den Fluch der Ambrosia in einen Segen verwandeln kann.

Aber es geschehen da auch viele Dinge, die vielleicht für den aufgeklärten Menschen nicht von der grässlichen Unkrautpflanze verursacht werden, sich aber genauso irritierend und negativ auswirken. Überall laufen Originale durch die Stadt (und das Buch). Der Bürgermeister verschwindet spurlos. Eine Riesenschar von Kranichen attackiert das Domizil eines Kleinkriminellen, der wertvolle Tiere, darunter eben Kraniche, fängt und verhökert. Ein Alkoholiker verschanzt sich in Farinas Wohnung und säuft sich mit ihren Laborflüssigkeiten ins Koma. Narrenstedt ist regelrecht heimgesucht.

Christine Gransalke erzählt das – und deswegen ist man eben baff, vom Ton völlig überrascht – in einer lockeren, schönen Sprache. Wie sie bisher in Kinderbüchern ihren Lesern Märchenhaftes und Tierisches mitgeteilt hat, spielen Tiere und Märchenmotive auch in ihrem Roman eine große Rolle. Mit dem Widerschein der Realität formen sie sich zu einem eigenen magischen Realismus, der dem berühmten lateinamerikanischen durchaus verwandt ist. Wenn man sich vom Strom ihres überaus fantasievollen Erzählens treiben lässt, blickt man auf Dinge, die den Alltag bestimmen und verändern.

Klaus Wilke

Info

Regia-Co-Work, 132 Seiten, 8 EUR

Lesungen in Cottbus am 14.11., 18 Uhr, in der Teestube „Mitten im September”, Mühlenstraße 16, und am 22.11., 17 Uhr, im Café Engel, Wehrpromenade 3.

Lesung im Café Engel

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