Das Ende

Liebe Leser dieser Kolumne. Heute wende ich mich direkt an Sie, in der vielleicht schwersten Stunde in diesem Jahr. Gewiss übertreibe ich nicht, wenn ich folgendes in die Tasten haue:

Vielleicht lesen Sie mich heute zum letzten Mal. Was schon gemunkelt wurde, stimmt. Das Ende ist nah. Ich habe Männergrippe. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie: In den letzten fast vier Jahren habe ich in dieser Kolumne immer wieder über die Trägheit und die Unfähigkeit anderer geurteilt. Jetzt liege ich selbst darnieder, gefangen im eigenen Sud. Lustlos, träge. Aber ich trage mein Schicksal mit Fassung. Obwohl und da erzähle ich Ihnen nichts Neues, Männergrippe in den meisten Fällen sehr, sehr tödlich endet. Laut Google gibt es für meinen Zustand zwei mögliche Erklärungen: Entweder habe ich eine einfache Erkältung (Pff, bitte!) oder eine äußerst seltene Form eines chilenischen Neuroparasiten hat mich befallen. Die Antwort ist klar, offen bleibt die Frage nach dem Wie. Ich war noch nie in Chile!

Wussten Sie, dass manche Krankheiten bei Männern tatsächlich schwerwiegender ausfallen können als bei Frauen? Ein kleiner Exkurs in die Welt unseres Immunsystems, starke Vereinfachung und gefährliches Halbwissen inklusive. Unser Körper hält für bestimme Krankheiten jeweils bestimmte Immunzellen zurück. Allerdings nur in kleiner Zahl. Klopft nun der gemeine Grippevirus an, vermehrt sich die körpereigene Nationalgarde. Und jetzt kommt’s: Während Östrogen diese Vermehrung unterstützt, wirkt Testosteron eher hemmend. Ergo: Während Frauen Schnupfen mit Fassung tragen können, bringt die Männergrippe eben Jene tatsächlich an den Rand der völligen Selbstaufgabe. Sollten Sie am Anfang dieser Kolumne über mich geschmunzelt haben, möge das Schuldgefühl Sie nun zerfressen.

Vorausschauend hat es aber auch etwas Gutes, dass ich diese Nahtoderfahrung gerade jetzt durchlebe. Der Dezember steht vor der Tür. Ein Monat, der erfahrungsgemäß alles von einem abverlangt: Das viele Essen vertragen nur die, die mit einem Schweinemagen gesegnet sind. Unzählige Weihnachtsfeiern erfordern zudem die Leber eines abstinenten 20-Jährigen. Jeder Infekt kann unter diesen Voraussetzungen fürchterliche Auswirkungen haben. Sollte es also tatsächlich ein Morgen geben (machen wir uns nichts vor, die Chancen stehen schlecht), kann der Dezember ruhig kommen. Ich bin vorbereitet. Aber und auch das ist so sicher wie der Durchfall nach dem Sushi von der Tankstelle: Die nächste Männergrippe kommt bestimmt. Denn, das wissen wir jetzt: Das ist genetisch bedingt.

Sebastian Schiller

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