6. November

Henning Rabe:

Schon das Wetter am Mittag deutet auf einen abwechslungsreichen Tag hin. Steht die Sprem noch in heiterem Sonnenlicht, dräuen hinter der Stadthalle schon finstere Gewitterwolken. Los geht es im Glad-House.

Gib mir ein O. Programmhefte vor dem Glad-House Foto: Henning Rabe

Krzysztof Zanussi muss man zu den bedeutendsten polnischen Regisseuren überhaupt zählen. Er steht in einer Reihe mit Kieslowski, Wajda und Smarzowski. Innerhalb der Sektion „Regio Lower Silesia“ wurde „Ein Jahr der ruhenden Sonne“ von 1984 gezeigt:
In Schlesien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg untersucht ein amerikanischer Offizier den Massenmord an englischen Fliegern. Dabei trifft er auf die Polin Emilia, die ihren Mann im Krieg verloren hat und ihre kranke Mutter pflegt. Nun ist Zanussi nicht der klassische Geschichtenerzähler, vielmehr wirft er in seinen dialogbetonten Streifen komplexe Fragen auf und regt Gedankengänge an. Und so ist es auch hier: Die sich langsam und fast nur beiläufig anbahnende Liebesgeschichte weigert sich, Zentrum des Films zu sein.
Viel größere Themen treiben ihn um – Charakterdeformationen in schwersten Zeiten, Vergebung, Menschlichkeit, Opferbereitschaft – die er zu einem Geflecht aus ethischen Konflikten formt. Ins Herz trifft er dabei trotzdem. Ich bin sicher nicht der einzige, der an „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ denken musste. 1985 der Goldene Löwe in Venedig.

Dann geht es in die Welt der Architektur. Im Special „Zwischen Bauhaus und Brutalismus“ läuft „Gebaut für die Ewigkeit. Relikte sozialistischer Architektur“. Die tschechisch-japanische Filmerin Haruna Honcoop zeigt in dieser einstündigen Tour de Force die Höhepunkte der Gattung aus Peking und allen sozialistischen Hauptstädten Europas (plus Bratislava und Pristina).
Ganz schön viel zu zeigen. Dazu wird historisches Doku-Material eingesprengselt, Zitate geben die zeitgeschichtliche Einordnung, und ein raffinierter Soundtrack zwischen elektronischer Musik und Sound-Design rumort im Untergrund. Die Bilder der Gebäude selbst werden häufig manipuliert. Mit Prismeneffekten, Verschnellerungen, Sprüngen wie auf einer Schallplatte usw.
Durch das alles wird die Informationsfülle innerhalb einer Sequenz aber häufig so verdichtet, dass mitunter ganz schön wenig von der Architektur übrigbleibt. Dass sie wie in einem Videoclip nur kurz aufblitzt, aber nicht haften bleibt. So könnte man wohl einige im Saal fragen, was sie von Moskau für Bauten im Kopf behalten haben. Die Antwort wäre wohl: „Hm, da waren irgendwie rote Sterne“ oder etwas in der Art. Weniger ist manchmal eben mehr.
Der direkt anschließende „Heimat des Widerstandes“ (Regie: Ivan Ramljak) über einen Gebäudekomplex in Marschall Titos Geburtsort punktet dagegen mit statischen, ruhigen Einstellungen. Allerdings ist die angedeutete Handlung so hermetisch, dass viele vorzeitig den Raum verlassen.

Souverän auch bei harscher Kritik: Florian Kunert. Foto: Henning Rabe

Ganz praktisch nur eine Etage tiefer geht es mit der Sektion „Bleibt alles anders?“ weiter. Ich mag es sehr, wenn ich in einem Film eine ganze Weile nicht weiß, worauf der Regisseur hinauswill, in welche Richtung die Reise geht. Dies war auch bei „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert der Fall.
Ausgangspunkt ist, dass ein paar ehemalige Mitarbeiter des Kombinats „Fortschritt“ in Neustadt/Sachsen syrischen Flüchtlingen Deutschunterricht erteilen – auf eigene Initiative. Schon zu DDR-Zeiten wurden im Kombinat junge Syrer ausgebildet, und Präsident Hafiz Al-Assad besuchte Neustadt in den 70er Jahren.

 


Im Verlauf des Films wird aus dem Deutsch- ein Integrationskurs; allerdings in die vergangene, die ostdeutsche Gesellschaft! So bekommen die jungen Syrer mal Heimatkunde-Unterricht, mal GST-Uniformen angezogen und üben unter sächsischen Kommandos marschieren. Am Ende erhalten sie ein Abzeichen und eine Urkunde dafür. Das ist kurios und mutet absurd an, ist aber eine sehr clevere Idee, die dahin führt, was der Film eigentlich transportieren will:
Er befasst sich mit den Erfahrungen, den Biografien der ostsächsischen Protagonisten, bringt sie dazu, über ihr Leben in der DDR zu reflektieren. Und erzählt auf diese Weise ein Stück deutscher Geschichte, das sonst pauschal stigmatisiert oder schlichtweg unter den Teppich gekehrt wird. Eins mit Bienchen!

Ein sensibler Mensch: Piotr Ryczko („Ich bin Ren“). Foto: Henning Rabe

In der Stadthalle läuft um 22 Uhr dann noch „Ich bin Ren“, der polnische Wettbewerbsbeitrag von Piotr Ryczko. Eine zu Gefühlen fähige Androidin soll wegen eines Defekts abgeschaltet und verschrottet werden und kämpft nun um ihr Überleben. Recht bald stellt sich heraus, dass der Film kein Thriller ist – als solcher funktioniert er auch nicht, soll er aber auch nicht – sondern eine Parabel auf den Umgang mit Menschen mit „Defekten“. Der gute Abschluss eines turbulenten Festival-Tages.

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