Donnerstag, 7. November

Henning Rabe:

 

 

Praller Sonnenschein über Cottbus, und der Filmtag beginnt gleich mit einem Paukenschlag! In der ungarischen Sektion läuft „Der Zeuge“ von Péter Baczó von 1969. Diese Satire über den Stalinismus in den fünfziger Jahren ist eine ganz bezaubernde, pointenreiche Komödie allererster Güte. Erst im letzten Drittel bekommt man doch den Kloß im Hals, der sich ansonsten nur über die Konnotationen bildet.
Der unbedarfte József will sich eigentlich nur um seinen Donau-Deich kümmern. Doch durch ein kleines Vergehen kommt er ins Gefängnis. Eines nachts wird er von dort abgeholt, mit einer schwarzen Limousine in ein rätselhaftes Haus gebracht. Dort wird er jedoch nicht exekutiert, sondern auf eine bessere Position befördert. Die bringt ihn sogleich wieder ins Kittchen … Es beginnt ein aberwitziger Kreislauf, in dem es ihn bei aller Tolpatschigkeit immer wieder nach oben spült: Weil die „Weltlage sich intensiviert“ und „der Feind nicht schläft“. So wird der mehrfach Inhaftierte auch zum gefeierten Helden des Volkes – bis es für ihn ganz brenzlig wird …
Natürlich war der Film nach seiner Fertigstellung verboten. Zehn Jahre völlig, danach war er in Osteuropa nur bei vereinzelten Veranstaltungen (z. B. des Ungarischen Kulturzentrums in Berlin) zu sehen. Die Welt-Öffentlichkeit bekam ihn erst nach der Premiere 1981 in Cannes zu Gesicht. Wunderbar, dass er dieses Jahr hier gezeigt wurde.

Einführung zu einem Höhepunkt des Festivals: Ralf Schenk von der DEFA-Stiftung Foto: Henning Rabe

Richtig unangenehm wird es dann in „Das Schwein“, dem georgischen Wettbewerbsbeitrag von Giga Liklikadse. Der junge Bachana gerät auf das Grundstück zweier Kleingangster, die ihn als Geisel nehmen und von seiner Familie ein Lösegeld erpressen wollen.
Der Film bezieht seine – hochgegriffen ausgedrückt – Spannung vor allem daraus, dass man sich wünscht, dass jemand käme, um den beiden Ganoven mit ihrer Dummheit und unerträglichen Fäkalsprache eins über das Fell zu braten. Vielleicht haben die Eltern, die ihr Schwein verkaufen wollen, um das Lösegeld aufzutreiben, eine Flinte? Aber es kommt zu keiner Zuspitzung.
Recht magerer Beitrag. Eine Frau hinter mir, sie sitzt den ganzen Tag in der Stadthalle, sagt: „Also, dieses Jahr ist irgendwie der Wurm drin.“ Und bekommt sofort Zustimmung aus ihrer Umgebung …

Entführt: Malchas Chutischwili als Bachana. Foto: Henning Rabe

Beim Special „Zwischen Bauhaus und Brutalismus“ gibt es dann ein Programm mit zwei völlig unterschiedlichen Filmen, die beide sehr gelungen sind. Ewa Trzcionka porträtiert in „Ein Kurort: Die Architektur in Zawodzie“ einen Komplex von Sanatorien in den polnischen Beskiden. Kühne, weiße Pyramiden, die sich bei aller Modernität optimal in die waldige Berglandschaft integrieren. Kommentiert werden die Bauten von Historikern, einem der Architekten (im Kapitel „Genese der Form“) und bewundernden Kollegen von ihm.
Sie sagen Dinge wie: „Man denkt bei dieser Zeit an eine rigide Kulturpolitik und strenge Vorgaben beim Bauen. Die Sanatorien sind der beste Beweis, dass dies auf keinen Fall stimmt.“ Oder: „Man sollte sich mit seinem Erbe beschäftigen, zumindest Respekt vor der Vergangenheit haben.“ Letzteres bezieht sich auf Investoren, die durch neue Bauten in der Nähe das weltweit einmalige Ensemble zerstören wollen. Der Gedanke lässt sich ohne Weiteres aber auch auf die politische Ebene übertragen.
Um den Erhalt von Errungenschaften geht es auch im Komplementär-Film „Centar“ von Ivan Markovic. Er porträtiert das gigantische Sava Kongresszentrum in Belgrad in statischen Detailaufnahmen, wobei die unbewegten Bilder durch Reinigungskräfte, Regen auf den Scheiben oder verschiebbare Wände Leben gewinnen. Ein intensives, liebevolles Porträt, bei dem die Geräusche der Räume zu einem eigenen Soundtrack werden.
Ich muss trotzdem erwähnen, dass einige wenige gleich flüchteten, und Jugendliche neben mir sich ungefähr zehn Minuten das Lachen verkneifen mussten. Da fehlt es natürlich an Seh-Erfahrung; gleichwohl war dies der Beitrag in der Sektion, in dem die (leider nur Innen-)Architektur für sich sprechen durfte.

Filmt mit Muße und Hingabe: Ivan Markovic. Foto: Henning Rabe

Zu später Stunde in den Kammerspielen: „Sword of God. Im Namen des Herrn“ von Bartosz Konopka (Polen). In einer unbestimmten Mittelalter-Periode landen ein bewaffneter Geistlicher – Kampfpriester könnte man sagen – und ein junger Ritter auf einer Insel, die von einem heidnischen Stamm bewohnt wird. Der Priester schickt sich sofort an, die Paganisten zu missionieren. Doch sein Gefährte schließt sich der Volksgruppe an, näht sich die Lippen zu und wird bald von ihnen für ihren Propheten gehalten. Es entbrennt ein Konflikt …
Der Film lässt sich als Allegorie auf Kreuzzüge und die Verbrechen der katholischen Kirche während ihrer Religionsexpansion lesen, kommt aber im Gewand und dem oft unappetitlichen Gestus eines Fantasy Films daher. Und will dabei – auch beim Shakespeareschen Finale – keine wahre Tiefe an den Tag legen. Er schwankt irgendwo zwischen Abenteuer-Genre und Kontemplation und lässt mich dadurch ziemlich ratlos zurück.
Auf jeden Fall lässt sich immerhin sagen, dass Kamera und Colour Grading von allererster Güte waren. Ich gehe mal zu Jimmy’s Diner ’rüber, vielleicht geht mir ja dort noch ein Licht auf …

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