Die Stadt Görlitz ist viele Reisen wert. Weilt man dort, wähnt man sich auf einer Zeitreise. Unglaublich, welches Flair diese konservierte Architektur schon für sich allein hat. Anfang Juli fand in dieser Kulisse zum 25. Mal das internationale Straßentheaterfestival Via Thea statt. Was sich offiziell nüchtern als Musik, Akrobatik, Tanz, Erzähltheater und Comedy liest, stellte sich vor Ort als ein Kulminationspunkt heftigster Gefühle und Härtetest für ein Publikum heraus, das sich teils frontaler Animation ausgesetzt sah. Lachte man auf dem einen Platz Tränen über einen Clown, dessen klassisches Können längst vergessen schien, war man auf einem anderen zu Tränen gerührt ob einer zu Herzen gehenden Pantomime über die wahre Liebe. Anderswo wiederum konfrontierten Radikal-Komödianten das Publikum mit einer durchgeknallten Iggy Pop-Persiflage in Herrenunterwäsche. Anschließend wurde Baseball mit Tomaten gespielt, die ungebremst umherflogen. Hochkulturelle Distanz wie im konservativen Theater? Fehl am Platze. Das traf auch auf Stelzenläufer zu, die ihre luftige Übersicht rücksichtslos ausnutzten. Da wurde mal eben ein fremdes Bier zur Hälfte geleert, ein Nudelteller entführt und in offenstehende Münder und auf Glatzen verteilt, ein gemopstes Eis einem Hund angeboten – und schließlich gab man die jeweiligen Reste wieder den Besitzern zurück! Eine Dame, die dem Irrtum unterlag, sich dem entziehen zu können, wurde daraufhin emporgehoben und in einem leeren Kinderwagen arretiert. Ganz anders agierten Artisten, die einen Riesenzirkus in einem Cafè Noir veranstalteten oder Dompteure, die einen hölzernen Vogel zum Fliegen brachten … oder oder oder. Das alles war kein Kinderprogramm und doch durften sich die Zuschauer dabei sogar in eine Kindheit versetzt fühlen, die sie vielleicht gar nicht hatten – eine der alten Filme, eines frechen, aber freundlichen Humors frei von Häme, einer analogen, handgemachten Ästhetik. Dahinter steckte ein Handwerk, das nicht protzt, sondern entdeckt werden kann. Wo gibt es noch solch exklusive, echte, medial ungefilterte Erlebnisse? Nächstes Jahr Anfang Juli Görlitz.

C.M. Schwab

 

 

 

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