Liudmila Lokaichuk singt Titelpartie in Siegfried Matthus‘ neuer Fontane-Oper

 Ich sag mal so: Ja, ich habe Effi Briest getroffen. Ist gar nicht möglich, werden da der eine oder andere sagen, ist ja nur eine Romangestalt von Theodor Fontane. Und selbst wenn man deren lebendiges Ur-Bild betrachtet, die Großmutter Elisabeth des genialen DDR-Physikers Manfred von Ardenne, ist sie schon 67 Jahre tot. Obwohl: Die starb 98-jährig. Merke also: Effis kratzen an der Unsterblichkeit. Und ich habe sie doch getroffen und danach den Roman nochmal gelesen. Die Effi, die ich dort antraf, nahm die wunderbaren Züge jener an, der ich in Cottbus begegnet bin.

Unsterblichkeit. Nicht nur, dass Fontanes bedeutendster Roman überlebte, er wurde etliche Male auch verfilmt und dramatisiert. Durch den Komponisten Siegfried Matthus ist er nun zur Oper geworden. Diese erlebt am 19. Oktober im Staatstheater Cottbus ihre Uraufführung. Die Titelrolle spielt jene Effi, von der bisher die Rede war: mit wirklichem Namen  Liudmila Lokaichuk, die seit einem Jahr in der Oper Halle engagiert ist.

Liudmila Lokaichuk schon mal probeweise als Effi Briest in einer Veranstaltung im Dezember 2017

Liudmila Lokaichuk schon mal probeweise als Effi Briest in einer Veranstaltung im Dezember 2017

Cottbuser Liebhaber des Musiktheaters kennen sie: eine Frau, eine prächtige Sopranistin der tausend Gesichter (keine Verstellung, sondern Verwandlung, Spiel), die von 2016 bis 2018 im Staatstheater wirkte. Im russischen Angarsk geboren, hatte sie schon dortzulande blutjung alle russischen Opernpartien ihres Fachs einstudiert und interpretiert, bevor sie 2013 nach Deutschland kam.

„Cottbus war für mich eine wichtige Station, weil ich großartige Partien gestalten durfte und meinen Mann kennengelernt habe.” Mit Bariton Christian Henneberg will sie auch im Privatleben ein schönes Duett geben. Ob sie Zerlina in „Don Giovanni” war, die Königin der Nacht, die Blonde in „Entführung aus dem Serail”, die Komtesse Stasi in der „Csardasfürstin”, eine von Ritter Blaubarts Frauen, ob sie das Räuberliebchen im „Wirtshaus”, die Jenny Hill in „Mahagonny” oder ein Vamp von Sekretärin, immer brachte sie unverwechselbare Frauengestalten auf die Bühne. Presse und Fachpresse bejubelten Stimme, Spiel und Sexappeal. Was für eine Einheit.

„Am liebsten sind mir Partien, die ich psychologisch ausloten kann. Wenn ich spielen kann, was im Innersten von Menschen vor sich geht, was in ihnen versteckt ist. Wenn ich hervorbringen kann, was Menschen bewegt: Ängste, die zu Motiven werden.” Ihr Cottbuser Gastspiel im Herbst hat ja Vorgeschichte(n). Sie verbinden sich mit der Kammeroper Rheinsberg. Hier gab sie 2013 ihren „Einstand” als Rosina in Frank Matthus‘ (das ist der Sohn des Komponisten) Inszenierung von „Der Barbier von Sevilla” und erregte Aufsehen. Bemerkenswerte Rollendebüts wie die der Violetta in „La Traviata” und die Gilda in „Rigoletto” verbinden sich auch mit dem Wirken im Rheinsberg.

Das ist ja landschaftliches Fontane-Terrain. Da ist es nicht weit nach Neuruppin, wo Liudmila Lokaichuk schon 2014 und 2016 einer Gestalt des märkischen Dichters und jetzigen Jubilars Stimme und Gesicht gab. Sie spielte die Titelgestalt in Siegfried Matthus‘ Oper „Grete Minde”. Das ist die Geschichte einer Frau im 17. Jahrhundert, die ihre Heimatstadt anzündet. Das war ein Stoff so richtig für die aufstrebende russische Sopranistin, die nicht nur Partituren folgen, sondern auch wissen will, warum eine Geschichte so und nicht anders verläuft und endet. „Auch in der von allen verfemten Brandstifterin muss es etwas geben, was Sympathie und Mitgefühl hervorruft.” Jene Grete Minde, die aus ihrem Elternhaus ausbrechen muss, um das nur kurze Glück ihrer Liebe zu leben, und dann, auf Bitten ihres todkranken Mannes, nach Hause zurückgekehrt, gemieden und um ihre Erbschaft betrogen wird, ist ein arg gebeuteltes Wesen. Eine echte Fontanefigur. Wie auch Effi Briest.

Um deren Gestaltung ringt die Sängerin längst, obwohl die Probenarbeiten noch gar nicht begonnen haben. Sie hat „Effi Briest” im deutschen Original gelesen. Ich ziehe den Hut, wie sie sich im Laufe der Jahre die deutsche Sprache angeeignet hat. Schwierige Worte wie Glückseligkeit kommen ihr ganz leicht von den Lippen. „Wege zur Glückseligkeit”, sagt sie, „sind in vielen Kunstwerken vorgezeichnet. Die Frage ist, ob die Menschen sie finden und welche Hindernisse sich ihnen entgegenstellen.”

Klaus Wilke

Die Uraufführung wird gefördert durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die Sparkasse Spree-Neiße und das Kulturministerium des Landes Brandenburg.

 

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