Die von Radioeins ermittelten Top 100 Ost-Songs erscheinen nun auf Tonträger, mittemang Sandow

Im Sommer hatte Radioeins ein par Sonntage mit Top-100-Pop gefüllt. Die besten Hippies-Songs, die besten Alben und auch die besten 100 Ost-Songs, wobei auch solche Berücksichtigung fanden, die bis zum 3. Oktober 1990 nicht nur in der DDR, sondern im gesamten Ostblock entstanden. Zusammengestellt hatte die Top 100, die nun in einer CD-Box kauf- und nachhörbar sind, eine Jury aus Medien- und Musikfachleuten. Auf Platz eins ging – relativ überraschungslos – Citys „Am Fenster“. Schon auf Platz vier landete Sandow mit „Born in the GDR“. Sandow, die zu den jungen, unangepassten, sogenannten anderen Bands gehörten, die sich im radikalen Kontrast zu den etablierten Rockbands sahen, hatten den Song 1987 geschrieben – unmittelbar nach dem legendären Springsteen-Konzert in Berlin-Weißensee. Dabei gehörte Songschreiber Kai-Uwe Kohlschmidt gar nicht zu den Konzertbesuchern. Allerding hatte er kurz zuvor das Konzert von US-Soul-Legende James Brown in Weißensee gesehen und die Ablehnung der eigenen DDR-Musikstars im Vorprogramm durch das heimische Publikum erlebt. Quasi stellvertretend für die DDR-Obrigkeit bekamen die ihr Fett weg, wurden ausgepfiffen oder ignoriert vom Publikum, das sehnsüchtig auf den Weltstar aus dem Westen wartete.

Beim Song „Born in the GDR“ war der Bezug zu Springsteens umjubelten Hit „Born in the USA“ anschließend in jeder Hinsicht unverkennbar. Der Song strahlte schnell über die Undergroundszene hinaus aus, war in Radio DT64 hörbar, durfte jedoch nicht auf Platte erscheinen. Das geschah letztlich erst mit dem Fall der Mauer, als Sandows Debütalbum „Stationen einer Sucht (inklusive „Born in the GDR“) in die Läden kam. Just zu einer Zeit, als die große Absatzsdürre für Ostmusik begann. Niemand wollte mehr Ost-Songs hören. Das änderte sich erst nach einigen Jahren mit der (ersten) Ostalgiewelle, die auch von etlichen Ostrock-Compilations unterfüttert wurde.

Im Prinzip ist die Verwertung der populären Ostmusik – nicht zuletzt durch das reichhaltige Angebot an Wiederveröffentlichungen durch das künftig an BMG bzw. Sony Music angedockte Ost-Label Amiga – vollends geschehen. Dass die auf dem Radioeins-Sendetag fußende CD-Box trotzdem eine besondere und ziemlich lohnend ist, liegt an der sehr subjektiven Auswahlgrundlage. Die Jurymitglieder unterschiedlichen Alters und verschiedener Herkunft haben eben nicht (allein) nach Greatest-Hits-Kriterien ausgewählt.

Natürlich tauchen die legendären Ostrockstücke auf, allein drei von Silly unter den Top 10. Aber darüber hinaus zieht sich ein interessanter Faden durch die Zeiten und Genre. Manfred Krug, Schleimkeim, Gerhard Gundermann, Panta Rhei, Gruppe Keks, Happy Straps, Holger Biege, Feeling B, Pankow und natürlich die Puhdys – die Auswahl gibt ein Abbild der facettenreichen ostdeutschen Populärmusik, born in GDR, und nicht nur von dort. Auch Omega, Laibach oder Polens Rockidol Czeslaw Niemen sind vertreten. Total ostig eben. Ach ja, und Sandow haben noch einen zweiten Song in der Liste, auf Platz 84: „Schweigen und Parolen“.

Thomas Lietz

 

 

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