Natürlich gibt es wunderbare Bücher über grausame Zeiten und Begebenheiten. Als Beispiel fällt einem sofort „Nackt unter Wölfen” ein, tiefste Menschlichkeit in einem faschistischen Konzentrationslager. An diesen Roman musste ich denken, als ich „Suleika öffnet die Augen” von Gusel Jachina (Aufbau,  22,95 EUR) las. Die Autorin (*1977) ist Tatarin, also Angehörige einer Minderheit in der Russischen Föderation. Sie erzählt von einer tatarischen Bäuerin, die 1930 in das Räderwerk der stalinistischen Kulakenvernichtung und in den kalten, grausamen sibirischen Gulag-Alltag gerät. Nach vier Fehlgeburten bringt sie einen Jungen zur Welt und gibt ihm, allen widerlichen Umständen zum Trotz, eine Zukunft. Mancher wird das als Frauenroman einsortieren. Aber muss ein Buch, von einer Frau über eine Frau geschrieben, notwendig ein Frauenroman sein? Mitnichten. Gusel Jachina nutzt die ganze Klaviatur „weiblichen” Schreibens, um dem „männlichen” Thema um das Morden, um Folter und Hunger einen anderen Klang zu geben. Das sollte man(n) gelesen haben.

Wieder einmal lesen sollte man auch den Roman „1984” von George Orwell (Ullstein, 12 EUR). Er sagte scheinbar kühn  1948 eine totalitäre Welt mit „gläsernen” Menschen voraus. Das war eine große Utopie oder Dystopie, von der man hoffte, dass sie Roman bliebe. Angesichts dessen, was heute spioniert, gehackt und ausgeheckt wird, ist die Realität leider schon weiter. Ein tolles Leseerlebnis.

kw
Foto: Lesen in allen Situationen mit Klaus Wilke. © TSPV

 

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