Der Lausitz Park im Cottbuser Süden ließ im Februar tief, fast bis ins Erdinnere blicken. Mitten im Einkaufstempel war ein Krater entstanden, um den herum einige der wertvollsten Bodenschätze gezeigt wurden, die in den verschiedenen Erdschichten der Lausitz zu finden sind – nicht nur die Lausitzer Braunkohle. Zur Verfügung gestellt wurden die Exponate vom Brandenburgischen Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR), das in Cottbus seinen Sitz hat.
HERMANN traf dessen Chef, Hans-Georg Thiem, und sprach mit ihm über Erdölförderung im Spreewald, den Braunkohlenkonflikt, Cottbus und die vielfältigen Aufgaben seines Landesamtes.

Herr Thiem, was sind die Aufgaben des  Landesamts für Bergbau, Geologie und Rohstoffe?
Das LBGR hat im Grunde zwei Säulen: Erstens, die Geologie. Das bedeutet, den Untergrund des Landes Brandenburg zu erkunden und zu erforschen, wie er aufgebaut ist. Damit verbunden ist, die Informationen über den Untergrund zu bewahren und auch neu zu interpretieren. Wir haben zum Beispiel sehr alte Informationen aus der preußischen Zeit, die älter als 140 Jahre sind und die in Form von Berichten, Gutachten, Bohrkernen oder Kartenmaterialien archiviert vorliegen. In unserem Bohrkernlager in Wünsdorf liegen etwa 160.000 Meter Bohrkerne, die bei Braunkohle-, Erdöl- und Erdgas-, Sole- und Geothermie-Erkundungen dem brandenburgischen Boden entnommen wurden. Diese Bohrkerne stellen für uns heute einen großen Schatz dar. Sie werden zum Beispiel auch für neue Vorhaben, wie die Kupfererkundungen bei Spremberg, genutzt.
Die zweite Säule ist der Bergbau für Brandenburg und Berlin. Wir begleiten genehmigungsrechtlich die gesamte Folge von der Erkundung über die Gewinnung bis zur Rekultivierung. Die Konzessionen und Genehmigungen dafür müssen bei uns erworben werden. Wir begleiten auch die Wiedernutzbarmachung, nachdem der Rohstoff gewonnen wurde. Dazu kommen natürlich auch die Aufgaben als Aufsichtsbehörde.

Sprechen wir dabei nur über Brandenburg?
Nein. Wir haben auch die Zuständigkeit über den bergbaulichen Bereich für Berlin. Dabei kommt ein Staatsvertrag zwischen den beiden Ländern zum Tragen. Der Bergbau in Berlin betrifft allerdings nur einen kleinen, aber feinen Erdgasspeicher, einen Kies- und Sandtagebau, der sich in der Rekultivierungsphase befindet, sowie den geothermischen Wärmespeicher unter dem Reichstag, der von uns genehmigt wurde und beaufsichtigt wird.

Über welche Tiefen sprechen wir bei den Bohrungen im Beritt des LBGR?
Unsere Zuständigkeit reicht theoretisch von der Grasnarbe bis zum Erdmittelpunkt. Die oberflächennahen Rohstoffe sind Steine-Erden-Rohstoffe, dann kommen die etwas tieferen, wie die zweiten Lausitzer Braunkohlenflöze, danach die Kohlenwasserstoffe wie Erdgas und Erdöl, die in etwa 2500 Metern Tiefe liegen. Kupfer, das bei uns in Südbrandenburg vorkommt, lagert bei etwa 1000 Metern. Unsere tiefste Bohrung in der Nähe von Pröttlin ging in 7008 Meter Tiefe und ist damit auch eine der tiefsten Bohrungen weltweit. Allerdings war sie keine Gewinnungs-, sondern eine  Forschungsbohrung. Ziel war es herauszufinden, welche Schichtenfolge wir in Brandenburg haben, denn dadurch kann gefolgert werden, ob und welche Bodenschätze möglicherweise vorhanden sind. Solche Bohrungen werden danach aber wieder verfüllt. Davon ist nichts mehr zu sehen.

Man kann durch eine Bohrung auf das gesamte Land schließen?
Nein. Aber man hat sich für die Bohrung eine neuralgische Stelle herausgesucht, an der der spezielle Aufbau des Untergrundes erforscht wurde.  Durch Analogien kann man dann darauf schließen, welche Vorkommen in Brandenburg möglich sein könnten.

Haben wir in unserem Land auch Besonderheiten?
Ja. Eine geologische Besonderheit befindet sich in Rüdersdorf bei Berlin. Dort lagert durch das Aufsteigen eines Salzstockes Kalkstein fast an der Oberfläche und wird seit mehr als 750 Jahren im Tagebau abgebaut. Normalerweise liegt Kalkstein flächendeckend sehr viel tiefer. Mit ihm wurden zunächst die Prachtbauten von Berlin gebaut. Es gibt ein geflügeltes Wort: Der Rüdersdorfer Tagebau ist der Negativabdruck von Berlin. Heute wird dort der Kalkstein herausgesprengt und  zerkleinert im naheliegenden Zementwerk verarbeitet.

Seit wann sind Sie Präsident des LBGR?
Seit 31. Mai 2016. Allerdings habe ich den Job schon ein Jahr zuvor als Vertreter gemacht. Ich war  im vergangenen September seit 20 Jahren hier in der Lausitz. Eigentlich komme ich aus Aachen, habe dort Bergbau studiert, in Dortmund meinen Assessor gemacht und bin im September 1996 hierhergekommen und seitdem immer in der Bergbauverwaltung in unterschiedlichen Positionen tätig gewesen. Habe verschiedene Organisationsstrukturen der Bergverwaltung mitgemacht. Zunächst gab es das Oberbergamt mit zwei Bergämtern, dann gab es die Fusion zum Landesbergamt und 2004 die große Fusion mit den Geologen zu der Behörde, wie sie sich jetzt darstellt.

…und Sie waren die ganze Zeit in Cottbus?
Ja, das war als Standort immer Cottbus. Es gab in der gesamten Zeit nur ein Jahr (2004, Anm. d. Red.), im Rahmen einer Abordnung ans damalige Bundeswirtschafts- und Arbeitsministerium beim damaligen „Superminister“ Wolfgang Clement, in dem ich nicht in Cottbus gearbeitet habe.

Warum haben Sie sich gerade für Cottbus entschieden?
Im Endeffekt war es auch ein bisschen Zufall. Nach der Wiedervereinigung war Nordrhein-Westfalen Partnerland des neu entstandenen Landes Brandenburg. Zwischen der Bergverwaltung Nordrhein-Westfalen und der Bergverwaltung Brandenburg gab es enge Kontakte. Am Ende meiner Assessorenausbildung wurde ich angesprochen, es sei eine Stelle frei und ich solle mich doch darauf mal bewerben. Was ich tat, und wo ich dann auch genommen wurde. Also reiner Zufall, auch, dass es gerade Cottbus geworden ist. Ich kannte Cottbus auch vor meiner Anstellung überhaupt nicht und war über die schöne Stadt freudig überrascht. Mein Großvater mütterlicherseits stammt übrigens aus Fraustadt, einem Ort nahe Zielona Gora (Grünberg). In diesem Sinne könnte man also auch sagen, dass ich wieder in die Gegend meiner Vorfahren zurückgekommen bin.

Vermissen Sie Ihre Heimat?
Ich habe keine Heimat verloren, sondern eine dazubekommen. Ich habe noch gute Kontakte nach Aachen. Ich habe mir hier in Cottbus eine aus hoffentlich Brandenburger Rohstoffen gebauten Immobilie zugelegt.

Warum unterstützen Sie Veranstaltungen wie die Mineralienausstellung im Lausitz Park?
Als wir die Anfrage bekamen, eine Ausstellung, die von Himmelsgesteinen bis Erdenmineralien reichen sollte, zu gestalten, war es für uns, sozusagen als Hüter der Steine und Rohstoffe, selbstverständlich, da mitzumachen. Wir haben nicht nur die Kenntnisse über Steine, sondern auch die dazu passenden schönen Exponate. Wir haben uns gefreut, dass wir diese einem größeren Publikum zeigen durften. Da das unser Kerngeschäft ist, könnte man gern auch von einer Win-Win-Situation sprechen.

Auch die Burger Therme war Sponsor der Ausstellung. Wie kam es dazu?
Die Spreewaldtherme in Burg nutzt die Sole des Untergrundes. Wir arbeiten seit mittlerweile Jahrzehnten zusammen. Wir hatten als Behörde Kenntnis vom Vorkommen einer solchen Sole und haben das Unternehmen in der Phase der Erkundung (der Exploration), der bergrechtlichen Verfahren, als es um die Bohrungen, die Erschließung der Lagerstätte und das Gewinnen der Sole ging, begleitet. In diesem Sinne passte es sehr gut, mit unserem Partner Spreewaldtherme eine gemeinsame Ausstellung  zu gestalten.

In Ihrer Eröffnungsrede sprachen Sie davon, dass es in Brandenburg auch eine Erdöllagerstätte gibt, die wirtschaftlich bearbeitet wird, und dass gerade eine weitere Erkundungsbohrung läuft.
Zu DDR-Zeiten wurde das Land besonders nach energetischen Rohstoffen erkundet. Dabei unter anderem auch nach Erdöl und Erdgas. Allein im Land Brandenburg wurden über 650 Erkundungsbohrungen niedergebracht, dabei wurden auch Erdöl- und Erdgaslagerstätten gefunden. Wir haben aber derzeit nur eine Lagerstätte, die wirtschaftlich genutzt wird. Die befindet sich in Kietz bei Frankfurt (Oder). Seit den 90er-Jahren werden dort Erdöl und Erdgas gefördert. Ein französisches Unternehmen fördert so um die 20.000 Tonnen Erdöl und 7,5 Millionen Kubikmeter Erdgas im Jahr. Ein kanadisches Unternehmen macht gerade Erkundungsbohrungen in der Nähe von Lübben.

Spielt dabei Fracking eine Rolle?
Nein, bei beiden Lagerstätten handelt es sich um konventionelle Vorkommen. Die werden quasi angepikst und das Erdöl durch ein Bohrloch herausgesogen.

Lohnt sich das für die Unternehmen?
Da wir das nicht subventionieren, muss sich das für die Unternehmen rechnen. Unsere französischen Freunde machen Gewinn, sonst würden sie die Förderung einstellen.

Was hat das Land Brandenburg davon, dass ausländische Unternehmen unsere Bodenschätze ausbeuten?
Wenn ein Unternehmen hier Bodenschätze fördert, lohnt es sich immer auch für die Region. Denn hier werden Arbeitsplätze geschaffen. Aber auch über die Steuern, die in der Region zu zahlen sind, springt für uns etwas heraus. Man sagt so im Bergbau, dass an einem Mitarbeiter vier andere Arbeitsplätze, in Form von Dienstleistern, dranhängen. Das Besondere im Bergbau in der Bundesrepublik ist, dass alle Rohstoffe, auch die energetischen, untertägig bergfrei sind. Sie gehören dem jeweiligen Bundesland. Ein Unternehmer kann eine Konzession zur Gewinnung beantragen und muss nach Erteilung zehn Prozent des Erlöses an das Land abführen. Exklusive der in der DDR erkundete Braunkohle, da wurde die Konzession an die Treuhand bereits bezahlt. Für alles, was neu gefunden wird, gelten die zehn Prozent aber wieder.

Wie ist der Stand bei den Kupfererkundungen in Spremberg?
Dabei handelt es sich ja um eine Lagerstätte, die schon seit Jahrzehnten bekannt ist. Schon zu DDR-Zeiten wollte man da ein Bergwerk bauen. Auf Grund der Preise und der fehlenden Devisen wurde das Projekt nicht weiter verfolgt. Aber durch die Preisentwicklung auf dem Rohstoffweltmarkt wurde die Lagerstätte wieder interessant. Den Zuschlag, die Lagerstätte auszubeuten, bekam Minera SA, weil sie das beste Erkundungsprogramm unterbreiteten. Derzeit hat das Unternehmen einen Antragsentwurf für ein Raumordnungsverfahren erarbeitet, der zurzeit bei den zuständigen Behörden geprüft wird.

Wann, meinen Sie, wird das Kupfer aus dem Boden geholt?
Mittelfristig. Nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre. Solche komplexen Genehmigungsverfahren dauern ihre Zeit. Dabei geht Qualität und Rechtssicherheit  vor Schnelligkeit. Auch die Investition in ein Bergwerk ist immens. Wir sprechen hier über eine Summe von mehr als 900 Millionen Euro. Minera ist derzeit auch dran, noch weitere Partner zu finden, die mit investieren.

Wie sehen Sie den Konflikt bei der Braunkohle?
Ich sehe die Notwendigkeit der Braunkohle als Partner für die Energiewende. Wir sind hier in Brandenburg an der Spitze beim Ausbau von regenerativen Energien. Das Problem bei dieser Form der Energiegewinnung ist einfach, dass sie sehr wetterabhängig ist. Für die Fotovoltaik zum Beispiel muss es Tag sein und die Sonne muss scheinen. Für Windenergie muss der Wind entsprechend wehen. Und wenn das nicht der Fall ist, brauchen wir, aufgrund der wirtschaftlichen Speichermöglichkeiten, die derzeit noch nicht vorhanden sind, für die Region und darüber hinaus unsere Grundlast, also unsere Braunkohle, die dann subventionsfrei zu vernünftigen niedrigen Preisen Strom erzeugen kann. Ich sehe auf absehbare Zeit, auch im Zuge des fortschreitenden Energiewendeprozesses, die Braunkohle als notwendig an.

Können Sie sich ein Land Brandenburg vorstellen, in dem keine Braunkohle mehr gefördert wird?
Nein. Das kann ich mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht vorstellen, zumal gerade die Lausitzer Region über Jahrzehnte  von der Gewinnung und der Verstromung von Braunkohle geprägt wurde. Ein Wegfall dieser Energiebranche wäre für Südbrandenburg fatal. Von heute auf morgen ist der Energiewechsel nicht zu schaffen, das muss langfristig begleitet werden. In der Prignitz und der Uckermark ist man da  anders aufgestellt. Ich sehe die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit der Energiegewinnung aus Braunkohle hier im Süden, in der Lausitz.

Interview: Heiko Portale

Titelfoto: Hans-Georg Thiem, Präsident des Brandenburgischen Landesamt für Bergbau, Geologie und Rohstoffe (LBGR).  © TSPV

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