Anne Hasselbach belichtet und beleuchtet als Fotografin eigentlich gern selbst. Nun sorgt sie als Kamenzer Citymanagerin mit außergewöhnlichen Ideen für Aufruhr in der Kleinstadt.
Anne Hasselbach ist Jahrgang 1974, machte in Kamenz Abitur und studierte danach sofort ab 1993 an der Dessauer Bauhaus-Uni Architektur auf Diplom. Aber sie fühlte sich nie als Vollblutarchitektin,  sondern fand während des Studiums und diversen Reisen zur Fotografie. Trotz einer kurzen, spannenden  Londoner Phase kam sie aus Liebe zurück nach Kamenz, wo auch ihre Tochter geboren ward. Und ihr jetziger Mann, ein expandierender Lichtdesigner mit Schwerpunkt für Musemsbeleuchtung, kam wegen der Liebe zu ihr nach Kamenz. Heute hat Kamenz zwar keine Brauerei, keine Töpferei und keine Textilfabrik mehr, aber das Statistische Landesamt, ein Stadttheater, die Hutbergbühne und drei wichtige Museen. Und eine omnipräsente Citymanagerin.

Sie haben hier eine Stadtwerkstadt, direkt nebeneinander und innen sogar verknüpft mit Ihrem Fotoatelier, dem „Studio Hasselbach“ – wie kam es denn dazu? *

Vorher hatte ich mein Atelier in unserem Haus, wo auch mein Mann mit seiner Firma sitzt. Das ist zwar gleich hier um die Ecke, aber ich war dort sprichwörtlich echt weg vom Fenster. Daher kam die Gelegenheit, hier sichtbar zu sein, genau zum richtigen Zeitpunkt. Ich wollte gleich von Anfang an mit anderen Partnern die Räume teilen: so als Co-Working-Space. Das war im Mai 2017, aber die Idee ist in einer Kleinstadt wie Kamenz natürlich nicht so gefragt. Dafür zog dann im August der Verein Bürgerwiese mit hier ein und hat hier sein kulturelles Domizil.

Die Bürger- als Spielwiese? Draußen dran steht allerdings „Stadtwerkstatt“ …

Stadtwerkstatt Bürgerwiese heißt der Verein genau. Er hat derzeit rund 20 Leute, entstand aus einer Bürgerinitiative, die sich für die Rückkehr des Lessing-Gymnasiums in die Innenstadt einsetzte. Das ist nun auf den Weg gebracht. Die Wiese neben dem zu sanierenden Gebäude hätte einem Supermarkt zufallen können. Dagegen regte sich Widerstand, um Platz für die Erweiterung zum Schulcampus zu erhalten. Nun trifft er sich hier und stellt sich breiter auf. Denn mit einem Raum fängt alles an. Der ist wichtig und sieht auch einfach so cool wie in der Dresdner Neustadt aus. Alle haben selbst mitgebastelt, aus Paletten wurden hier Möbel, wie Sie sehen. Wir brauchen auch die Jugend, die brauchen Freiraum.

Okay. Aber wie wird man als freiberufliche Fotografin plötzlich Citymanagerin?

Ich bin ja nicht „nur“ Fotografin, sondern habe auch schon in anderen Bereichen Erfahrungen und bin seit der Rückkehr schon immer in der Stadt aktiv. So im Kunstverein Metamorphosen Kamenz, mit dem wir verschiedene Objekte in Kamenz bespielt haben. Oder im Lessingmuseum, wo mein Mann als Lichtdesigner und ich die Dauerstellung neu konzipiert haben. Aber Citymanagerin bin durch eine ganz normale Bewerbung auf eine Ausschreibung geworden. Die Stelle ist gebunden an ein Förderprojekt – das Städtebauprogramm „Aktive Stadtteilzentren“ vom Bund und begrenzt auf 60 Stunden pro Monat.

Das schaffen Sie – trotz Hauptjob und Familie?

Man muss sich die Zeit klug einteilen und in Spitzenzeiten halt mal mehr arbeiten. Es ist halt etwas komplex und immer sehr divers – und in der Regel sind es schon mehr als acht Stunden am Tag  – und ein Tag am Wochenende. Das Förderprogramm geht bis 2025, meine Vereinbarung mit der Stadt ist so, dass wir aller zwei Jahre Bilanz ziehen und einvernehmlich über Verlängerung reden, derzeit geht mein Vertrag bis Ende 2019. Es muss sollte ja auch was passieren –  und Langmut ist nicht meine Stärke

Und mit welchem Vorsatz traten Sie an?

Ich habe mich mit einem Konzept beworben – und wusste ja nicht, dass ich die einzige Bewerberin war. Was ich damals im September 2014 nicht dachte, dass alles so seine Zeit braucht. Es dauert halt, bis man bekannt und akzeptiert wird. Man muss die Skeptiker von seiner Arbeitsweise überzeugen. Viele dachten, ich bin als Leerstandsmanager dazu da, verödete Schaufenster zu dekorieren. Der Anfang war also schon mühsamer als erwartet.

Dreiklang als Aufgabe

Und wie erfuhren Sie dann die nötige Akzeptanz?

Indem ich von Anfang an auf Sichtbarkeit, Transparenz und Rückkopplung setzte. Das hat sich bewährt: Die Gruppe der Interessierten wuchs ebenso wie deren Mitsprache von Jahr zu Jahr. Ich wollte auch nicht ins Rathaus, sondern im Kiez sichtbar zu sein. Daher hier diese Symbiose.

Und was genau wird von Ihnen erwartet?

Das sind drei Kernpunkte: Erst einmal den Einzelhandel im Zentrum voranzubringen, das Kerngebiet ist dabei genau abgesteckt. Also auch das Vorhandene zu stärken und beim Erhalt zu unterstützen. Als zweites die aktiven lokalen Akteure ausfindig machen und zwecks Innenstadtbelebung zu vernetzen. Und dann soll auch die Wohnkultur verbessert werden: Also den Dreiklang von Arbeiten, Wohnen und Leben zu einen.

Und welche Akteure konnten Sie stellen?

Durch meine selbstständige Arbeit hatte ich bereits ein gutes, gewachsenes Netzwerk, auf das ich zurückgreifen konnte. Die erste Gruppe war die Baugenossenschaft „Neue Altstadt Kamenz“ als eine Gruppe von Interessenten, die ein altes Haus retten wollte. Also gemeinsam kaufen und sanieren.

Ihre Stadtwerkstatt hier?

Nein! Der alte Seifenladen auf der Bautzener Straße, ein historisches Gebäude an einer ringsum sanierten Straßenecke. Überschaubar, ohne Garten, an einer zentralen Stelle. Aus zwölf Interessenten wurden mittlerweile 40 Genossen, es wurde natürlich alles etwas komplexer und komplizierter als gedacht, aber jetzt haben wir eine Bau- und Fördergenehmigung, es kann endlich losgehen. Positiver Nebeneffekt: Vernetzung und Bekanntheit!

Mit Wohnungen für vertriebene, arme Dresdner?

Quatsch. Es wird ein tolles Inklusionsprojekt und für Kamenz etwas ganz Neues: Es werden Behinderte einziehen, die man in durch karitative Arbeit wieder ins Stadtleben zu integrieren versucht. Raus aus den Wohnheimen am Rande, rein in die Altstadt. Dafür richten wir das Ding wieder her!

Und wo ist da der Mehrwert für die Genossen?

Es ist ohne Eigennutz, sondern ein Zeichen, dass etwas losgeht in der Stadt und ein baufälliges Gebäude saniert wird. Ein Imageprojekt, worüber aber wiederum der Stadtverein Bürgerwiese anwuchs.

Gestatten Sie einen kurzen Blick ins Private – Sie stammen aus Kamenz?

Nicht ganz, aus dem Haselbachtal in Bischheim-Gersdorf, genau zwischen Kamenz und Pulsnitz.

Daher der Name?

Nein, aber es ist noch mein Geburtsname, nicht der meines Mannes.

Welche Häuser haben Sie denn als diplomierte Bauhaus-Architektin schon entworfen?

Eigentlich nur mein eigenes.

Und sieht man dort den Bauhausstil?

Nur in Ansätzen, also in sachlicher Moderne mit klaren Strukturen oder größeren Glasflächen. Aber ich muss Ihnen gestehen: Ich habe mich – auch als Fotografin – echt in Altbauten verliebt. Das ist mein Steckenpferd, mich reizt nichts neues. Ich bin Verfechterin des Erhaltes, der vor dem Neubau stehen muss. Ich finde es so fatal, dass wir immer noch so viel Bodenfläche neu versiegeln.

Die Altbauliebe wurde durch die Fotografie befördert? 

	Citymanagerin Hasselbach vor dem Lessingmuseum mit der von ihr neugestalteten Dauerausstellung. 	Foto: Andreas Herrmann

Citymanagerin Hasselbach vor dem Lessingmuseum mit der von ihr neugestalteten Dauerausstellung. Foto: Andreas Herrmann

Ja, auf jeden Fall. Die Liebe zu Details, zu Materialien, Raumbeziehungen – das ist am Altbau erlebbar. Vor allem Ruinen sind reizvoll. Ich habe mit einer Freundin, Tina Altmann, die auch Architektur, aber in Weimar studierte, hier die alten Textilfabriken im Herrental dokumentiert und damit zur Jahrtausendwende eine zweimonatige Ausstellung namens „Talfahrt“ in den alten Gebäuden initiiert. Heute ist es renaturiert, schön, aber noch entwicklungsfähig – und ich war dadurch angefixt, hierzubleiben. Das Studium war aber natürlich wichtig für die Entwicklung eines ästhetischen Empfindens und den Weitblick für alle Formen der Gestaltung. Und dann habe ich hier in Kamenz neue Nischen entdeckt: grafisch wie fotografisch, gestalterisch und kulturell. Seit 2002 bin ich selbständig.

Dann trat Lessing in Ihr Leben?

Ja, ein ganz wichtiger Punkt, um zu bleiben, war der Auftrag, 2010 die neue Dauerausstellung zu gestalten. Gemeinsam mit meinem Mann haben wir zum Beispiel eine Bibliothek mit leuchtenden Büchern entworfen. Und ich habe noch einen Bildband fürs Museum gemacht, der Lessings Spuren mit Fotos aus der heutigen Zeit verfolgt.

Bei der Gestaltung hatten Sie quasi als Kuratorin freie Hand?

Na, die Exponate sind natürlich zu beachten, aber sonst hatten wir schon sehr viele Freiheiten. Wir haben sehr viel mit Metaphern gearbeitet, um sowohl zum Nachdenken als auch die Phantasie in einem möglichst weiten Interpretationsspielraum anzuregen. Das hat echt Spaß gemacht.

Eines Ihrer Projekte sind Kamenzer Würstchen?

Das ist – neben dem schöngeistigen Übervater Lessing – ein weiteres Markenzeichen der Stadt. Die Marke ist geschützt und wird von einem Fleischerverein gehalten. Unser erster Würstchenmarkt im März war ein großer Erfolg, die besten Rezepte finden sich nun in einem Kamenzer Kochbuch, was ein richtiger Renner geworden ist. Beim nächsten Mal sind Kartoffeln das Thema, der nächste Kamenzer Würstchenmarkt ist am 7. April 2019, der Kochwettbewerb geht diesmal rund um die besten Rezepte für Kartoffelsalat zu den Kamenzer Würstchen.

Und dann gibt es ja noch Ihre berühmte Kamenzer Einkaufs- und Hoppingnacht …

Die organisiere ich gemeinsam mit der Händlerinitiative, deren Betreuung auch zu meinen Aufgaben gehört. Das braucht einen kulturellen Überbau – denn nur zum Einkaufen fahren die Leute nicht an einem Sonnabendabend nach Kamenz. So gibt es jedes Jahr ein eigenes Thema als Rahmen, um neue Leute und frischen Wind zu akquirieren. Das ging los mit Lese-, Tanz- und Modehopping. 2017 war dann das Kunsthopping, dieses Jahr ist am 23. November das Sporthopping bis Mitternacht. Da haben wir die Sportläden und Vereine im Boot, bauen eine Soccerarena in die Stadt und hier Tischtennisplatten rein.

Wie bei der Frankfurter Buchmesse oder dem Cottbusser Filmfest ist auch hier, in der Kamenzer Stadtwerkstatt, just Georgien das Gastland?

Ja, das sind Reisefotos. Meine Schwester wohnt in Berlin und ist auch Fotografin, wir verreisen oft gemeinsam – dann entstehen solche Serien. Es ist die erste richtige Ausstellung hier, aber das könnte ich mir quartalsweise auch vorstellen – vielleicht mit den Masuren, Mallorca oder Portugal.

Alles schon abgelichtet?

Ja, habe ich alles schon in petto, meine Festplatten quellen über. Das sind aber meist Kurzreisen.

Denken wir kühn: Sie machen den Job wirklich bis 2025 – was wäre Ihre Vision?

Ich gehe lieber kleine Schritte, will Blasen vermeiden und weiß nicht, was in fünf Jahren sein wird. Fakt ist: Die Älteren mit ihrer Erfahrung und ihrer Agilität sind wichtig, aber sie werden wie wir alle nicht jünger. Meine Vision wäre, dass sich die noch Jüngeren rasch in die aktive Stadtentwicklung integrieren lassen. Die müssen jetzt schon ihre Ziele für ein lebenswertes Kamenz artikulieren und gestalten wollen – und zwar kommunalpolitisch wie zivilgesellschaftlich. Also wünsche ich mir, dass schon der nächste Generationswechsel innerhalb der Gestalter anfängt und diese konkrete Vorschläge und Angebote entwickelt – unsere jetzige Truppe steht bereit, auf dass sich dafür ein Bewusstsein bildet.

Und welche konkreten Schritte machen Sie nächstes Jahr?

Erstmal wollen wir einen „Tanz in die Mitte“ veranstalten, das wird erstmals am 11. Mai stattfinden. Außerdem suchen wir einen Regionalversorger für die Innenstadt, der sich auf Produkte aus der Lausitz   fokussiert. Die Ausschreibung für den Wettbewerb läuft noch bis Ende 2018, der Gewinner erhält 5000 Euro als Anschubfinanzierung.

Und was wäre sonst ein Traumjob?

Einerseits Eventmanagerin, anderseits könnte ich mir schon vorstellen, noch mal eine Immobilie nach meinen Vorstellungen zu entwickeln. Erst kommt immer der Ort, dann die Kunst.

Dank und viel Erfolg!

Gespräch: Andreas Herrmann
Titelfoto: Eine städtischen Wand mit möglichen Farbenvarianten für Kamenzer Bauherren als Idee der Architektin Anne Hasselbach. Foto: Andreas Herrmann

 

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