Da hatte die Seele über die Technik gesiegt

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Ketevan Chuntishvili spielt Susanna in Mozarts Oper „Le nozze di Figaro”

 Irrwitziger Intervieweinstieg: „Lass mich eine Stunde der Kaiser deiner Seele sein!” Ketevan Chuntishvili lacht, weiß: Da hat einer deinen jüngsten Auftritt gesehen und gehört. Im Neujahrskonzert des Staatstheaters Cottbus hatte sie das Operettenlied „Du sollst der Kaiser meiner Seele sein” von Robert Stolz gesungen. Da dieses Lied, 1916 zwar für eine Sopranstimme geschrieben, durch den großartigen Tenor Joseph Schmidt seinen Durchbruch erlebt hat, sei auch mir – von Mann zu Frau, von Journalist zu Künstlerin – dieser Auftakt gestattet.

Ketevan Chuntishvili (oder Ketty, wie sie ihre Freunde und Kollegen nennen) gehört seit einem Jahr zum Opernensemble des Staatstheaters. Über die Seele singt die junge Georgierin nicht nur; sie hat eine, und das hat gewiss zu großen Teilen die Musik bewirkt. „Seele ist für mich nichts Esoterisches”, sagt sie, „aber ich glaube, dass jeder Mensch eine hat. Musik kann sie und damit den Menschen verändern, bereichern. Denn Musik ist ein Lebenselixier.”

Szenenfoto aus „L’Orfeo“: Ketty inmitten des Opernchores des Staatstheaters Cottbus.
Foto: Marlies Kross

 Die Menschen in ihrer Heimat sehen ihr Land als einen „Balkon Europas”. Von diesem „Balkon” aus wusste sie mit 13, dass sie eines Tages in Deutschland Gesang studieren wollte. Ihre sehr musikalische Mutter sorgte unbewusst dafür. „In unseren Fernseher war der französische  Musikspartensender Mezzo TV eingespeichert, klassische Musik den ganzen Tag. Und immer wieder die Callas.” Die große griechisch-amerikanische Sopranistin wuchs mit ihrer Stimme in ihr Inneres, wurde Teil ihrer Seele und verwandelte sich in Motivation. Wo sich neben der Schule Gelegenheit bot, lernte sie Deutsch, auf Teufel komm raus. 2015 setzte sie ihren Fuß auf deutschen Boden. Ziel: Aufnahmeprüfung in der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover. Mit den hiesigen Gepflogenheiten nicht vertraut, hatte sie sich nur an einer einzigen Hochschule beworben. „Es muss klappen, es muss klappen, sagte ich mir. Und es klappte, ich war fast betäubt, als ich das Ergebnis erfuhr.”

 Schon während ihres Studiums, das sie sich mit Kellnern, Babysitten und kleinen Arbeiten an der Hochschule finanzieren musste, dabei aber auch durch Fleiß und Talent Stipendien einstrich, stand sie auf der Bühne in „Ariadne auf Naxos”, „Hänsel und Gretel” und „Le nozze di Figaro”. Dann kam das Abschlusskonzert. Angst? „Lampenfieber ja. Aber Angst fressen Seele auf”, zitiert sie eine Weisheit und bleibt damit bei unserem Thema.

Bald nach dem Studium fand Ketty als Stipendiatin in dem US-amerikanischen Opernsänger Thomas Hampson einen großartigen Lehrer, der ihr das Kunstlied in die Seele implantierte. Beim internationalen Hidalgo Festival in München erntete sie 2021 ersten Lorbeer. Da war die Georgierin schon „eine aus der Lausitz”. Im Staatstheater hat sie 2021.2022 große Gelegenheiten, in die Seele großer Operngestalten einzudringen und die eigene damit zu füttern.

Erst vor einigen Tagen erlebte „Le nozze di Figaro” seine Premiere. Ketty spielt darin die Kammerzofe Susanna. „Wir verstehen uns gut, Susanna und ich”, scherzt die Sängerin. „Sie ist wie ich, behält einen klaren Kopf, ist fleißig und liebevoll, voller Temperament und zuweilen hitzig. Sie ist pfiffig und lässt sich die Butter  nicht vom Brot, den Figaro nicht aus den Händen nehmen.” Susannas Rosen-Arie gehört zu Kettys Lieblingsliedern. Spätestens seit der Hochschule.

Vorm „Figaro” stand Monteverdis „L’Orfeo” auf dem Plan – Ketevan Chuntishvili als Eurydice. „Eine Herausforderung”, gesteht die Sängerin. „Bis kurz vor der Premiere quälte mich die Frage, was von mir und wieviel davon ich Eurydice geben kann, die fast zerrieben wird zwischen ihrer Liebe zu Orfeo und dessen Selbstinszenierung von Eigenliebe. Langsam begann ich, die Welt mit Eurydices Augen zu sehen, hatte mich in ihrer Seele plaziert.”

In „Król Roger” von Karol Szymanowski (Premiere: 14. Mai 2022) spielt Ketty Roxane, die Gemahlin des Königs. Sie bittet diesen, die Hinrichtung eines andersgläubigen fremdländischen Jünglings zu verhindern. Das künftige Königreich pflegt die Toleranz. Roxane hat bei ihr gute Karten. Wird der Regisseur ihrer Sympathie für Roxane folgen?

Am Ende der Spielzeit nimmt die Sängerin in „Carmen” (Premiere: 3. Juli 2022) Gestalt und Stimme der Micaela an. „Ich kann es kaum erwarten. Ich habe diese Partie schon in Hannover einstudiert. Ein schüchternes Bauernmädchen in einer lauten Welt. Seele, Körper und Kehle haben die Micaela angenommen. Nun will sie heraus.”

Viel Arbeit, die Spaß macht, aber zugleich viel Ernst benötigt.  Herausforderung liebt die junge Künstlerin, wie sie sich auch Unvorhergesehenem stellt. Wie im Sommer bei der OpenAir Show „Der Tenor ist tot”. Mitten in Kettys seelenvolles „La Boheme”- Lied prallte Hubschrauber-Donner. Die Maschine flog niedrig und wurde immer lauter. Die Sängerin ließ sich nicht beirren, änderte nur ihrer Gestik, indem sie einen Arm ausfuhr und auf den Hubschrauber zeigte. Zwischen den Zeilen ihres Liedtextes meinte man zu hören: „Du kannst mir nichts anhaben.” Sang und sang weiter und erntete tosenden Applaus.

So hatte dann die Seele über die Technik gesiegt.

 

Klaus Wilke

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