In Branitz und noch mehr im Museum der Stiftung Fürst Pückler hat man das Jahr 2018 gänzlich dem Orient gewidmet. Dabei erzählen die Branitzer Forscherinnen und Kuratorinnen nicht in erster Linie von den tatsächlichen historischen Orten, die unter diesem Begriff zusammengefasst werden, sondern vielmehr von der europäischen Sicht auf die Gebiete und Länder, die im Osten und Süden des Mittelmeeres liegen. Fürst Pückler war nicht nur selbst der Faszination Orient, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkam, erlegen, er stiftete ebenso einen erheblichen Beitrag zur Mythenbildung .

Wie vielschichtig das kulturhistorische Phänomen Orientalismus ist, macht der neue Band der Edition Branitz „Sehnsucht nach Konstantinopel. Europa sucht den Orient“ deutlich. Die Textsammlung nimmt zum einen die Reise des Fürsten in den Blick, die er zwischen 1834 und 1840 in den Orient unternommen hat und folglich die entsprechenden Reiseberichte, die er verfasst hat, sowie deren Rezeption und Einfluss auf die Leserschaft im 19. Jahrhundert. Die Sehnsucht des Fürsten und seine Unternehmungen, diese zu veräußerlichen, bindet der Band in einen größeren Kontext. So haben Pyramiden in europäischen Gärten bereits eine längere Tradition. Auch sind Räume, die in orientalischem Stil ausgestattet wurden, in so manchem Schloss dieser Zeit zu finden. Allerdings, und auch das wird bei der Lektüre bewusst, sind die Branitzer Beispiele stets von einer ganz eigenen, ja einzigartigen Machart, so dass sie aus dem Gros der vorherrschenden Orientmode hervorstechen.

Besonders im Fokus stehen die sogenannten Orienträume, d.h. die drei Räume im ersten Obergeschoss. Die Entstehung und Ausgestaltung des „Türkischen Kabinetts“, des „Türkischen Zimmers“ und des „Pfeifenkabinetts“, die Pückler der Erinnerung an seine Reisen gewidmet hat, standen noch einmal auf dem Prüfstand aktueller historischer wie kunsthistorischer Forschung. Hinzu kommt eine detaillierte restauratorische Analyse des aktuellen Bestands. Der kostbarste Schmuck sind die Wand- und Deckenmalereien mit Teppichmustern und floralen Verzierungen in orientalischer Manier. Von der textilen und mobilen Ausstattung der Orienträume unter dem Fürsten und seinen Nachfolgern ist wenig bekannt, zeitgenössische bildliche Darstellungen und Inventarlisten fehlen. Anhand von Briefen, Rechnungen und Zeitzeugenberichten kann die Raumausstattung unter Pückler nur bruchstückhaft rekonstruiert werden.

Die Zusammenfassung der Ergebnisse ist nicht nur spannend zu lesen,  sondern sie dienen auch der aktuellen Restauration bzw. Rekonstruktion dieser Räume. Besucherinnen und Besuchern, die dieser Tage das Branitzer Schloss besuchen, bleibt die Einsicht der Orienträume leider verwehrt. Derzeit werden diese aufwändig überarbeitet. Im Fokus stehen da die Sicherung der originalen Wandmalereien und eine Wiederherstellung des Pückler’schen Raumeindrucks. Sein Refugium, in dem er in den Jahren kurz vor seinem Tod die meiste Zeit verbrachte, war der eigene Versuch der Nachahmung des Inneren arabischer Prunkzelte. So beschreibt ein Zeitgenosse: „Wir waren in ein kleines Gemach getreten. Eine tropische Hitze umwirbelte uns. […] Zu Anfang glaubten wir uns in den Orient entrückt, so fremd war die ganze Scene, welche sich uns darbot, Wohin das Auge fiel, traf es die sonderbarsten Gegenstände, meist orientalischen Ursprungs. Dicke Teppiche von bunten Farben und merkwürdigen Zeichnungen brachen das leiseste Geräusch des Fußes. Schwere dunkle Jalousien vor den Fenstern wehrten den Sonnenstrahlen. An den Wänden überall Vorhänge und kostbares fremdländisches Geräth, Möbel aus überseeischen Hölzern, kunstvoll geschnitzt, vergoldet.“

Bis zum Herbst sollen die Arbeiten in den Räumen abgeschlossen und der Zutritt möglich sein. Wir können gespannt sein auf die Wirkung des alten und neuen Glanzes dieser höchst obskuren Räumlichkeiten.

Sabrina Kotzian
Titelfoto: Türkisches Zimmer im Schloss Branitz, Wandmalerei © SFPM

Info
www.pueckler-museum.de

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