Ein Görlitzer „Lausitz Festival“ startet eine erste Runde – und erntet barschen Widerstand der Kulturschaffenden in Ober- wie Niederlausitz

Es begann mit einer echten Farce: Und zwar am 20. März, morgens um neun Uhr im Görlitzer Kulturservice am Untermarkt. So früh, damit der Ministerpräsident dabei sein konnte. Dazu eine Traube aus Organisatoren, Medienvertretern und allen wichtigen politischen Amtsträgern der Stadt, versammelt in großer Spannung in einer kleinen Galerie rings um die Bilder von Armin Müller-Stahl. Darunter auch zwei Landtagsabgeordnete, die Ende Mai (plus einem dritten Kollegen) in der Neißestadt bei der Oberbürgermeisterwahl gegeneinander antraten.

Doch der Fokus lag hier auf Daniel Kühnel, Jerusalemer des Jahrgangs 1973, seit 2004 jüngster Intendant der Symphoniker Hamburg – und nun überraschend noch extra Intendant eines Lausitz-Festivals, welches eigentlich sein bis dato streng geheimes Programm vorstellen wollte. Es geschah – jenseits von blumigen Worten: nichts. Nur ein riesiger Bildschirm zählte einen Countdown bis 14 Uhr herunter, erst dann sollte die Netzpräsenz freigeschalten werden. Die geriet dann aber nicht wesentlich informativer als jene dürren Angaben in der Pressemappe, in der von „regelmäßigen, mehrfach im Jahr stattfindenden außergewöhnlichen Kunsterlebnissen“ in der Region (samt Brandenburg, Polen und Tschechien!) die Rede ist.

Den Auftakt sollten genau neun Tage später „fünf vollgepackte Tage mit zahlreichen internationalen und regionalen Stars“ bilden – mit Kartenpreisen zu einheitlich zehn Euro, dazu einem freien Konzert parallel zum Sachsenderby der zweiten Herrenfußballbundesliga. Das „Osterfestival“ so der Titel, startet somit zwei Wochen vor dem Jahrestag der Kreuzigung im Jahre 2019 danach.

Dabei war das Bemühen sichtlich erkennbar, die Presse auf das Ende des Countdowns zu vertrösten, um schnell wieder in den Hinterräumen in Klausur zu gehen. Einzig und allein das spontane Versprechen, für alles offen zu sein – sowohl Kunstarten wie Künstler und Partner betreffend – war außergewöhnlich, sind doch die Protagonisten bislang nur in einer bestimmten Art von Musik bekannt: Klassik in zwei westdeutschen Hansestädten am anderen Ende der Republik. In der Pressemitteilung verfingen sich Euphemismen wie „Die Lausitz ist das Zentrum Europas!“ (bislang allerdings nur: „beim Blick in den Atlas“) und diversen PR-Verbalien wie „mitreißend“, „wahrhaft“, „hochgelobt“. Aber auch: „Ob es bei dem Namen „Lausitz Festival“ bleibt – darüber sollen alle Lausitzer mitentscheiden: im Rahmen einer zweitägigen Ideenkonferenz, am 29. und 30. März in Hoyerswerda. Wirklich alle – und nur über den Namen?

Landesvater Michael Kretzschmer (CDU) war eigens gekommen, um vier Bundesmillionen fürs erste Jahr zu versprechen, was sich dann verstetigen soll – wie genau, ward jedoch nicht dargestellt. Doch schon jenes Festivaleröffnungsprogramm, das laut eines im Netz kursierenden Konzeptes samt Kosten- und Finanzierungsplan (Stand: 19.02.2019) just 1,3 Millionen Euro schwer sein sollte und was man angeblich in den zwei Wochen zuvor auf die Beine gestellt habe, zeigte einen klaren Schwerpunkt als Trend: Musikalische Vergeistigung mit vier Konzerten von christlichen Werken in vier Kirchen im ziemlich engen Oberlausitzer Dreieck zwischen Zittau, Görlitz und Cunewalde. Und der Fokus auf zwei Ensembles mit kürzlicher Geldnot, wie deren Lokalmedien vermelden – der 2017 überraschend aus Bremen gen Görlitz verpflanzten EuropaChorAkademie (ECA) und Kühnels Symphonikern, die beide je zwei Mai, davon einmal gemeinsam auftraten.

 

Pressekonferenz mit CDU-Landesvater Michael Kretschmer und Blitzintendant Daniel Kühnel vor Müller-Stahl-Werk morgens um Neun, genau neun Tage vorm Start zum Osterfestival zwei Wochen vor Ostern.
Fotos: Andreas Herrmann

 

Großartige Moskauer, zahmer Jazz

Während der fünf Konzerte an den fünf vollgepackten Tagen geriet Rachmaninows Liturgie St. Johannes Chrysostomos in der Görlitzer Kreuzkirche mit dem Moskauer Vokalensemble Intrada unter Leitung von Ekaterina Antonenko eindeutig zum Genusshöhepunkt: glasklarer Klang, junge, begeisterte Sänger, ein beeindruckender Saal, mit rund 120 Leuten gefüllt, sehr aufwendig illuminiert, stille Bewunderung, stehende Begeisterung. ECA-Chef und Gesellschafter Joshard Daus, Hamburger des Jahrgangs 1947 und einst Professor für Chor- und Orchesterleitung an der Mainzer Gutenberg-Uni, gab mit seinem Neugörlitzer Chor Franz Liszts „Via crusis“ als Freispiel vor 250 Leuten in epischer Ruhe, wobei der Dresdner Frauenkirchenkantor Matthias Grünert an der Orgel der Kathedrale St. Jakobus zu Görlitz die Hauptlast trug.

Dazu lud Intendant Kühnel auf kürzestem Dienstwege zwei Mal sein eigenes Orchester, welches seit Herbst unter Leitung von Sylvain Cambreling, der als einziger der ankündigten Stars im vergangenen Herbst in die Fußstapfen des verstorbenen Chefdirigenten Jeffrey Tate trat und nun sofort als „Künstlerischer Schirmherr“ des Lausitz-Festivals gilt. Sein Ensemble spielte am Sonnabend mit der ECA unter Leitung von Daus Bachs Johannis-Passion in der passenden Zittauer Kirche vor rund 350 Kulturherzstädtern und zum Abschluss unter seiner Leitung Bruckners 7. Symphonie in Deutschlands größter Dorfkirche Cunewalde (2632 Plätze) vor immerhin rund 600 Leuten, wozu die Kirche schon eine Woche zuvor beheizt und mit einem großen, eingebauten Orchesterpodest ausgestattet ward.

Über 1400 Besucher meldeten die Organisatoren vom Görlitzer Kulturservice am Abend des zweiten Tages nach dem Festival, darunter waren also maximal 1150 Zahlende.

Vereinigter Widerstand aus der Oberlausitz

Bemerkenswerter geriet jedoch der Auftakt in Hoyerswerda. Denn dort war dem elegisch-minimalistischen Jazzpianokonzert von Nitai Hershkovits vor 105 Besuchern in der akustisch wie architektonisch beeindruckenden Lausitzhalle, mit 828 Plätzen größter funktionierender Konzertsaal zwischen Liberec, Cottbus und Dresden, jene „Ideenkonferenz“ vorgeschalten, in der es ob der Heimlichkeit und der Höhe der Förderung für den österlich-blitzbescherten „Kulturimport“ absehbar eskalierte.

Deren genaues Programm samt Namen und Ablauf blieben bis kurz vorher vage. 600 persönliche Einladungen seien versandt worden, aus „allen Lausitzern“, wie bei der Pressekonferenz noch versprochen, wurden so an einem Freitagvormittag nur 80 Interessierte, aus zwei Tagen nur einer, rund 50 der Vorgeladenen, konnten bis Feierabend bleiben, einige gar bis zum erst zwei Stunden danach startenden Konzert. Etliche, auch Bürgermeister und führende Touristiker der Region sowie die rege Vereinslandschaft plus die Nachbarländer blieben hier außen vor.

Ein gewisses Oberlausitzer Übergewicht, darunter viele jene Akteure, auf denen die Last wie Lust zur EU-Kulturhauptstadtbewerbung von Zittau ruht, die sich jüngst erst auf einer internen Ideenkonferenz mit einhundert Teilnehmern (darunter ein Drittel hier vor Ort) trafen und sich erst kurz zuvor bei „ZI You“ als einem „Fest der Festivals“ ihrer Kraft und Vielfalt versicherten – bei marginaler Förderung als Mikroprojekt der Euroregion, also mit viel Arbeit, Eigenbeteiligung und Vorkasse. Und bis zu einhundert Kilometer und 90 Minuten Anreise.

Schon bald wurde die Eröffnungsrede von Ulf Großmann (CDU), Dresdner des Jahrganges 1957, seit 2011 Präsident der Kulturstiftung Sachsen, als Ex-Kulturbürgermeister und EU-Kulturhauptstadtbewerber von Görlitz einer der maßgeblichen Strippenzieher für die Ansiedlung per Bundesmillionen als Anker für die alsbald zu renovierende Stadthalle, über die Rolle der Bedeutung des Festivals recht offensiv laut murmelnd gestört und auf Anregung von Kultursenator Christian Schramm (CDU), Ex-Oberbürgermeister von Bautzen, sofort in mehreren Runden über sechs Stunden Klartext geredet.

Kritische Masse mit drei enttäuschten Intendanten

Zur kritischen Masse beim denkwürdigen Auftakt in Hoyerswerda gehörten drei sichtlich enttäuschte Theaterintendanten der Region, die in den zwei großen Diskussionrunden im Plüschsesselsaal auf riesigen schwarzen Sofas auf der Bühne saßen: die Zittauerin Dorotty Szalma, der Bautzener Lutz Hillmann und der Senftenberger Manuel Soubeyrand – allesamt mit eigenen, schwer erkämpften Projekten präsent, vor Ideen und Netzwerken sprudelnd und dennoch von der Entwicklung überrascht bis empört. Szalma verlaß sogar eine Art gemeinsame Resolution der Oberlausitzer Kulturschaffenden, in der die Intention des „visionären Vorhabens“ begrüßt wurde, allerdings verbunden mit der Warnung, dass das „Gefühl der Missachtung“ der etablierten Kulturakteure, denen es nicht ausreiche, die „Erzeuger“ jener von Kühnel im Konzept als spannend erachteten „poetischen Leitmythen“ zu sein, nicht weiter wachsen dürfe.

Sie forderte konkret einerseits beim folgenden „World Café“ einen runden Tisch über den strukturellen Aufbau des Festivals, andererseits die Einrichtung eines künstlerischen Beirates mit den Regionalen Kulturakteuren als „zentrales Entscheidungsgremium“. Hätten die Organisatoren dies verweigert, wäre der Aufstand durch Abstimmung per zuvor abgesprochenem Aufstehen der Befürworter formuliert worden. Das war nicht nötig – schließlich war man unter Diplomaten.

Hillmann hingegen fragte: Wer denn auf welchem Wege den Intendanten berufen habe und was diese Funktion nun eigentlich bedeute? Denn als Fachgruppenleiter für Darstellende Künste im Kulturkonvent Oberlausitz-Niedrschlesien müsste er diesen ja dann vielleicht in die Fachgruppentagungen einladen. Diese Frage blieb bislang unbeantwortet, wie er auf Nachfrage bestätigt.

Süffisant weist er darauf hin, dass sich an der Identitätsfrage und den Mythen der Lausitzer samt Sorben schon einige verhoben haben: „Es gibt nicht ‚die Lausitz‘, sondern die beiden Lausitzen – man muss schon pluralistisch denken.“ Es schiene ganz so, als ob den Herren im Bundestag weder der Brandenburger Teil, also die Niederlausitz, noch die Funktion der sächsischen Kulturstiftung bekannt gewesen sei, witzelt er.

Auch Caspar Sawade, Geschäftsführer von Szalmas Gerhart-Hauptmann-Theater, der für jene veranschlagten 1,3 Millionen Zuschuss für die ersten fünf Festivaltage seine Zittauer Bühne mit 70 Leuten und vollem Repertoire ein halbes Jahr durchbringen würde, war vor Ort: „Bei einer Etablierung mit diesem Marketingbudget, den niedrigen Preisen und dem attraktiven Programm als „Konkurrenzprodukt“ sehe ich die Konzertreihen der Neuen Lausitzer Philharmonie, die regelmäßig im ganzen Kulturraum gastieren, durchaus gefährdet.“

120-fache Begeisterung in Görlitzer Kreuzkirche: Ekaterina Antonenko und ihr Moskauer Vokalensemble Intrada.

120-fache Begeisterung in Görlitzer Kreuzkirche: Ekaterina Antonenko und ihr Moskauer Vokalensemble Intrada.

 Triennale-Pläne aus der Niederlausitz

Noch härter kritisieren Manuel Soubeyrand und Harald Müller den geheimnisvollen wie explosiven Festivalstart. Der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg und der Verlagsleiter des Ostberliner Fachmagazins „Theater der Zeit“ haben gemeinsam den Struktur- als Kulturwandel schon lange im Fokus. Beide entwickeln seit geraumer Zeit – gemeinsam mit Hillmann – die Idee zu einer „Lausitz-Triennale“. Müller schrieb im Auftrag des Theaters, welches nun als Landesbühne für das gesamte Revier Südbrandenburg zuständig ist, ein ausgefeiltes Konzept, was weit über das Hamburger Konzeptpapier für Görlitz hinausgeht und vor allem auf die wirklich betroffene Kernregion der Braunkohle-Renaturierung zielt: drei Jahre mit zehn Millionen Euro vorfinanziert, zwei Jahre gründliche Vorbereitung, eigener Träger, ein wechselnder und möglichst inszenierender Intendant mit Fokus auf den wirklichen Wandel, also die Veränderung von Industrie- und Landschaftsbrachen mit deren Folgen für Kultur wie Gesellschaft – ähnlich, wie es die Ruhrtriennale für die nordrhein-westfälischen Steinkohlekumpels vormacht. Und vor allem: eigene Produktionen, keine Abstecher für Goldnasen.

Alle drei diskutierten in einer Zehnmännerrunde am 5. Oktober 2018 im Meetingpoint Music Messiaen Zgorzelec mit Vertretern aus dem sächsischen und brandenburgischen Kunstministerium und der Kulturstiftung des Freistaates stundenlang beide Pläne. „Es ging aus wie das Hornberger Schießen“, resümiert Müller. Aber – und das trug er in Hoyerswerda mit Verve in der Stimme empört vor – das Resümee sei gewesen: Man rede mit- und höre voneinander. „Nichts von alledem!“

Mit am Tisch damals: Großmann, Kühnel und auch Kulturraumsekretär Joachim Mühle – alle drei laut Kühnels Konzept an allen „Meilenstein“-Planphasen beteiligt, wobei dort die Konzeptionsphase im Februar 2019 endet und gleichzeitig die „Definitionsphase“ beginnt. „Liest man deren Konzept samt Finanzierungsplan, so kann man nur die Privatisierung öffentlicher Gelder – offenbar ohne öffentliche Kontrolle – konstatieren“, schüttelt Müller den Kopf.

Was man dazu wissen sollte: Die Symphoniker Hamburg erfuhren schon ein Jahr zuvor einen ähnlichen Segen: Das Förderprogramm „Exzellente Orchesterlandschaft“ ward ins Leben gerufen – anfangs gegen einige Bedenken von Monika Grütters (CDU), die als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien eigentlich dafür zuständig wäre. Das Beethoven verpflichtete VAN-Magazin beleuchtete im September 2017 über jene „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ die Polit- als Geldspiele im Hintergrund, die nun auch Görlitz helfen, welches zudem bis 2024 je 18 Millionen von Bund und Land in die Stadthalle verbauen will – vom Bundestagshaushaltsausschuss zeitlich parallel zur Festivalgenese beschlossen.

Jene zwei für Kultur zuständigen Berichterstatter ihrer Fraktionen, die Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs (SPD) und Rüdiger Kruse (CDU), hätten im Ausschuss eine großkoalitionäre „Hamburg-Connection“ geschmiedet, die Kühnel nur einige Tage später per Pressemitteilung flux öffentlich bestätigt: Er bedankt sich nach „langer Überzeugungsarbeit“ nicht nur bei Grütters: „Das Zustandekommen des neuen Förderprogramms ist dem begrüßenswert weitsichtigen Handeln des deutschen Haushaltsgesetzgebers zu verdanken und in erster Linie den Kulturhaushaltsexperten der Regierungsfraktionen im Bundestag, Johannes Kahrs und Rüdiger Kruse. Impulsgeber und Ideengeber für das neue Förderprogramm des Bundes waren die Symphoniker Hamburg.“

Die Symphoniker erdachten sich für ihre 450 000 Euro per anno ein „ Thinking Orchestra“ mit fünf Projektmodulen, die laut eigener Pressemitteilung „unter anderem neuartige und besondere, zum Teil mehrsprachige Orchesterworkshops, Vortragsreihen, Orchesterakademietätigkeiten, Musikvermittlungsveranstaltungen in Kooperation mit sozial ausgerichteten Organisationen in strukturschwachen Stadtteilen, ein Orchester-Feuilleton und eine Verbesserung der Nutzung neuer Medien enthalten.“

Fokus auf Stadthalle

Dazu geladen: Die in Bremen insolvent gegangene EuropaChorAkademie (ECA), die plötzlich in Görlitz auftaucht und in der hauseigenen Chronik auf der neuen Netzpräsenz jene kritische Zeit zwischen 2014 und 2017 auslässt – von Chorchef Joshard Daus erst als UG, nun als gGmbH neu eingetragen. ECA wie Symphonikern gemein ist – neben der langjährigen Zuneigung zueinander – der offen formulierte Fokus auf ein großes Projekt, was seit Jahren plakativ vor dem dazu passenden Hotel als „Haus des Handwerkes“ am Görlitzer Bahnhof prangt: Die Bespielung der sanierten Görlitzer Stadthalle zum 950. Stadtjubiläum anno 2021, gelegen neben der polnischen Papstbrücke (ehemals Friedensbrücke), bis zur Schließung 2005 der größte und schönste Konzertsaal zwischen Prag und Berlin sowie Breslau und Dresden mit 1200 Plätzen plus herrlicher Konzertorgel. Das endgültige Umbaukonzept, mittlerweile sieben Jahre jung, ward nun noch Ende Mai rasch im alten Stadtrat beschlossen, nachdem Bund und Freistaat (als Zusagebrief von Kretschmer, ohne Haushaltsbeschluss, kurz vor der ersten OB-Wahlrunde) je 18 Millionen versprachen.

Auf der ECA-Präsenz, im Gesamtduktus über die eigene Kunstfertigkeit durchaus nicht ganz so euphorisch wie jener der Symphoniker, heißt es, dass die „Wiederbelebung der Musikfeste in der Tradition des rheinischen, westfälischen und schlesischen Musikfests in der renovierten Stadthalle Görlitz“ geplant ist. Die eigene Funktion ist dabei ganz beschieden definiert: „Musikalischer Leuchtturm“ und „Kulturbotschafter der Stadt im europäischen Raum“.

Die Symphoniker erklären parallel dazu Görlitz zur „alten Kulturstadt an der Neiße, die nun zum „Zentrum einer neuen Chor-Orchester-Bewegung“ werden soll, ein „ambitioniertes kulturelles Projekt“ als „historische Herausforderung und eine Jahrhundertchance zugleich“, wobei ein „wichtiger Baustein zur Realisierung des Gesamtkonzepts die zügige Wiederherstellung der Stadthalle Görlitz als „Via-Regia-Konzerthalle“ (Arbeitstitel) als eine der wichtigsten Konzerthallen in Deutschland“ sei und dort ein „drei bis vier Wochen umfassendes Festival in den Sommermonaten mit nationaler wie europäischer Ausstrahlung“ stattfinden solle. Verkündet im Juli 2018 – also kurz nach den doppelten Bundestagsmillionenbeschlüssen zugunsten von Kretschmers und Großmanns Heimatstadt. Und vor allem: vor dem Gipfel mit Soubeyrand, Hillmann und Müller in Zgorzelec.

Klartext statt Lobhudelei: Kultursenator Christian Schramm (CDU) übergibt Daniel Kühnel in HoyWoy einen großen Ideensack voller Hausaufgaben mit – vor allem Transparenz und Einbeziehung der Lausitzer.

Klartext statt Lobhudelei: Kultursenator Christian Schramm (CDU) übergibt Daniel Kühnel in HoyWoy einen großen Ideensack voller Hausaufgaben mit – vor allem die Schaffung von Gremien und die Einbeziehung der Lausitzer.

 

 

Harte Hausaufgaben und neue Zahlen

Doch das war alles gar nicht Thema in Hoyerswerda, dafür gibt es von dort als Signal konkrete Forderungen an die künftige Struktur, zusammengefasst als echte und zeitnahe („bis Sommer“) formulierte Hausaufgaben von Kultursenator Christian Schramm: ein Kuratorium mit den beiden Ministerpräsidenten und den beiden Kunstministerinnen, dazu einen Festivalbeirat, der alle Sparten umfassen soll – also je zehn Leute aus den beiden Bundesländern plus die Nachbarländer.

Die Einbeziehung der lokalen Veranstalter sollte verbindlich, vielleicht per Quote, geregelt werden.

Das nahmen die beiden Beobachter der Länder, Reiner Walleser und Thomas Früh, der eine Abteilungsleiter Kultur im Brandenburger Kulturministerium, der andere Sachsens Ministerialdirigent im Kunstministerium, auf und versprachen, es zu berücksichtigen. Offen blieb in Hoyerswerda nur, wie das ganze Verfahren von Sammlung, Verarbeitung und Verwirklichung der Konferenzideen jetzt weitergeht.

Der Görlitzer Kulturservice, der auf Nachfrage versprach, die Ergebnisse der Ideenkonferenz nun sorgfältig auszuwerten und professionell zusammenzustellen, um sie „in Kürze“ der Öffentlichkeit zu präsentieren, wies in der Bilanzpressemitteilung vom 4. April darauf hin, dass nur knapp ein Viertel jener vier Millionen im März genehmigt worden sei. Und „Für den Auftakt des Lausitz Festivals samt Ideenkonferenz sind bisher Kosten für Technik und Werbung von rund 250.000 Euro aufgelaufen, von denen ca. 85 Prozent in der Region ausgegeben wurden. Ferner stehen aktuell Kosten im künstlerischen Bereich (Honorare, gesetzliche Abgaben und Reisekosten) von rund 410.000 Euro zu Buche. Für strukturelle Maßnahmen, die Gesamtkoordination und das Controlling wurden rund 98.000 Euro investiert.“ Außerdem habe man sich „vor allem mit dem Thema europäische Identität befasst“.

Doch gänge es rein nach dem Bundestagshaushaltsbeschluss, so wäre der Träger eigentlich die Kulturstiftung des Freistaates, die pro Jahr ungefähr den gleichen Etat an Projektförderungen vergeben kann. Deren amtierender Stiftungsdirektor Dr. Manuel Frey bestätigt diesen Lapsus und relativiert ihn: „Der Beschluss sieht in der Tat vor, dass Mittelempfänger die Kulturstiftung Sachsens sein soll. Es ist darin aber nicht explizit gesagt, dass die Kulturstiftung auch Träger des Festivals sein muss.“

Nur die sächsische Lausitz im Fokus?

Durch die besondere Position, die die Kulturstiftung im Bundestagsbeschluss einnimmt, sei sichergestellt, dass die sächsische Lausitz ein Zentrum des Festivals ist und dass die Kulturstiftung in die Weichenstellungen, um die es nun gehe, involviert sei. Außerdem sei es die erklärte Absicht aller Beteiligten, weitere Mittel für die kommenden Jahre bereitzustellen, um ein Festival von internationalem Format in und für die Lausitz als ein wichtiger europäischer Lebensraum, der erneut vor einer gewaltigen Transformation stehe, die nicht nur gesellschaftlicher und ökonomischer, sondern auch kultureller Natur sei, zu etablieren. Frey betont: „Mit dem Auftakt ist lediglich begonnen worden, ein Fundament für ein Festival zu schaffen. Diese Investition beginnt sich erst zu amortisieren, wenn das Festival läuft. Das ist ein normaler Prozess, der nur dann teuer erscheinen kann, wenn man keine Entwicklung vor sich sieht, sondern den ersten Baggerstich als Haus betrachtet.“

Außerdem habe die Lausitz-Triennale nichts mit der Initiative für das Festival zu tun, das Geld sei ausdrücklich für diese bereitgestellt. Es sei lediglich im Vorfeld mit den Vordenkern der Lausitz-Triennale gesprochen worden, wobei vergleichbare Ansätze und unterschiedliche Denkarten deutlich zutage getreten sind.

Nun, im Rahmen der jetzt beginnenden konkreteren Planungsphase, würden alle Anregungen und die Ergebnisse der Ideenkonferenz eingebunden – natürlich auch die relevanten Ideen der Lausitz-Triennale. Auch die Ideenkonferenz sei zwar die erste, aber nicht die letzte. „Wir plädieren auch hier dafür, die Geduld aufzubringen und einen spannenden Prozess für die Region lustvoll zu begleiten, statt jeden Spatenstich für sich als vollendete Tatsache zu bewerten und in jedem Fundament ein potenzielles Grab zu sehen“, fordert Maria Schulz, Geschäftsführerin der Görlitzer Kulturservice GmbH. „Es gibt keinen Grund darüber zu spekulieren, denn die erste Ideenkonferenz war weder Placebo noch Medizin, sondern eine notwendige Maßnahme in einem langen Prozess hin zu einem wunderbaren Festival für die gesamte Lausitz.“

Reiner Walleser, Abteilungsleiter Kultur im Brandenburger Kulturministerium, und Thomas Früh, Sachsens Ministerialdirigent im Kunstministerium, versprachen in Hoyerswerda künftig Transparenz und Interaktion mit Lausitzer Kulturschaffenden.

Reiner Walleser, Abteilungsleiter Kultur im Brandenburger Kulturministerium, und Thomas Früh, Sachsens Ministerialdirigent im Kunstministerium, versprachen in Hoyerswerda künftig Transparenz und Interaktion mit Lausitzer Kulturschaffenden.

Relatives Zeitgefühl und HoyWoy als Avantgarde

Zur Umsetzung von Schramms „Hausaufgaben“ verweist Manuel Frey auf Nachfrage auf einen Workshop mit beiden Ministerien „noch im Mai“. Ziel sei, eine Struktur mit Beirat und Kuratorium und somit die Einbindung von Vertretern der regionalen Kunst- und Kulturschaffenden zu schaffen. „Wir tun auch hier einen Schritt nach dem anderen und bauen Strukturen auf, die nachhaltig sein werden“, verspricht er. Das war kurz nach Ostern. Kurz vor Pfingsten nachgefragt, weil Kühnel zum Frühlingsanfang noch von einem kleinen Pfingstfestival sprach, gibt es noch nichts neues.

Frey betont: „Aktuell laufen Abstimmungsgespräche mit den Beteiligten. So sind wir in dem Projektstadium, in welchem die für die nachhaltige regionale Einbindung bedeutenden Gremien wie Beirat und Kuratorium definiert werden. Sobald konkrete Ergebnisse vorliegen, werden wir Presse und Öffentlichkeit entsprechend informieren.“ Auf Nachfrage, wann es denn soweit sein könnte, antwortet er, daß er zur Dauer des Prozesses derzeit nichts sagen könne. Da man sich aber am Dienstag nach Pfingsten in ziemlich kleiner Runde im funknetz- und nahezu nahverkehrsfreien Schloss Krobnitz trifft, dass man gerne wählt, so man Öffentlichkeit meiden mag, könnte es bald Bewegung geben.

So springen wir neun Wochen zurück zur Ideenkonferenz nach HoyWoy: Dort kam nämlich ganz zum Abschluss ein größtenteils sympathisch empfundener Vorschlag von der Intendantin des Sorbischen Nationalensembles, der Bautznerin Judith Kubitz: Der Sitz des neuen Lausitz-Festival gehöre doch eigentlich in die Mitte beider Lausitzen – also ins schöne Hoyerswerda. Dazu passend der Einwand der lokalen Citymanagerin in Teilzeit, Dorit Baumeister. Die Hoyerswerdaerin des Jahrgangs 1963, von Beruf her Architektin, die auch die neue klare Kulturfabrik entwarf und hier als Stadtschrumpfungsexpertin und Kulturaktivistin geladen ward, direkt an Kühnel gerichtet, der sich ob der barschen Kritik in den Stunden zuvor wirklich außergewöhnlich charmant und reflektionsbereit zeigte: Der Strukturwandel, der wohl vielen Regionen noch bevorstehe, dauere hier schon jetzt drei Dekaden – und schlussfolgert als Appell: Man müsse sich einfach nur als Avantgarde verstehen, also als erfahrene Vorreiter für das Kommende.

 

Andreas Hermann

 

Netzinfos: www.lausitz-festival.eu

 

 

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1 Kommentar

  1. Elma Mann auf

    Liebe Hermänner, so eine richtig lange & kritische Story – und dies frei im Netz!
    Bravo, bitte mehr davon. Und dranbleiben – es kann doch nicht sein, dass sich die Sachsen das ganze Geld alleine unter den Nagel reißen, oder?

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