Die Karl-May-Festspiele und die Interessengemeinschaft Sohland-Schirgiswalde erfrischen die Oberlausitzer Sommertheaterlandschaft

Neuen Karl-May-Stoff sucht man auf Sachsens Frischluftprofibühnen diesen Sommer vergebens. Überall dominierten vielmehr die Kinder- und Frauenmärchen aus dem Westkosmos des Universums, teilweise weitweitweg von der aktuellen Lage – und oft doppelt oder dreifach geboten.

Doch in Bischofswerda, da steppen die guten Roten und die ambivalenten Weißen wie gewohnt – und weben alljährlich auf ihrer schicken Waldbühne, die bis 1994 noch eine schlichte Sandgrube abgab, je einen neuen Stoff des großen Radebeuler Humanvisionärs.

Der beste DDR-Indianer, nämlich Gojko Mitic, gibt dem Ausrichter, also jener nach ihm benannten Spielgemeinschaft, gerne seinen Namen, weilte aber dieses Jahr zu Dreharbeiten in Rußland. Aber die May-Spiele gerieten auch in ihrer 26. Version (und trotz Fortschrittaufstieg in die Regionalliga) zum Straßenfegerereignis und lockten – während der Mexiko-Fiesta und bei leichtem Regen – rund 900 Leute zur Doppelpremiere von „Tödlicher Staub“.

Und ein paar Kilometer weiter, wo im Hohwald der Wolf und dahinter der Schluckenauer Tscheche lauert, geht es noch exotischer zu. Denn an der Sohländer Waldbühne spielt ein andere Verein, vier verfallene Bahnhöfe weiter gen Oberland gelegen: die Interessengemeinschaft Sohland-Schirgiswalde unter Leitung von Andreas Trepte, die vor allem mit Mundartkomödien und Abenteuerstücken, aber auch Kabarett, Puppenspiel sowie diversen musikalischen Darbietungen aufwarten. Bereits 1991 haben hier „begeisterte Bürger aus der Gemeinde Sohland an der Spree und der Stadt Schirgiswalde mit Hilfe der kommunalen Verwaltungen die Naturbühne zu neuem Leben erwachen“ lassen – es wird von Mai bis September „gesungen, getanzt, gestritten, gefochten, geritten, geflirtet und vor

allem viel gelacht“. So erzählt es die Netzpräsenz, die offensichtlich aus jener Zeit stammt. Vor allem die Märcheninszenierungen der Kinderbühne Sohland, die bis 2001 hier tobten, waren beliebt, aber auch die Spielgemeinschaft Schirgiswalde mit eigens entworfenen Stücken von „Siegfried darf nicht platzen” über „Schneewittchen und die 7 Aktionäre” bis hin zu „Eckhard, die Russen kommen” nutzen die Idylle oberhalb des Stausees und unterhalb der Kälbersteine (487 Höhenmeter über der Ostsee) – auch die legendärrre Mundarrrtgrrruppe Sohland („Dr guddgleebche Nubbr”) ist seit 1995 mit im Boot. Diesen Sommer serviert die Spielgemeinschaft zehn Mal in der nahezu netzfreien Natur „Hilfe, mein Landsknecht twittert“.

Sehenswertes Kämpfen und Sterben

Zurück nach Bischofswerda – wo die Karl-May-Festspielzeit so exorbitant tobt, dass sie nach zwei intensiven Wochen schon vorbei sind. Hier genießen die laut Eigenwerbung „kleinsten Karl-May-Spiele mit den jüngsten Darstellern“ Deutschlands das Privileg einer „Welturaufführung“, denn mit großem Aufwand, vielen Pferden, zwei Kutschen, zwei Ochsen, einem Adler und rund achtzig (!) Darstellern wurden insgesamt 16 Aufführungen von geboten – und zwar in einer ausgewiesenen Profifassung von Dieter F. Gottwald aus Neumünster, der aus sonst für die größte May-Bühne der Republik, jene in Bad Segeberg, arbeitet. Die Besonderheit hier: Es spielen fast nur Laien, in diesem Jahr im Alter von zwei bis achtzig – und die Hauptrollen sind einmal von Kindern und einmal von Jugendlichen besetzt – wobei die Stars der einen Vorstellung jeweils als Komparsen in der zweiten mitspielen.

Mit Ausnahmen: So spielt Jakob Seim zweimal hintereinander unseren Edelsachsen Old Shatterhand – erst mit Samuel Busch, dann mit Serdar Reitner als edlem Blutsbruder Winnetou, allesamt gut zu Pferde und in und im Schuss. Stuntman Holm Hermann, einziger leibhaftiger Profi, darf je zweimal sterben: Am Ende – als Double von Bösewicht Fred Morgan, der in beiden Inszenierungen, einmal von Janko Scheudeck, dann von Johann Gähler in gruseliger Kaltblütigkeit gegeben.

Es geht dabei natürlich ums Land und Reichtum der Ureinwohner, hier der Komanchen – die mit einen kämpferischen Häuptling aufwarten, dem allerdings die beiden May-Helden vor rascher Rache und damit einigen Kollateralschäden abhalten – und dennoch ein gutes Ende generieren, obwohl bis dahin recht schnell und hart gestorben wird.

Regie führt – wie in den 25 Jahren zuvor – Uwe Hänchen, der die Zuschauer als Indianerhäuptling verkleidet begrüßt. Das hat seinen Grund, den er spielt den erwachsenen Schamanen und hat dort die eindrucksvolle Adlerszene, die zuvor dem späteren Winnetou Serdar Reitner anheimfiel. Hänchens Sohn Ben, jetzt 30 und in Leipzig zu Hause, spielt seit Anfang, also seit dem 13. Juni 1993, stets mit – und ist seither stets dabei.  Sie trotzten nicht nur erfolgreich zwei deutschen Vorrundenspielen im Weltherrenfußball, sondern auch dem dazu passenden „Waldbühnenwetter“, welches im Netz mit „13 °, leichtes Nieseln, Luftfeuchtigkeit: 93%, Windstärke: 3m/s WNW“ Vorfreude verhieß. Hänchen junior, als Journalist gleichzeitig noch Pressesprecher, erklärt, dass man immer, also auch bei Regen spiele, solange keine Gefahr drohe und das Publikum bleibe. Der einzige jedoch, der durchgängig mit freien Oberkörper spielte, war „unser Afghane“: Mojtaba Maleki, zum dritten Mal dabei, spielt den Häuptlingssohn Ma-ram, der auch in der Kinderversion in Form von Jan Teichert auffällig war und den titelgebenden tödlichen Staub, also „Deatly Dust“ aus der Höhle unter der Bewachung vom leibhaftigen Adler holte, um Lebensmittel bei den Weißen einzukaufen. Er zeigt schon vorher in eleganter Präsenz und leichtem Dialekt einen großen Vorteil graziler Einwanderer – sie geben perfekte, schmerzfreie Bühnenindianer ab.

In der Kindervorstellung waren bald auch die krankheitsbedingten Ausfälle von Shelley, Sanchez und To-kei-Chun vergessen, die bei der Premiere von der großen Doppelbesetzung (also zweimal hintereinander!) gespielt wurden und von Danny Bauch, Oliver Katzer und Angelo Teichert höchstselbst gespielt wurden.

Diese herzerfrischenden Theatererlebnisse gibt es für Eintrittspreisen von vier oder sieben Euro selbst in der ersten Reihe an der Abendkasse. In Rathen, wo in diesem Sommer auf der Landesfelsenbühne Winnetou I läuft, zahlt selbst man in Platzgruppe III mehr als das Doppelte. Hier kann derweil jeder Geneigte danach noch einen Obulus in den Comboyhut werfen. Denn im nächsten Jahr locken die 27. Karl-May-Festspiele – die Lehre aus 2018 heißt: Nur frühe Vorverkaufsvögel haben die Chance auf fette Kartenwürmer für erwärmendes Volkstheater mit Herzblut. Der Vorverkauf für „Unter Geiern – Der Sohn des Bärenjägers“ startet ab Mai 2019 auf der Netzpräsenz. In Sohland twittert der Landsknecht noch am 11. und 12. August um Hilfe, dann übernehmen wieder Wolf und Nachbarn die Herrschaft über die Kälbersteine, während unten am kleinen Spreestausee wie wild (aber echt) gehairatet wird.

Andreas Herrmann
Titelbild: „Tödlicher Staub“ war ein liebevoller Doppelspaß auf der Waldbühne Bischofswerda – einmal mit Kindern, einmal mit Jugendlichen in den tragenden Rollen. Foto: Karl-May-Spiele Bischofswerda/Peter Stürzner

Info
www.karl-may-spiele-bischofswerda.de; www.waldbuehne-sohland.de

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