Begegnung mit den Mumien von Illmersdorf

„Bitte keinen reißerischen Artikel über die Mumien!“ sagt Pfarrer Robert Marnitz am Telefon. Der evangelische Pfarrer kennt seine Pappenheimer, schließlich haben diese Schreiberlinge nur eines im Sinn: Den Gruselfaktor auszuschlachten. Und ja. Eine der vier sichtbaren Leichen ist auffällig angeschnallt. Und ja. Es gibt diese Legende, die Frau wäre nur scheintot gewesen, das Erbe schon aufgeteilt, die gierige Verwandtschaft fesselte die Alte an die Totenlade und schließlich hätte diese bei der Beerdigung von innen an den Sarg gehämmert. Der Korpus blieb festgebunden, weil man die Frau für eine Wiedergängerin, eine Untote, hielt und ihren unheilvollen Einfluss aus der Gruft heraus verhindern wollte. Und ja. Ich muss das kurz erwähnen, denn ein bisschen Grusel macht doch Spaß.

Kommen wir zum tieferen Teil der Geschichte. Im Jahre 1738 fiel – mutmaßlich durch Erbschaft – dem adligen Offizier Caspar Ernst von Normann ein Stück Land in Illmersdorf bei Drebkau zu. Er muss das irdische Ende seines Lebens geahnt haben, denn kurz darauf ließ er eine neue Dorfkirche erbauen. Jemand, der Geld übrig hat, um sich auf seinem Gut einige Extras zu leisten, der würde wohl heute eine Sauna, einen Swimmingpool oder einen Teich errichten. Der Obristwachtmeister aber baut ein Gotteshaus. Was drängt einen Menschen dazu? Die Erfahrung, die er als Offizier in der preußischen Armee erlebte und die im Innenleben eines Soldaten den Saulus zum Paulus hervortreiben kann? Der gesellschaftliche Anreiz zu jener Zeit, wo eine solche Baumaßnahme zu allgemeinem Ansehen führte? Oder doch der innige Wunsch für sich und die Gemeinschaft, einen Ort zu schaffen, bei dem die Kontaktaufnahme mit Gott (und sich selbst) quasi der Anlass des Eintretens ist? Der Auferstehungsaltar und die biblischen Sprüche an den Emporen erzählen jedenfalls von einem gottesfürchtigen Bauherrn, der sich und den Seinen (den letzten) Trost im Schoße Gottes ermöglichte. Zehn Jahre nach Erhalt des Guts Illmersdorf stirbt von Normann und wird in der kleinen – im hinteren Abschnitt der Kirche angesetzten – Gruft beigesetzt. Die nachfolgende Verwandtschaft wird es ihm gleichtun. Insgesamt liegen elf tote Menschen aus einer vergangenen Epoche in der Gruft. Fünf Frauen, drei Männer, zwei Kinder und ein Säugling.

Und jetzt passiert das Wunder. Aufgrund von speziellen physikalischen Gegebenheiten, die nur ein Fachmann erklären kann, die aber mit richtiger Balance von Luft und Trockenheit zu tun haben, werden alle elf Leichen mumifiziert. Merke: Luft, der wichtigste Verbündete unseres Lebens – nach zwei Minuten ohne Luft heißt es Good Bye – kann uns nach hinten raus unsterblich werden lassen… Vier Särge hat man geöffnet und hinter Glas sichtbar inszeniert. Fünf Mumien sind anzuschauen, denn die Schwiegertochter ist bei der Geburt ihres Kindes gestorben und der Säugling wurde der Mutter beigelegt. Die Kirche ist kein klassisches Museum. Sie ist immer noch ein lebendiges Gotteshaus, welches an den großen kirchlichen Feiertagen zu Gottesdiensten einlädt. Mein Eindruck ist folgender: Illmersdorf ist ein kleines Nest. Die Kirche, die ab Mitte der 90-er Jahre saniert wurde, wirkt unauffällig. Um so überraschender ist der Schatz, den sie enthält. Die Art und Weise, wie man Zugang zu den Mumien erhält, ist alles andere als aufmerksamkeitserheischend. Die Ruhe der Toten wird eben respektiert. Zutritt ist nur über zwei Schlüsselmeister möglich. Durch Pfarrer Marnitz oder über das ortsansässige Ehepaar Dittrich. Beide Parteien öffnen gerne den unauffälligen Tempel und berichten über interessante Details. Als die sowjetischen Soldaten kamen…, als noch zu DDR-Zeiten die Gruft für alle zugänglich war…, als die Sanierer kamen… Hörenswert! Robert Marnitz sagt: „Warum soll man nach Ägypten fahren? Wir haben in Branitz die Pyramiden und in Illmersdorf die Mumien!“ Ich möchte folgendes anmerken: Plötzlich wird die Tür zur Gruft geöffnet und du trittst in eine überwältigende Zwischenwelt ein. Das Thema Sterben klopft wieder einmal an dir mit der Frage: Lebe ich mein Leben richtig? Gepaart mit einem echten Rückblick auf unsere Altvorderen, wie sie dort in ihrer Originalkleidung liegen. Bedruckte Firmenlogos gab es jedenfalls noch nicht. Mit welcher Kleidung würden wir heute nicht verwesen?

Daniel Ratthei
Titelbild: Mumien unter sich. Foto: Daniel Ratthei

Mein Tipp:
Illmersdorf ist von Cottbus aus mit dem Fahrrad gut zu erreichen und ein idealer Sonntagsausflug. Wer die Mumien sehen möchte, muss sich bei der evangelischen Kirchengemeinde Cottbus-Süd melden und einen Termin ausmachen. Die Telefonnummer lautet 0355/ 52 28 28. Ostermontag findet um 9 Uhr der nächste Gottesdienst statt. Im Anschluss besteht die Möglichkeit, die Kirche zu besichtigen.

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