Eine Theaterrundreise durch den Lausitzsommer 2019 – Zittau, Jonsdorf und Senftenberg locken noch

Eigentlich schufen sich die Fürsten, später das Bürgertum gegen die Widrigkeiten der Freiluftbühnen feste Theatertempel als Burg. Somit waren Störfaktoren wie Sonnenlicht,  Lärm, Ungeziefer, Spanner und vor allem Wetterwechsel ausgeschlossen. Doch in den jüngsten beiden Dekaden ging der Trend ab Juno, wo die Besucher drinnen spärlicher wurden, unaufhörlich nach draußen. Doch mal schauen, wie lange noch, denn der Klimawandel fördert bei Rekordtemperaturen, bei denen man nicht in der Sonne spielen oder dabei zugucken mag, auch immer mehr Abbrüche und Ausfälle, nicht selten unwetterwartig – so wie bei „Venedig im Schnee“ der am Donnerstag vor Pfingsten an der Stadthalle zu Görlitz im Hagel versank. 

Dennoch ist man in Ostsachsen quasi dermaßen umzingelt von netten Freiluft- oder gar Naturbühnen, die mit großem Einsatz samt Liebe bespielt werden, welche allein den Landeszuschuss rechtfertigte, so dass man schon genau planen muss, um nichts zu verpassen. Dabei ist der Bautzener Theatersommer auf dem Hof der Ortenburg, der just seine 24. Auflage erlebt, gewöhnlich der härteste, aber auch der zuschauerträchtigste. Volkstheater-Intendant Lutz Hillmann hat Wort gehalten und den eigenen Olsenbanden-Erfolgsfluch beendet, wo trotz 35 Vorstellungen per anno über drei Jahre kaum eines der 1200 Plätzchen leer blieb. Nun hat er, fast 30 Jahre nach der Wende den 20 Jahre alten Erfolgsroman von Thomas Brussig neu inszeniert: „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“, welche das südliche in Ostberlin war, in bewährter musikalischer Leitung von Tasso Schille.

Als Gastchoreographin für die Reise in die wilden 70er, die noch bis 28. Juli diesseits des vor Faschisten schützenden Schutzwalls, verlegt auf den nördlichen der Ortenburghofes läuft, blieb Gundula Peuthert, bekannt aus Görlitz und Cottbus, nach der vorherigen „Orestie“ gleich da. Beim feierlichen Premierenstartschuss mit der Hotzenplotz-Pistole bekannte sich SPD-Oberbürgermeister Alexander Ahrens mutig berlinernd dazu, dass er am längeren Ende, rund drei Fußminuten vom folgenden Tatort entfernt, aufwuchs, und dass Westberliner keinesfalls Wessi seien, sondern genauso unter deren Bevormundung leiden und sie genauso nennen.

 

Sonnenallee in Bautzen

Sonnenallee in Bautzen: Das erste Telefonat nach der Eingabe ist für Sohnemann Micha (Richard Koppermann): Die Traumfee Miriam ruft an …
Foto: PR / Uwe Soeder

Berliner Sonnenallee

Die ambivalente und gut austarierte Komödie um die erste Liebe, die Heimtücke von Westeinfluss und Ostdiktatur, ist weitestgehend Ossikult und wird hier von rund 25 Musiknummern aus der Kernzeit von 1967 bis 1980 garniert, wobei dadurch die Geschichte mit Personenschicksalen und innewohnender Melancholie etwas kurz kommt. Jeder bekommt irgendwann seine Jugendmusik und damit prickelnde Erinnerungen an dazugehörige Erfahrungen geboten. Jeweils doppelt dabei: The Puhdys, die Stones und ihre Beatles, aber auch T. Rex mit „Get it on“ sowie „Children of the Revolution“ sowie Frank Schöbel mit „Ich geh vom Nordpol zum Südpol zu Fuß“, aber auch Renfts „Als ich wie ein Vogel war“ als Gänsehautgarantie.

Regisseur Hillmann hat ein quirliges Jungenquartett, das auf diversen Suhler Mopeds heranbrummt, allen voran Hauptheld Richard Koppermann (Schwalbe) mit seinen auserwählten Musicalqualitäten. Ihm assistieren mit Jurij Schiemann (rote Schwalbe), István Kobjela (Star) und der neue Puppenspielchef Stephan Siegfried (SR2) als drei Mitaufmüpfige in buntem Schlabberlook, der nur in Ostberlin en vogue war und von denen sich zweieinhalb erste handfeste Techtelmechtel mit dem anderen Geschlecht liefern, wobei Lisa Lasch als Existenzialistin auf den Spuren von Simone de Beauvoir sexuell erfolgreicher als Elevin Katharina Pöpel agiert, so dass der von ihr verlassene Micha dann doch den zutiefst Schlusspunkt aus dem Haußmann-Film nachempfinden darf, den viele heute heimatlandlose Ossis teilen.

 

Doppelter Soho-Mond

Kurz zuvor lockte bereits der Senftenberger See bei schönster Sonne zum Soho-Mond. Denn im Amphitheater, gelegen am Strand von Großkoschen und genauso zeltartig überdacht wie die Waldbühne Jonsdorf, wird diesen Sommer Brechts „Dreigroschenoper“ vom Schauspielensemble plus Verstärkung um sieben Musiker unter Leitung des Dresdners Benjamin Rietz in Regie von Intendant Manuel Soubeyrand geboten. Es ist wirklich erstaunlich, aber das Werk, spielend im Londoner Zwielicht Sohos, hat trotz der allgemeinen gesellschaftlichen Lage in den vergangenen Jahren recht wenige neue Aufführungen erfahren. Draußen ist das Stück in einem Vorspiel und acht Bildern mit Musik von Kurt Weill nach John Gays „The Beggar‘s Opera“, bei der immer die Übersetzung von Elisabeth Hauptmann erwähnen muss, noch seltener zu erleben – das in der Startsaison 1928/29 anders: rund 4000 Aufführungen in zirka 200 Inszenierungen europaweit folgten der Premiere.

In der Amphibühne – nochmal am 22. & 23. August (je 19.30 Uhr) – erleben wir nahes Spiel plus gute Sicht wie Akustik. Intendant Manuel Soubeyrand bleibt trotz aller Songs klar unter drei Stunden beim Spiel, Barbara Fumian, die schon beim jüngsten Stürme-Spektakel überzeugte, schuf ihm dazu als  Bühnen- wie Kostümbild einen amerikanischen Fratzenschlund als Auf- und Abtrittstor sowie generell halb-edles Streifendesign in schöner wie klarer Optik. Vor allem schätzt er die Gesangsqualitäten seines Ensembles – in den vergangenen Jahren hier mit Urlaubsschmonzetten im Traumschiffmilieu gepflegt – genau ein und gönnt uns letztlich ein individuelles Politikerpuzzle, in dem man jede Figur in jeder Partei verorten kann und findet auch zu jeder Szene der kommenden Wahlkrampf- wie Parlamentsinszenierungen den passenden Song.

Dreigroschenoper am Senftenberger See:

Dreigroschenoper am Senftenberger See: Peachum (Erik Brünner) kurz vorm Galgensieg über Kurzzeitschwiegersohn Macheath (Tom Bartels). Foto: PR / Steffen Rasche

Gangsterdreikampf in Sonderbehandlung

An diesen Brechtchen Gangsterzweikampf im Schatten der britischen Krönungsfeier als Stück zur Wahlstunde kann man sich im Görlitzer Musiktheater zumindest seit 1976 nicht mehr erinnern. Nun kam das Urstück des Berliner Ensembles vier Wochen nach der Senftenberger Version und leicht über 90 Jahre nach der Uraufführung gleich ein zweites Mal in unmittelbarer Reichweite – im Görlitzer Stadthallengarten. Und das ebenso in exklusiver Intendantenbehandlung, hier jene der Zittauer Schauspielchefin Dorotty Szalma, die in dieser Spielzeit wahnsinnige sieben Inszenierungen auf die Bühne brachte und auch in Brüssel mit einer jugendfrischen Performance einen großen Erfolg beim Städtevergleich der drei sächsischen Weltkulturhauptstadtbewerber einfuhr. Nun hatte sie, verstärkt um ihren Chefdramaturgen Gerhard Herfeldt, den famosen Prager Ausstatter David Marek und ihrer Zittauer Musicalperle Martha Pohla sowie den neuen Schauspieler Paul Nörpel als dynamischen Filch und Münzmatthias, das gesamte Görlitzer Opernensemble im Einsatz für die etwas andere „Dreigroschenoper“, eine Woche nach der Bürgermeisternachwahl, nach der die Stadt nun mit Solotrompeter und Ex-Intendant zwei Theaterleute als Bürgermeister hat.

Dabei gibt es an der musikalischen Begleitung von zwölf Musikern der Neuen Lausitzer Philharmonie unter souveräner Leitung von Ulrich Kern rein gar nichts auszusetzen, auch die Musiker hinter dem Bühnenbild, einer abgefuckten Vorstadtkulisse im Jahrmarkt- respektive Rummeldesign mit viel lustigen Graffitis und interessanten Kostümen, kaum zu sehen sind. Hauptproblem ist die Verkürzung auf knapp über zwei Stunden, die einiges an Figurenentwicklung raubt. Hauptdarsteller Ji-Su Park singt als Mackie Messer souverän, wirkt aber als eigentlich mordender Messermörder viel zu galant anstatt gefährlich und wird nur einmal echt triebhaft. Gern schaut und hört man den alten, gewitzten Widersachern zu: Stefan Bley spielt mit seinem ultratiefen Bass den korrupten Polizeichef Tiger Brown und Bariton Hans-Peter Struppe den Bettlerkönig Papa Peachum im schwarzen Ledermantel.

Bleibt als Fazit, dass wenn man diese Inszenierung, so man sie (so wie Senftenberg ihre als Weihnachtsgeschenk) noch ins Haus holen will, nochmal um einiges ergänzen sollte.

Dreigroschenoper in Görlitz

Dreigroschenoper in Görlitz: Per Hochzeitskutsche werden Polly und Macheath (Martha Pohla und Ji-Su Park) zum Kurzzeitpaar angeschoben. Foto: PR / Artjom Belan

Volkshelden im Dreieck

Nun endete die Görlitzer Spielzeit gar vier Wochen eher als jene ihrer Zittauer Kollegen. So wird die Waldbühne Jonsdorf vom Schauspielensemble noch bis 11. August bespielt. Seit sechs Jahren mit eigens entwickelten Stücken, dieses Jahr hat sich Regisseur Axel Stöcker die Volksfausthelden Terence Hill und Bud Spencer und deren Film “Vier Fäuste für ein Hallejulah”, auch bekannt als Italo-Western namens “Der Kleine und der müde Joe” aus dem Jahre 1971, vorgenommen – mit insgesamt 25 Vorstellungen. Und in der Zwischenzeit wartet im renovierten Zittauer Klosterhof schon seit Mitte Mai und bis 8. August insgesamt 13-mal Schillers „Die Räuber“ in Regie von Olga Wildgruber als zweite Freiluftinszenierung. Der leider wegen Westwechsel scheidende Wiener Florian Graf spielt sowohl Trinity (also Terence Hill) als auch Franz Moor, sagt also recht energisch statt leise “Servus”. Und wird dabei garantiert ebenso arg gefeiert wie Chefdramaturg Gerhardt Herfeldt, der im Herbst nach Basel wechselt. Da die

 

„Die Räuber“ in Zittau: Regisseurin Olga Wildgruber lässt im Klosterhof zu Zittau Schillers Gebrüder Moor edel räubern. Foto: PR / Pawel Sosnowski

 Kleinste als Größte

Wer Neues von Karl May will, der muss in Sachsen nach Schiebock fahren. Nachdem die dortigen Fortschrittfußballer endlich wieder ostsächsischer Herrenmeister sind, um klassenmäßig wieder mit Energie zu spielen, widmete sich dieses Jahr auf der Waldbühne Bischofswerda bei „Deutschlands kleinsten Karl-May-Spielen mit den jüngsten Darstellern“ dem Werk „Unter Geiern – Der Sohn des Bärenjägers“ in der Fassung von Dieter F. Gottwald und Uwe Hänchen.

Ausgerichtet von der „Spielgemeinschaft Gojko Mitic“ wird die Inszenierung meist als Doppelpack gegeben, wobei das K hinter der Veranstaltung für Kinder und J für Jugendliche in den Hauptrollen steht. Es lohnt sich wirklich, beide, im Prinzip gleiche Inszenierungen, aufgrund der Doppelbesetzung hintereinander zu sehen. Außerdem gibt es Pferde vom Gründer-Gut Wölkau, allerlei anderes Nutzgetier und drei Greifvögel von Hans Peter Schaaf aus Moritzburg.

All das verdient eindeutig das Prädikat: Muss man erlebt haben: Denn es wartet herzliches, selbstgemachtes Theater mit tollen Reitereien, echten Knallereien und einem  Stuntman. Jener Holm Herrmann stirbt mehrfach – und ist seit diesem Sommer echt vergeben. Denn nach einer Vorstellung holten Winnetou und Old Shatterhand seine Geliebte samt Kind auf die Bühne – und es gab einen Heiratsantrag wie in Hollywood.

Die Hauptrollen, nämlich jener der edlen Radebeuler Rothaut namens Winnetou und dessen sächsischem Kompagnon Old Shatterhand, sind sogar je dreifach besetzt, denn der Jahreshöhepunkt der Spielgemeinschaft ist auch ein enormer Kraftakt. Rund 80 Leute stehen auf der Bühne, vierhundert jubeln ihnen insgesamt 16 mal zu, das ganze Areal ist eine Serviceoase zu fairen Preisen, die jetzt noch ausgebaut werden soll.

 

Drei Winnetous Sechs Freunde müsst Ihr sein: Drei Winnetous (Samuel Busch, Jan Teichert und Serdar Reitner, v.l.) retten die Welt samt Bärenjäger unter Geiern … Foto: PR / KMS

drei Old Shatterhands … gemeinsam mit drei Old Shatterhands (Richard Otto, Benjamin Boden und Jakob Seim) bei den 27. Karl-May-Spielen auf der Waldbühne Bischofswerda. Foto: PR / KMS

Diesmal ebenso spannend: Gründer und Intendant Uwe Hänchen spielt den alten Bärenjäger Karl Baumann, sein Sohn Ben dessen Sohn Martin. Interessantes Detail dabei: Der junge Bärenjäger Marvin Jannasch erlegt seinen Kinderbären (Johann Gähler – später der böse Häuptling Schwerer Mokkasin) im sportlicheren Zweikampf, während Ben Hänchen seinen ersten Bären (Marcel Schön) recht rasch erledigt, dann aber oben auf dem Berg gegen Holm Herrmann, der Gähler vorm finalen Sturz und Knall doubelt, länger rangeln darf. Neben etlichen Familienaufstellungen gibt es bekannte  Vater-Sohn-Duette: Bautzen Intendant Lutz Hillmann erholt sich hier als Sprecher vom Sonnenallee-Mauerstress, sein Sohn Hans Alvin reitet ebenso schnittig als Indianer mit wie Tristan Amadeus Gründer, Sohn von Jethro D. Gründer, Betreiber des naheliegenden “Theaters im Pferdestall”. Im nächsten Jahr folgt die Fortsetzung bei den 28. Karl-May-Spielen. „Unter Geiern – der Geist des Llano Estacado” heißt es dann vom 5. bis 19. Juli 2020 auf dieser Insel des verdichteten Humanismus, wobei ab Mai der Frühe-Vogel-Wurmverkauf erfolgt, alle alle späteren haben schlechte bis keine Karten.

 Andreas Herrmann

 

 

 

 

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